Von der Erfindung des echten Wieners

22. November 2010, 18:53
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    Kulturelle Differenz als strategisches Politik-Mittel: Comic der FPÖ 2010.

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    Vorstellung von zivilisatorischer Unterlegenheit: Bosnier in der Zeitschrift "Kikeriki" nach der Annexion 1908.

Ab Anfang des 20. Jahrhunderts mussten Binnenmigranten aus der Monarchie, die das Bürgerrecht erhalten wollten, einen Eid auf den deutschen Charakter von Wien ablegen

Wien - Wiener zu werden war nicht gerade einfach. Man musste zehn Jahre einen festen Wohnsitz in der Residenzstadt und zehn Jahre Steuern gezahlt haben. Ab dem Jahr 1900 mussten die Menschen, die aus Böhmen und Mähren nach Wien gezogen waren und sich um das Bürgerrecht bewarben, zusätzlich den Eid ablegen, den "deutschen Charakter der Stadt nach Kräften aufrecht erhalten" zu wollen. Das Loyalitätsbekenntnis der oft Nicht-Deutschsprachigen zum "Deutschen" hatte der damalige Bürgermeister Karl Lueger selbst verfasst. Damals forderten deutschnationale Politiker, dass den "slawischen Friedensstörern" überhaupt die Aufnahme in den Gemeindeverband verwehrt wird. Es waren die Eliten, die sich von den nichtdeutschsprachigen Zuwanderern bedroht fühlten, obwohl die Entwicklung Wiens zur Großstadt nur durch die Zuwanderung hunderttausender Menschen aus den nichtdeutschsprachigen Teilen der Monarchie möglich war, erklärt die Historikerin Heidemarie Uhl (siehe "Kultur wird zu einer Fabrik von Identität").

Jene, die Deutsch nicht als Umgangsprache verwendeten, wurden als "nichtwienerisch" definiert. Als Krücke für diese Festschreibung diente die Idee einer zivilisatorischen Überlegenheit der Deutschsprachigen. Das führte im Jahr 1909 sogar so weit, dass die Komensky-Privatschule im dritten Bezirk, an der auf Tschechisch unterrichtet wurde, verbarrikadiert und mit Brettern vernagelt wurde.

Exkludiert

Obwohl im Jahr 1900 nur 6,1 Prozent der Wiener Tschechisch als ihre Umgangssprache angaben und trotz der supranationalen Verfasstheit der Habsburgermonarchie wurden nichtdeutschsprachige Zuwanderer aus dem "Wiener Volk" exkludiert. Der Journalist Friedrich Schlögl etwa beschrieb im Jahr 1886 den richtigen Wiener folgendermaßen: "Sie verschaffen dem Gesammtgebilde der bunten Stadt gerade durch ihre markanten Chargen noch immer das Gepräge des 'Wienerthums', und man kann und wird deshalb ungeachtet der vielköpfigen Invasion von Repräsentanten anderer Racen, Stämme und Nationalitäten, wenn man von 'Wien und den Wienern' in ihrer Totalität spricht, unter letzteren doch meist nur den - richtigen Wiener im Auge haben."

Interessant ist, dass der "echte Wiener" also in einer Zeit starker Migration erfunden wurde. Die Wiener Bevölkerung stieg von 674.000 Einwohnern im Jahr 1875 auf zwei Millionen im Jahr 1910. Damals gab es anders als heute von manchen Migranten die Forderung, ihre Sprache dem Deutschen gleichzustellen. "Obwohl Sie Bürgermeister der Reichsmetropole geworden sind, deren Entwicklung und günstige Entfaltung nur bei einer absoluten Gerechtigkeit gegenüber den Angehörigen aller Stämme und Völker in Österreich möglich ist", schrieb das tschechische Tagblatt Vídensky denník am 20. Juni 1907 an Lueger, "haben Sie es für Ihre Pflicht erachtet, auf einmal umzusatteln und die Residenzstadt auf das Niveau einer rein deutschen Hinterwäldlerstadt herabzudrücken (...) wobei uns mit aller Macht der gerechte Anspruch auf Befriedigung der eigenen nationalen Bedürfnisse und Lebensbedingungen verweigert wird." (Adelheid Wölfl/(DER STANDARD-Printausgabe, 22.11.2010)

Kommentar posten
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living reef
00
28.1.2011, 10:08
ersetze im letzten absatz "lueger" mit dem möchtegernbürgermeister "strache"

