Rot-Grün: Zwischen Sportstadt Wien und Wien statt Sport

21. November 2010, 17:36
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Das Koalitionsabkommen räumt dem Sport nicht mehr und nicht weniger als eine gute Seite ein

Wien - Er will "den guten Weg fortsetzen". Laut ihr "müsste sich sehr viel ändern, und zwar rasch". Er, Christian Oxonitsch, ist seit März 2009, da er Grete Laska ersetzte, SPÖ-Stadtrat für Sport (und Bildung und Jugend und Information). Sie, Ines Anger-Koch, ist Sportsprecherin der Wiener ÖVP. Unterschiedlicher als diese beiden könnte man die Lage des Sports in der Bundeshauptstadt nicht beschreiben. An der Oxonitsch-Seite sitzt quasi seit kurzem der grüne Sportsprecher David Ellensohn, an der Seite von Anger-Koch, wenn man so will, der Freiheitliche Dietbert Kowarik. "Alles neu wird's nicht spielen", sagt also Ellensohn. Wohingegen sich Kowarik vor allem "die überfällige Entpolitisierung im Sport" wünscht.

Im insgesamt 70-seitigen Koalitionsabkommen stellt die sechs Seiten starke Präambel insofern eine sportliche Enttäuschung dar, als der Sport in einem einzigen Satz erwähnt wird: "Die Sport- und Bewegungsangebote im Kindergarten und in der Schule werden ausgebaut und fix in den Alltag integriert." Das "gemeinsame Arbeitsprogramm 2010-2015" wird zunächst auch kaum präziser, lässt aber auch den "Ausbau von Bewegungsangeboten im Wiener Pflichtschulbereich sowie die Einführung einer täglichen Bewegungsstunde in Ganztagsschulen" erwarten. Unter dem Titel "Wien - Sportstadt" folgt wenig später etwas mehr als eine Seite, dieser Platz ist in erster Linie dem Breitensport gewidmet.

Der Sportverein soll insgesamt mehr an die Schule gebunden werden und umgekehrt, so sollen Vereine vor allem in Ganztagsschulen eine Rolle spielen. Hier stellen sich SPÖ und Grüne eine bindende Sportstunde pro Tag vor. In Campusmodellen (Monte Laa, Nordbahnhof) wird Derartiges schon vorexerziert. Darüber hinaus, betont Oxonitsch, bekommen Verbände und Vereine weiterhin günstige Sportflächen zur Verfügung gestellt. Beispielsweise städtische Schul-Turnsäle am Abend. "Der Bund verlangt pro Turnsaal das Vierzigfache", sagt Oxonitsch. "Und auch diese Turnsäle sind ausgebucht. Wir sind in Wien also weit von Marktkonformität entfernt. Aber das ist es uns wert." Ellensohn will freilich "durchforsten, ob wirklich alle Hallen gut genützt werden, und die Vergabe neu organisieren, wo's notwendig ist".

Der ÖVP geht das nicht weit genug. Laut Sportsprecherin Anger-Koch ignoriere die SPÖ seit Jahren und ignorieren nun auch die Grünen die Sportstätten-Problematik. "Der Herr Oxonitsch tut hier gar nichts und sagt immer nur, alles reiche aus. Dabei werden, beispielsweise im Dusika-Stadion, die Vereine zusammengepfercht." Nur Fußball und Eventsport, sagt Anger-Koch, kommen gut weg. "Aber für viele Sportarten wird in Wien nichts getan."

Geduld des Papiers

Dass Wien über keine moderne Mehrzweckhalle verfüge, ist für die ÖVP ein grobes Versäumnis der SPÖ. Dem Präsidenten des Eishockeyklubs Vienna Capitals, Hans Schmid, schwebte eine solche Halle vor, mehr als den Ausbau der Kagraner Halle zum Eishockey-Zentrum konnte auch er nicht erreichen. Unisono fordern Anger-Koch und Kowarik, ÖVP und FPÖ also, die Einbindung von Vereinen und Verbänden in den Schulsport. Dass davon auch die Koalitionäre reden, stört sie nicht. "Wunderbar, dass man da einiges zu Papier gebracht hat", sagt Anger-Koch, "aber Papier ist geduldig." Und Kowarik ergänzt: "Ich erwarte mir gar nichts von der neuen Regierung."

