Vom Faun bis zum Alien

21. November 2010, 18:04
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Britische und kontinentale Choreografie in St. Pölten und im Tanzquartier Wien

St. Pölten / Wien - Es ist ein Tanz, der wie Butter im Gemüt zergeht. Als Augenweide und Ohrenschmaus soll der gemischte Abend, den das Londoner Tanzhaus Sadler's Wells ins Festspielhaus gebracht hat, auch genossen werden. Die Vollversion des ersten Beitrags, einem Ausschnitt aus dem Stück "AfterLight" von Russell Maliphant, wird April 2011 zu sehen sein. Und der Choreograf des zweiten Teils mit dem Titel "Faun", Sidi Larbi Cherkaoui, zeigt im Jänner 2011 sein Duett Play.

Lyrisch tanzte Daniel Proietto seinen Part in "AfterLight Part One" zur Musik von Eric Satie und zu den sich drehenden Lichtmustern auf dem Boden von Michael Hulls. Auch Cherkaouis Faun beginnt mit einem Männersolo, bevor eine Nymphe zu Besuch kommt und sich mit dem Faun ein Stelldichein vor einer Waldkulisse gibt.

In seinem Gruppenstück "Uprising" lenkt der aus Israel stammende Choreograf Hofesh Shechter ein wenig von der von Maliphant und Cherkaoui zelebrierten Abgehobenheit ab. Seine Boys-Gang führt einen unbenannten Konflikt vor, der in einem heroischen Tableau vivant endet. Es gleicht einem Denkmal für gefallene Kämpfer, doch statt der stolzen Fahne, die eigentlich dazu gehören würde, kommt nur ein ironisch geschlenkertes rotes Tüchlein zum Einsatz. Das Abendfinale mit dem Titel "Southern Bound Comfort" bestand aus zwei Stücken. Das eine von Gregory Maqoma, das andere von Cherkaoui.

Ein bisschen Löwingerbühne (Frauen traktiert ihre männlichen Kollegen) und ein wenig Kindertheater machen die beiden kleinen Arbeiten zu einem ebenso kleinen Vergnügen. Das Tanzhaus hat gezeigt, wie kunstvoll sich der britische Tanz auf der Stelle bewegt. Hier ist Tanzen noch reine Atmosphäre und Oberfläche, unbeeindruckt von den zeitgenössischen Entwicklungen während der vergangenen zwanzig Jahre und ganz ohne deren Möglichkeiten, Inhalte zu vermitteln.

Einen Rückgriff in die Tanzgeschichte leistete sich im Tanzquartier Wien auch der slowenische Tänzer Jurij Konjar, der in einem Ausstellungsraum des Museums Leopold im Stil des amerikanischen Postmodernen Steve Paxton zu Bachs "Goldberg Variationen" tanzte. Und zwar sehr schön. Konjar führte seinen sich mit sich selbst vergnügenden Körper umgeben von wüsten Malereien des Wiener Aktionisten Otto Mühl vor. Ein provokanter Kontrast, der entweder darauf hinweist, dass der Tänzer ein ausgefuchster Trickster ist und seinen Paxton ironisch aushebelt oder dass er sich seiner Umgebung nicht recht bewusst war.

Mit "A Visit To This Planet. Part I" von Oleg Soulimenko, uraufgeführt in den Tanzquartier-Studios, schließt sich der Bogen dieses Tanzwochenendes zwischen St. Pölten und Wien, zwischen dem angloamerikanischen und dem kontinentalen Tanz. Soulimenko, der durchaus von Paxton beeinflusst ist, nimmt unser Medienspektakel um Klimawandel, Krieg und Kometen auf die Schaufel.

Zu Beginn ist die Auslöschung des Menschen schon passiert. Drei etwas verrückte Aliens - mit dabei: Thomas Kasebacher und Radek Hewelt - verwenden die Bühne wie einen archäologischen Detektor und entdecken Erstaunliches in den Trümmern der Zivilisation. Eine subversive Arbeit, bei der dem Publikum das Lachen im Hals steckenbleibt. Auch eine Augenweide. Aber, gemessen an Cherkaoui und Co, eben eine der anderen Art. (Helmut Ploebst/ DER STANDARD, Printausgabe, 22.11.2010)

 

  • Hofesh Shechter Company im Festspielhaus St.Pölten.
 
    foto: festspielhaus


    Hofesh Shechter Company im Festspielhaus St.Pölten.

     

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