Keine Giftpillen

Andreas Schnauder, 19. November 2010, 19:43

Irland wurde in den letzten Jahrzehnten mit Real- und Kapitalinvestitionen überschwemmt, hat aber auch viel daraus gemacht

Da reiben sich einige schon die Hände: Wenn Irland demnächst unter den Euro-Rettungsschirm schlüpfen wird, ist das Wasser auf die Mühlen jener, die Dublin seit jeher als Steueroase beschimpfen. Deutschland, insbesondere frühere SPD-Finanzminister, und Frankreich gelten als Speerspitzen jener Front, die im günstigen Steuersatz für Unternehmen von 12,5 Prozent eine unfaire Praxis erkennen wollen.

Kein Zweifel: Das Land wurde in den letzten Jahrzehnten mit Real- und Kapitalinvestitionen überschwemmt, und einen großen Teil der Transfers verdankt die Insel dem niedrigen Steuersatz. Allerdings wird in der aktuellen Diskussion verkannt, dass Dublin daraus viel gemacht hat. Das einstige Armenhaus avancierte beständig zu einem der reichsten Staaten der Welt. Die Exportindustrie erwies sich selbst in der Krise als wettbewerbsfähig. Ein unverhältnismäßig starkes Drehen an der Steuerschraube ist das Letzte, was das Land jetzt benötigt. Neue Investitionen würden rasch versiegen, bestehende Produzenten das Weite suchen. Auch Irland kennt das Schicksal der Hochlohnländer: Die Verlagerung eines Dell-Werkes nach Polen im vergangenen Jahr machte deutlich, wie rasch sich Teuerungsschübe in der Produktion auswirken können.

Also soll alles beim Alten bleiben? Derart billig kann Irland nicht davonkommen, wenn es demnächst um internationale Hilfe ansuchen wird. Doch weiß Dublin längst, was zu tun ist, und bewies das mit eindrucksvollen Sparpaketen. Das Land hat einen aufgeblähten und schlecht beaufsichtigten Banken- und Immobiliensektor, der in den Boom-Jahren bis 2008 die ganze Volkswirtschaft aus dem Gleichgewicht warf. Dort gilt es, den Hebel anzusetzen.

Dass die erforderlichen Finanzspritzen für den Kreditapparat Irland übersteigen, ist bedauerlich. Doch falsche Medikationen steuerlicher Natur könnten sich rasch als Giftpille erweisen. (Andreas Schnauder, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20./21.11.2010)

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13 Postings
die reale welt und was dort passiert, das zaehlt, nicht irgendein modell.

die leute, die den kommunismus mit "da ist halt ein bisschen was schiefgelaufen" verteidigen schreiben strukturell denselben bloedsinn.
ja, herr wirtschaftswissenschaftler, warum ist eigentlich oesterreich nicht vorbild fuer die ganze welt? wir haben die letzten 20 jahre nicht milliardengeschenke bekommen und sind noch einige spruenge vom staatsbankrott entfernt.
nicht das in oesterreich jetzt alles so toll ist, aber:
warum eigentlich wirklich?

Keiner Steuererhöhung?!

Wenn ich Herrn Schnauder richtig verstehe, soll Irland weiterhin mit günstigen Steuersätzen Firmen anlocken, die sonst in die Länder gegangen wären (und Steuer gezahlt hätten), die jetzt die Rechnung präsentiert bekommen?

Und woher kommt denn das Geld, das die Iren über Wasser hält? Denn allein die Tatsache, dass es diese gibt hält die Zinssätze noch halbwegs im Rahmen - ich möchte nicht wissen, wie das ohne aussehen würde.

Neoliberale Apologeten

wenn mir im Bekanntenkreis in nächster Zeit wieder mal jemand sagt, "der Standard ist ja eher links", werde ich ihm diesen Artikel unter die Nase halten.

Was soll der zweite Absatz??

Die wirtschaftliche Performance ist immer im Gesamtbild zu betrachten - man kann nicht den irischen Aufschung loben, und dabei ausblenden, dass er nie auf soliden Fundament stand und deshalb auch in sich zusammen gebrochen ist. So etwas bewusst auszublenden ist Propaganda, und nichts anderes. Bernie Madoff war auch die längste Zeit seines bisherigen Lebens ein genialer Fondsmanager.

bei neoklassichen

Ideologen wie dem Verfasser des obigen Artikels hat das Ausblenden System, ist sogar Voraussetzung und Forschungsprogramm (daher stammend auch der vollkommene Unsinn von "Markt vs. Staat", als ob das eine unabhängig vom anderen wäre).
Wenn immer die widersprüchliche Wirklichkeit des Kapitalismus zu Krisen führt, war irgendein Hokuspokus schuld (Staat, Hormone der Banker, Frauenmangel in den oberen Etagen, schlechtes Essen in London, der luxuriöse Lebensstil der dekadenten Hartz 4 Bezieher und Aufstocker usw.usf.).

So viel haben die Iren offensichtlich doch nicht aus dem billigen Geld gemacht, sonst würden sie jetzt nicht kollabieren. Abgesehen davon ist dieses Art des Steuerdumpings (Steuerbegünstigungen für ausländische Finanzierungsgesellschaften - Dublin docks) schon sehr parasitär.

Also gut, Hr. Schnauder .....

Ich verzockte das doppelte Jahreseinkommen im Casino. Außerdem will ich nur halbtags arbeiten und brauche g'rad einen neuen Mercedes.

Darf ich ihnen, zwecks Überweisung des Fehlbetrages, meine Kontonummer übermitteln? Gleichzeitig verbitte ich mir jegliche Vorschläge, die Situation anders in den Griff zu bekommen.

MfG W. Müller

noch konkreter: bis ende nächsten jahres kann ich noch gut leben von meinem letzten kredit leben, den ich dann aber nicht zurück zahlen können werde. bitte melden Sie sich rechtzeitig vor november, um beizeiten einspringen zu können, aber bis dahin werde ich jeden ratschlag ihrerseits bezüglich meiner budgetführung ignorieren. herzlichst, ihr ire

"Doch weiß Dublin längst, was zu tun ist, und bewies das mit eindrucksvollen Sparpaketen."
"Dass die erforderlichen Finanzspritzen für den Kreditapparat Irland übersteigen, ist bedauerlich. Doch falsche Medikationen steuerlicher Natur könnten sich rasch als Giftpille erweisen"
Staatsgarantie für die irischen Banken in Höhe von 485 Milliarden Euro

dublin ist pleite und schnauder singt das hohelied der neoliberalen steueroasen
und da wundert man sich über die kompetenz der regierung in österreich, bei solchen wirtschaftsjournalisten

Das sehe ich auch so

Mir schwant schon lange, dass das bedenkliche Intelligenz- und Sachverstandsniveau der handelnden Politikerkaste in Österreich sehr viel mit dem Erdhöhlenniveau des Großteils der österreichischen Journalistik zu tun hat.

Auf den Herrn Schnauder ist Verlass :-)

ja, er verteidigt steuerdumping, blasenbildung und darauffolgende umwälzung der riesigen verluste auf die allgemeinheit (irische bürger, dann euro-bürger) mit beachtenswerter schleimigkeit!

Er tut halt, was er kann.

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