Von der Erfindung des echten Wieners

22. November 2010, 18:53
101 Postings

Ab Anfang des 20. Jahrhunderts mussten Binnenmigranten aus der Monarchie, die das Bürgerrecht erhalten wollten, einen Eid auf den deutschen Charakter von Wien ablegen

Wien - Wiener zu werden war nicht gerade einfach. Man musste zehn Jahre einen festen Wohnsitz in der Residenzstadt und zehn Jahre Steuern gezahlt haben. Ab dem Jahr 1900 mussten die Menschen, die aus Böhmen und Mähren nach Wien gezogen waren und sich um das Bürgerrecht bewarben, zusätzlich den Eid ablegen, den "deutschen Charakter der Stadt nach Kräften aufrecht erhalten" zu wollen. Das Loyalitätsbekenntnis der oft Nicht-Deutschsprachigen zum "Deutschen" hatte der damalige Bürgermeister Karl Lueger selbst verfasst. Damals forderten deutschnationale Politiker, dass den "slawischen Friedensstörern" überhaupt die Aufnahme in den Gemeindeverband verwehrt wird. Es waren die Eliten, die sich von den nichtdeutschsprachigen Zuwanderern bedroht fühlten, obwohl die Entwicklung Wiens zur Großstadt nur durch die Zuwanderung hunderttausender Menschen aus den nichtdeutschsprachigen Teilen der Monarchie möglich war, erklärt die Historikerin Heidemarie Uhl (siehe "Kultur wird zu einer Fabrik von Identität").

Jene, die Deutsch nicht als Umgangsprache verwendeten, wurden als "nichtwienerisch" definiert. Als Krücke für diese Festschreibung diente die Idee einer zivilisatorischen Überlegenheit der Deutschsprachigen. Das führte im Jahr 1909 sogar so weit, dass die Komensky-Privatschule im dritten Bezirk, an der auf Tschechisch unterrichtet wurde, verbarrikadiert und mit Brettern vernagelt wurde.

Exkludiert

Obwohl im Jahr 1900 nur 6,1 Prozent der Wiener Tschechisch als ihre Umgangssprache angaben und trotz der supranationalen Verfasstheit der Habsburgermonarchie wurden nichtdeutschsprachige Zuwanderer aus dem "Wiener Volk" exkludiert. Der Journalist Friedrich Schlögl etwa beschrieb im Jahr 1886 den richtigen Wiener folgendermaßen: "Sie verschaffen dem Gesammtgebilde der bunten Stadt gerade durch ihre markanten Chargen noch immer das Gepräge des 'Wienerthums', und man kann und wird deshalb ungeachtet der vielköpfigen Invasion von Repräsentanten anderer Racen, Stämme und Nationalitäten, wenn man von 'Wien und den Wienern' in ihrer Totalität spricht, unter letzteren doch meist nur den - richtigen Wiener im Auge haben."

Interessant ist, dass der "echte Wiener" also in einer Zeit starker Migration erfunden wurde. Die Wiener Bevölkerung stieg von 674.000 Einwohnern im Jahr 1875 auf zwei Millionen im Jahr 1910. Damals gab es anders als heute von manchen Migranten die Forderung, ihre Sprache dem Deutschen gleichzustellen. "Obwohl Sie Bürgermeister der Reichsmetropole geworden sind, deren Entwicklung und günstige Entfaltung nur bei einer absoluten Gerechtigkeit gegenüber den Angehörigen aller Stämme und Völker in Österreich möglich ist", schrieb das tschechische Tagblatt Vídensky denník am 20. Juni 1907 an Lueger, "haben Sie es für Ihre Pflicht erachtet, auf einmal umzusatteln und die Residenzstadt auf das Niveau einer rein deutschen Hinterwäldlerstadt herabzudrücken (...) wobei uns mit aller Macht der gerechte Anspruch auf Befriedigung der eigenen nationalen Bedürfnisse und Lebensbedingungen verweigert wird." (Adelheid Wölfl/(DER STANDARD-Printausgabe, 22.11.2010)

  • Kulturelle Differenz als strategisches Politik-Mittel: Comic der FPÖ 2010.
    foto: fpö

    Kulturelle Differenz als strategisches Politik-Mittel: Comic der FPÖ 2010.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Vorstellung von zivilisatorischer Unterlegenheit: Bosnier in der Zeitschrift "Kikeriki" nach der Annexion 1908.

Share if you care.