Pessimist-Realist
 
00
Das färbige Comic links oben...

...stammt also von der FPÖ.
Ich muss gestehen, dass ich auf den ersten Blick dachte, es entstamme den Grauen Wölfen oder gar ATIB (naja, der unterschied bei den beiden ist fließend).
Naja, irren ist menschlich. ;-)

Fritz Wunderlich
00

"wobei uns mit aller Macht der gerechte Anspruch auf Befriedigung der eigenen nationalen Bedürfnisse und Lebensbedingungen verweigert wird."

das war eher eine tschechisch-nationale kampfansage an die deutschnationale dominanz

nun ja

Long Dong Kong
27
23.11.2010, 22:09

Es hat schon gewisse Vorteile, wenn man vorwiegend nur eine Sprache als Hauptsprache verwendet und zwar jene die schon überwiegend gesprochen wird und das ist in Wien nun mal Deutsch.

Beim babylonischen Sprachgewirr ist ja bekannt wie das ausging,auch wenn es ein Gleichnis ist^^

pipi pipifax
10
10.1.2011, 22:41

sie nehmen die babylon-story als geschichtliches ereignis wahr? oje.

Long Dong Kong
01
10.1.2011, 23:17

FERTIGLESEN !!!

Barbarin
10
Falsch...

...Französich war das!

...Deutsch war lange Zeit nur für den Pöbel!

...oder Latein als Kirchensprache.

Pessimist-Realist
 
01

Na, wer hat wohl den Großteil der Bevölkerung ausgemacht: Habsburger oder Pöbel? ;-)
Umgangssprache für die meisten Menschen, und somit vorwiegend, wurde/wird in Ö dt gesprochen.
Nebenbei bemerkt, waren die Sprachen des Königkshauses spanisch, französich und dt, also nicht NUR franz.
Aber immerhin mit der Sprache der Kirche hast recht. ;-)
1/3 also richtig geschrieben.

Long Dong Kong
00

Aber für diesen Namen weiß sie ja eigentlich eh schon ziemlich viel :-)

Pessimist-Realist
 
00

Für die ges. Kreise aus denen sie zu stammen scheint stimmt das auch.
Der Rest muss über solche Kommentare die Augen rollen.

donaquijote
01
22.12.2010, 00:02

nein. es waren die sprachen der monarchie anerkannte sprachen. die hauptsprachen des kaiserhauses waren deutsch, spanisch, französisch - und wie weidlich breitgetreten auch ungarisch. französisch war die politische und diplomatische verkehrssprache, und es galt als bürgerlich schick, französisch zu können.

fast 40 prozent der gewerbe- und industriebetriebe hatten besitzer, die nicht aus dem heutigen österreich stammten.

faktum war, dass österreich vor allem im osten und süden immer schon grenzland im sinne von "ausläufer"zonen zwischen kernzonen von sprachen und großen kulturräumen lag und so ist auch die geschichte dieser länder.

und nur weil die donau ... babenberger irgendwann einmal hier gelandet ... daher auch immer kämpfe ...

Long Dong Kong
00
23.12.2010, 22:53

Aber Verkehrssprache ist hier nun mal die deutsche Sprache, weil immer noch die Mehrheit und auch der gemeinsame Nenner ist.

Jetzt auf Esperanto oder Suhaeli umzumodeln-weil manche mit der deutschen Sprache probleme haben(weil wahrscheinlich "deutsch" drinnensteckt ) ist nicht nur utopisch sondern auch völlig sinnlos...

donaquijote
00
28.12.2010, 02:36
richtig. nur mehrsprachigkeit heißt ja eben genau nicht ummodeln,

sondern ist - siehe auch schweiz (blödes beistpiel) - ein kulturgut. und wir leben in einem staatenverbund, in dem es 26 amtssprachen gibt, nichts desto trotz werden lokale sprachen heftig gefördert - sh katalonien, sh norditalien. und schon gibt es dort menschen, die sich "padanisch" oder "venetisch" als national-regionale sprachen vorstellen können ... ich frage mich trotzdem, ob das ein vorteil für die region und ihre menschen wäre?
mein fazit: wenn politiker von sprache reden, so ist die frage nach einem symbolisch-mythologisierten anspruch auf vorherrschaft nicht weit. eine lehre aus der geschichte, wohl, aber z.b.: wäre das nie so gewesen, so würden wir heute vielleicht eine keltische variation mit slawischen einflüssen sprechen.

donaquijote
00
28.12.2010, 03:27

und der wahre witz an der geschichte ist der:

während wir - und viele andere - sich intensiv mit sprachen und leider vor allem mit abgrenzung und unterscheidung durch sprache auseinandersetzen - kommt ein wikileaks daher - auf englisch ... und alle verstehen es, keiner fordert eine übersetzung usw. usf.

bei sprache geht es heute vor allem auch um partizipation, also teilnahme am geschehen - im großen, wie im kleinen, global, regional, lokal - und da geht's um ganz andere mittel und ganz andere sprachen - tlw. sogar um rein akronymische zeichenfolgen und man müsste sogar einen computer verstehen, um die mittel meiner täglichen kommunikation wirklich zu beherrschen.

und da gibt es einen riesigen spalt, fast hätte ich ja "gap" gesagt ...