Die ÖVP würde die Vergabe von Schul-Turnsälen an Sportvereine in Nichtschulzeiten völlig neu organisieren, die FPÖ den Vereinen die Säle sogar gratis zur Verfügung stellen, Kowarik gibt freilich zu: "Als Oppositionspartei muss ich nicht aufs Geld schauen." Laut Anger-Koch wurde allein bei der EURO 2008 "so viel Geld rausgeworfen, dass man einige Hallen hätte bauen können". Ein Ziel der Grünen ist es übrigens, dass "in dieser Periode ein, zwei neue Rundhallen errichtet werden", sagt Ellensohn.

Ein eigener kurzer Absatz im Koalitionsabkommen firmiert unter "Wiener Bäder". Den Absatz gibt es, wie Oxonitsch erklärt, vor allem deshalb, damit sich niemand aufregen kann, weil es keinen Absatz gibt. "Wir werden jedenfalls keine Bäder schließen", sagt der Stadtrat. Und dass kürzlich das große Ströck-Meeting erstmals nicht in Wien stattfinden konnte und nach Wiener Neustadt übersiedelte, weil das Stadthallenbad renoviert wird, ficht ihn nicht an. Mit der Traglufthalle im Stadionbad habe man eine gute Lösung gefunden, mit der die Spitzenschwimmer im Training über den Winter kommen.

Wenn das Stadthallenbad erst einmal renoviert ist (2012), bleibt das Stadionbad im Winter dennoch überdacht, dann hat man Trainingsfläche gewonnen. Ellensohn will sich die Bäder-Situation "noch genauer ansehen, da hört man so viel Verschiedenes. Die einen sind völlig zufrieden, die anderen jammern ohne Ende." Laut Anger-Koch wurde vor einigen Jahren "ein wunderbares Bäder-Konzept erstellt. Aber passiert ist gar nichts."

Der Schwimmsport dient auch als Beispiel dafür, dass Wien über die Jahre etliche Spitzensportler verloren hat, die ob besserer Förderungen und/oder Trainingsmöglichkeiten nach Niederösterreich übersiedelten. In anderen Sportarten, beispielsweise Volleyball, wanderten gleich ganze Vereine aus. Ellensohn gibt auch in diesem Zusammenhang bewusst "ein klares Bekenntnis zum Basis- und Breitensport ab". Ein Wiener Spitzenschwimmer bleibe Vorbild für Wiener Kinder, auch wenn er für einen niederösterreichischen Verein antrete.

Traurigkeit der Tatsache

Dass so oder so bei den Kindern anzusetzen wäre, darüber immerhin herrscht sportpolitischer Konsens. Oxonitsch: "Die Kinder bewegen sich zu wenig." Kowarik: "Traurig, wie unsportlich viele Kinder sind." Anger-Koch: "Sechsjährige können keinen Purzelbaum mehr." Ellensohn: "Die Kinder werden immer dicker." Mit der einen Seite im Koalitionsabkommen allein, auch darüber gibt es Einigkeit, wird man diesem Problem nicht beikommen. (Fritz Neumann, DER STANDARD Printausgabe 22.11.2010)

  • Oxonitsch: "Der Bund verlangt pro Turnsaal das Vierzigfache."
    foto: der standard/urban

    Oxonitsch: "Der Bund verlangt pro Turnsaal das Vierzigfache."

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Wieso das Dusika-Stadion keiner modernen Halle weicht? Weil es 1997 bis 1999 um 300 Millionen Schilling renoviert wurde.

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