Der Papst, die Kondome und die Nazis

22. November 2010, 15:13
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In der Diskussion um die vermeintliche Kondom-Wende geht eines unter: der Papst hat einmal mehr seinen umstritten Vorgänger Pius XII. verteidigt

14 Zeilen ist er lang, der vermeintliche "Tabubruch" des Papstes und er lässt sich so zusammenfassen: In "dem einen oder anderen" Ausnahmefall - etwa bei homosexueller Prostitution -, wo die Fortpflanzung ausgeschlossen, die Gefahr der Ansteckung mit HIV aber hoch ist, könne ein Kondom der erste Schritt zu einer verantwortlichen, zu einer "anders gelebten, menschlicheren" Sexualität sein. So weit, so schwammig. Und dennoch drehen sich die an die Öffentlichkeit durchgesickerten Details der zu einem Buch ("Licht der Welt") gebündelten Gespräche zwischen dem Münchner Publizisten Peter Seewald und Papst Benedikt XVI. im Vorfeld weniger um dessen theologischen Kernbotschaften als um dessen Einschätzung des Kondoms.

Reihe weiterer Themen

Es war eine eher beiläufige Bemerkung im Verlauf von sechs Gesprächen, die der Papst nicht weiter ausführte, und trotzdem oder gerade deshalb ringen Medien nun um die Interpretationshoheit. Der Rest blieb unerwähnt oder ging zumindest unter. Dabei hakte Seewald eine ganze Reihe weiterer kritischer Punkte ab: den sexuellen Missbrauch durch Geistliche ("ein beispielloser Schock") oder etwa die Exkommunikation des Bischofs Richard Williamson von der erzkonservativen Piusbruderschaft, den er, wie er heute sagt, nicht teilrehabilitiert hätte, wenn er über dessen Holocaust-Leugnung informiert gewesen wäre. Oder das Zusammenleben islamischer und christlicher Gemeinden. Oder auch die seit Jahren umstrittene Seligsprechung Papst Pius XII. Jenem Papst, dessen Rolle im Zweiten Weltkrieg umstritten ist und dem vorgeworfen wird, mindestens zum Holocaust geschwiegen, vielleicht aber auch mit den Nazis kollaboriert zu haben. Eine Bemerkung, die im Laufe der Diskussion um die Kondom-Bewertung weitgehend unterging, die aber durchaus Beachtung verdient.

Pius XII. war von 1939 bis 1958 Oberhaupt der katholischen Kirche. Ranghohe jüdische Vertreter werfen ihm bis heute vor, seine Stimme nicht oder zu wenig gegen die Vernichtung der Juden durch die Nazis erhoben zu haben. Benedikt hat seinen Vorgänger stets verteidigt. Dieser habe mit stiller Diplomatie sehr wohl versucht, verfolgten Juden zu helfen, so gut das möglich gewesen sei. Nun bekräftige er im Gespräch mit Seewald einmal mehr, dass sein Vorgänger "mehr Juden das Leben gerettet hat als jeder andere".

"Zeit zur Reflexion"

Bereits 2008, aus Anlass seines 50. Todestages, hatte Benedikt XVI. seinen Vorgänger in Schutz genommen. Eugenio Pacelli, wie der Papst mit bürgerlichem Name hieß, habe sich nachdrücklich für Verfolgte eingesetzt, ohne dabei zwischen Religion, Ethnie, Nationalität oder politischer Orientierung zu unterscheiden, sagte Joseph Ratzinger damals bei der Gedenkmesse im Vatikan. Und er erkannte Papst Pius XII. per Dekret "heroische Tugenden" hinsichtlich seiner Beziehung zu Gott und seinem Glauben zu. Damit rückte der umstrittenste Papst der Kirchengeschichte der Seligsprechung und einer späteren eventuellen Heiligsprechung einen großen Schritt näher. Das Verfahren hierfür war kurze Zeit später bereits abgeschlossen. Benedikt XVI. aber setzte seine Unterschrift letztendlich doch nicht unter das Dekret. Aus Rücksicht auf Einwände jüdischer Vertreter, wie es danach aus dem Vatikan hieß, da das Oberhaupt der katholischen Kirche "gute Beziehungen zu den Juden" wünsche und Benedikt XVI. vor Unterzeichnung des Dekrets noch "Zeit zur Reflexion" brauche.

Papst Benedikt ist in der Vergangenheit sowohl von Juden als auch von Katholiken mit Nachdruck aufgefordert worden, die Seligsprechung Pius' ganz auszusetzen. Zunächst sollten sämtliche Archive zum Zweiten Weltkrieg ausgewertet werden, so die Forderung der Pius-Kritiker. Denn die Akten aus der Amtszeit von Pius XII. wurden noch immer nicht gänzlich für die Forschung freigegeben. Genau dokumentiert ist nur der Zeitraum zwischen dem ersten Luftangriff alliierter Bomber auf Rom im Juli 1943 und der Befreiung Roms Anfang Juni 1944. In diesem knappen Zeitraum rettete die katholische Kirche das Leben zehntausender italienischer Juden, die sich mit päpstlicher Erlaubnis in Klöstern und Kirchen verstecken konnten, als deutsche Einheiten sie zusammentreiben und deportieren wollten. Der Rest sind umstrittene Dramen und historisch zumindest teilweise fehler- oder lückenhafte Rekonstruktionsversuche. Aus heutiger Sicht, sind sich die Kritiker einig, scheint vor allem eins zu fehlen: ein symbolisches lauteres Aufstampfen, was immer er auch gebracht hätte. (fin, derStandard.at, 22.11.2010)

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    Pius XII., Papst zur Zeit des Zweiten Weltkrieges.

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    Papst Benedikt XVI. vor dem Grab Pius XII.

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    Papstkrone Pius XII.

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