Long Dong Kong
00
29.12.2010, 22:49

Was die Leute im privaten bereich sprechen , dass kann man ja getrost ihnen selbst überlassen.
Eheleute mit derselbingen Sprache zb aus Island, kann man ja net zwingen Zuhaus auf Deutsch zu sprechen-das wäre wiedersinnig.
Aber im Amtsbereich klare Regeln-
Hauptverkehrssprache Deutsch.
Auch deßhalb um ALLE auf einen Nenner zu bringen,dass ist ja grundsätzlich nichts schlimmes.

Das Gemeinsame muss und soll gefördert werden,nicht das Trennende.

donaquijote
01

ihr wort in gottes ohr! nicht das trennende in den mittelpunkt stellen.

und das positive: wir hätten uns nie miteinander - auf deutsch - unterhalten, hätten wir uns nicht darüber gedanken gemacht :-)))

FII
76
23.11.2010, 21:18

der große Unterschied in der Zuwanderung von damals gegenüber heute ist der, daß die Zuzügler von damals zum überwiegenden Teil Christen waren!

Lala4
24
26.11.2010, 09:41
Die Zuzügler von heute...

...sind auch noch immer zum größten Teil Christen.
Also was wollen Sie uns sagen?

misanthropie
62
23.11.2010, 15:56
"haben Sie es für Ihre Pflicht erachtet, auf einmal umzusatteln und die Residenzstadt auf das Niveau einer rein deutschen Hinterwäldlerstadt herabzudrücken

die kannten DAMALS schon den strache-wahlkampf ??

erschreckend..

Randalf X.
00
23.11.2010, 17:27
Sie sehen wie gut es Ihnen unter Strache geht

Vor hundert Jahren wäre dieser Wahlkampf wirklich unter der Gürtellinie ausgetragen worden.

standardabweichung
04
23.11.2010, 15:56

wienerIn ist man von der sekunde an in der man/frau den mödezettl ausgefüllt hat. in der selben sekunde ist man auch von chronisch schlechter laune, starker selbstmordanfälligkeit und alarmierender grausamkeit behaftet was schließlich dazu führt dass hierorts zertifizierte höchste lebensqualität herrscht - ich lade somit alle ein

Tabriz Janée
54
23.11.2010, 15:27
Necmettin ERBAKAN:

"Die Europäer glauben, dass die Muslime nur zum Geldverdienen nach Europa gekommen sind. Aber Allah hat einen anderen Plan. Wir werden ganz sicher an die Macht kommen; ob dies jedoch mit Blutvergießen oder ohne geschieht, ist eine offene Frage."

Octopus Paul +
11
15.12.2010, 23:28

ja, erbakan hat jeden einzelnen vor seiner abreise genauestens instruiert...

mag2412
59
23.11.2010, 13:12
so wie da oide kreisky sogd

leanans geschichte.....

in der zeit zwischen 1870 und 1910 war österreich eine monarchie. bosnien, serbien, tschechien, ungarn usw. gehörten zu österreich. somit waren die bürger dieser staaten österreicher (ob das formalrechtlich so war weis ich nicht aber die logik wäre es, oder)

die serben, die montenegriner die kosovaren, die bosnier, die türken im jahr 2010 sind keine österreicher, sie sind auch keine europäer (im staatenbund) und somit stünden ihnen nach damaligen wertmaßstäben, weitaus weniger rechte zu.

insofern ist es ein wenig dämlich diese sache mit der heutigen situation 1:1 vergleichen zu wollen (adressiert an die diversen poster ohne hirn.)

misanthropie
13
23.11.2010, 15:58
die serben, die montenegriner die kosovaren, die bosnier, die türken im jahr 2010 sind keine österreicher, sie sind auch keine europäer

gut, österreicher sind sie heute nicht (mehr), aber warum sind sie keine europäer ??

ich glaub, da hat einer wegen geschichte den geopgraphie-unterricht geschmissen..

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