Aufstand im bulgarischen "Hühnerhausdorf"

19. November 2010, 18:45
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Seit 1983 steht die Schwarzmeerstadt Nessebar auf der Liste des Weltkulturerbes. Nun prügeln sich Polizisten mit Anwohnern

Der Angriff begann gegen Mittag von Seeseite. Mit zwei Booten steuerte die Polizei auf die Stadt zu. Vier Häftlinge waren an Bord, die die schmutzige Arbeit erledigen sollten. "Wir hatten eine Gruppe russischer Touristen hier", erzählt Plamen, "die dachten, es ist Krieg". Die Männer von Nessebar hatten sich vor dem Stadttor aufgebaut, erst die Brücke der alten Inselstadt mit ihren Autos blockiert, dann, untergehakt, mit grimmigen Gesichtern den Ansturm der Polizei erwartet.

Plamen war am Tor dabei, und auch als die Männer mit den runden Bäuchen die Schlacht verloren: einen Kiosk und eine Imbissstube ließ die Polizei von ihren mitgebrachten Zwangsarbeitern demolieren. Es soll nur der Anfang sein. Nessebar wird für die Unesco frisiert, die Weltkulturbehörde, die nun zur Kontrolle kommt.

"Touristen wollen authentische Orte sehen, kein Hühnerhausdorf", erklärte Bulgariens Regierungschef Boiko Borissow aufgebracht nach den gewaltsamen Protesten diese Woche in Nessebar, der wichtigsten Attraktion an der Schwarzmeerküste des kleinen Landes. Dass der Staat mitten in der Wirtschaftskrise kleine Läden zertrümmern lässt, setzt dem Ansehen des populistischen Premiers schwer zu.

abei kündigt die Regierung schon seit dem Frühjahr an, sie würde gegen illegale Gebäude aus den wilden Jahren des Baubooms vorgehen. 750 Hotels an der Küste werden verschwinden, sagte Innenminister Zwetan Zwetanow voraus. Passiert ist nicht viel. Zwei abgedeckte Buden im Zentrum von Nessebar, dem alten Städtchen der Thraker, Griechen, Römer und bulgarischen Könige, sind bisher das einzige Ergebnis.

Schon allein deshalb kocht die Volksseele. Jeden Tag stehen die Einwohner der Altstadt nun vor dem Tor, sammeln Unterschriften gegen die Unesco und warten auf Gerichtsentscheidungen und die nächsten Bulldozer.

Denn im "Hühnerhausdorf" ist seit dem Anbruch des Kapitalismus viel an- und zugebaut worden: hier ein Stockwerk mehr auf eines der alten Holzhäuser aus dem 19. Jahrhundert, dort eine ganze Gasse von Souvenirbuden in Schrankgröße, eine neben der anderen. 156 Häuser und Läden hat das Kulturministerium im Visier, bei 35 denkmalgeschützten Häusern werden größere Demontagen fällig. "Die Unesco bringt mir gar nix", sagt Irina, die für die Abbrucharbeiten ihres Hauses zahlen soll.

"Sehen Sie das Hotel mit der Windmühle da drüben?", ruft ein Mann und deutet über die Brücke zur Neustadt von Nessebar. Jahrelang habe sich der Eigentümer bei der Baubehörde um eine Legalisierung bemüht. "Vor zwei Monaten hat er verkauft, zwei Wochen später war die Legalisierung da. Das ist die Korruption!"

Ein bisschen links davon, im angrenzenden Badeort Ravda, erhebt sich eine andere Hotelburg am Strand. Sie gehört dem Bruder von Milen Weltschew, Finanzminister in der Regierung von Simeon Sakskoburggotski, dem ehemaligen König. Ein Freund Sergej Stanischews, des nächsten Premiers im Amt, soll wiederum die Genehmigung für das Royal Palace in der Altstadt von Nessebar erhalten haben. Das Hotel steht auf den Ruinen eines römischen Thermalbads. "Ein Kriminalfall", sagt Todor Tschobanov, der heutige Vizekulturminister.

Im vergangenen Mai stellte die bulgarische Regierung die Sunny Beach Hotel Holding auf den Kopf, die Gesellschaft, die die Interessen der Hoteliers und Geschäftsleute am "Goldstrand" vor Nessebar managt und unter anderem auch einen Waffenhändler in ihren Reihen zählte. Eigentlich hält der Staat 75 Prozent der Anteile an dieser Geldmaschine, neun Jahre lang aber konnte die Holding walten, wie sie wollte.

"Sunny Beach ist Bulgariens bestes Beispiel für das Zusammengehen von organisiertem Verbrechen, politischer Lobby, Macht und Korruption", hieß es später in einer Erklärung der Stadtverwaltung von Nessebar. Die ist allerdings auch nicht unschuldig. Einen Architekturplan zum Erhalt der Stadt hat sie nie zustande gebracht. (Markus Bernath aus Nessebar, DER STANDARD-Printausgabe, 20./21.11.2010)

  • Exempel statuiert: Im Zentrum des Touristenorts Nessebar ließ die Polizei eine Imbissbude demolieren, am Stadteingang sammeln Bewohner Unterschriften gegen den Platz auf der Unesco-Liste.
    foto: standard/markus bernath

    Exempel statuiert: Im Zentrum des Touristenorts Nessebar ließ die Polizei eine Imbissbude demolieren, am Stadteingang sammeln Bewohner Unterschriften gegen den Platz auf der Unesco-Liste.

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