Wo Wehklagen aus dichtem Nebel dringen

19. November 2010, 18:40
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Eine Messe ohne Messias: Beim Gastspiel der New Yorker Rockmelancholiker Interpol im Wiener Gasometer blieben die Musiker Schemen hinter grellem Licht

... und intensive Stimmung auf wenige Momente beschränkt.

Wien - Stets gern geschmäht, sollte die Wiener Gasometerhalle in eine Kirche verwandelt werden. Die in New York beheimateten Musiker von Interpol, man spricht in diesem Zusammenhang gerne von einer Kult-Band, gaben eine Audienz, die Jünger waren zahlreich erschienen, und das an einen Orgelprospekt erinnernde Bühnenbild ließ himmlische Stürme erwarten. Allein, es blieb großteils bei einem lauen Lüfterl.

Dabei waren Erwartungen durchaus berechtigt. Immerhin haben die Musiker 2002 mit Turn On the Bright Lights ein nahezu makelloses Debüt abgeliefert. Zwar eindeutig auf die Tradition altbekannter Düstertragöden wie Joy Division, Echo & The Bunnymen oder The Cure aufbauend, war das Album in seiner dunkel funkelnden Kompaktheit schlicht zu gut, um in die muffige Epigonenkiste zu fallen. Vielmehr ebnete es den Weg für andere Trauerklöße mit Hang zum Pathos wie Editors oder White Lies. Interpol selbst konnten, wie es so häufig geschieht, ihre Fanbasis zwar erweitern, ihrem Schaffen jedoch keine wirklich zwingenden neuen Facetten hinzufügen.

Das jüngste, vierte Album, heißt nun wie die Band. Darauf versucht sie, ihrem von abgehackten Gitarrenriffs und einer starken Rhythmusfraktion geprägten Sound vermehrt eine orchestrale Breite und wohl auch Tiefe zu geben. So wie sich der Gesang von Paul Banks im Lauf der Jahre jedoch immer mehr von einem An- zu einem Wehklagen entwickelt (der Eddie-Vedder-Gedächtnis-Knödel ist zum Greifen nah), so erscheint auch die Musik mitunter etwas schwachbrüstig und einfach weniger zwingend als in vergangenen Tagen.

Hinzu kommt, dass mit Ende der Aufnahmen der flamboyante Carlos Dengler seinen Hut nahm, womit Interpol nicht nur ihren Bassisten, sondern auch ihr optisches Aushängeschild verloren. Ersatzmann David Pajo hat als Ex-Mitglied von so ruhmreichen Bands wie Slint oder Tortoise zwar einen beachtlichen Lebenslauf vorzuweisen, Charismatiker vom Dienst ist er jedoch ebenso wenig wie seine Bandkollegen.

Band am Scheideweg

Es ist also eine Band am Scheideweg, die am Donnerstag die Bühne betrat. Diese war bereits zuvor gründlichst in dichten Nebel gehüllt worden, die Stimmen sprachen also aus den Wolken, der Schall kam aus dem Rauch. Um den sakralen Charakter des Abends nicht zu stören, wurde auf jede Frontbeleuchtung verzichtet, nur auf der Bühnenseite durften ein paar Lämpchen glimmen. Die durch den Orgelpfeifenschmuck gen Publikum strahlenden Scheinwerfer trugen Sorge, dass die Musiker zumeist Schemen blieben. Der größte Showman steckte im Schatten von Gitarrist Daniel Kessler, der bei schnelleren Nummern einen eindrucksvollen Tanz nach Art der Augsburger Puppenkiste hinlegte. Seine Kollegen zeigten sich daneben zurückhaltender - und ließen einen Spannungsbogen einstürzen.

Mit einer ausgewogenen Sichtung des Gesamtwerks wurde behutsam die Stimmung aufgebaut, mit dem siebten Song, Slow Hands, deren Höhepunkt erreicht. Kurz konnte sie noch gehalten werden, ehe das elegische Untitled, auf dem Erstling der New Yorker mehr Intro als Song, den Wagen an die Wand fuhr. Barricade, die logische Single des neuen Albums, machte dröge dröhnend ihrem Namen alle Ehre, die Luft war weitestgehend draußen.

Dem hymnisch konzipierten Lights fehlte wie auf dem Tonträger die nötige Kraft, um es in die angedachten erhabenen Sphären zu heben, und auch sonst waberte es mehr beiläufig aus dem Nebel. Einzig das mit einer Extraportion Melancholie aufgeladenes Evil konnte im Zugabenblock noch für ein wenig Trost sorgen. Doch dann war die Messe auch schon aus, der Messias jedoch nicht erschienen. (Dorian Waller / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20./21.11.2010)

 

  • Gegenlicht beim elegischen 
Spiel im Gasometer: Die Musiker von Interpol versteckten sich im Schatten - was 
der Atmosphäre insgesamt eher abträglich war.
    foto: standard / urban

    Gegenlicht beim elegischen Spiel im Gasometer: Die Musiker von Interpol versteckten sich im Schatten - was der Atmosphäre insgesamt eher abträglich war.

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