Für Europa geht es um alles

Ein Zerbrechen der EU ist plötzlich denkbar - von Thomas Mayer

Barack Obama zeigte sich von seiner charmantesten Seite, als er den alten Kontinent am Freitag im verregneten Lissabon betrat. "Stolz" sei er, dass er in nicht einmal zwei Amtsjahren nun bereits mehr als ein halbes Dutzend Mal nach Europa gekommen ist, schrieb der US-Präsident in einem Gastkommentar für führende Zeitungen der Union - auch im Standard. Die Europäer seien für die USA der wichtigste Partner - ob in der Nato oder in der EU.

Das wird den meisten Europäern schmeicheln. Und es stimmt ja vordergründig auch. Die transatlantischen Verflechtungen, der offene wirtschaftliche Austausch sind umfangreich und stark. Gemeinsam mit anderen Partnern laufen derzeit so viele gemeinsame euro-amerikanische Militäraktionen wie nie zuvor, ob in Afghanistan oder auf dem Balkan. Aber auf der Kehrseite der engen Kooperationen tun sich gefährliche Brüche auf.

Die Nato, im Gleichschritt auch die Europäische Union, haben eineinhalb Jahrzehnte eines starken Wachstums hinter sich: Einerseits ist die Militärallianz durch Erweiterung nach Osteuropa von 16 Mitgliedern noch im Jahr 1999 auf inzwischen 28 Bündnispartner angewachsen. Die EU hat sich in der gleichen Zeit von 12 auf 27 Mitglieder erweitert. Zusätzlich hat die Union mit der Einführung der Währungsunion einen beispiellosen Akt der Vertiefung gesetzt. Die nächsten Beitrittskandidaten klopfen schon lange an der Tür - in der Nato wie in der EU. Ein Erfolg also.

Genau das markiert eben auch das Problem. Beide Zusammenschlüsse, die Allianz ebenso wie die Union, leiden an den Folgen dieser Umwälzungen, die sie mangels mutiger Reformen im Inneren bisher nur schlecht verdaut haben. Die schönen Worte der wechselseitigen Zuwendung können darüber nicht hinwegtäuschen.

Beispiel Nato: Wenn Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen in Lissabon optimistisch davon sprach, dass die erneuerte Allianz "Fett wegschneiden und Muskeln" aufbauen werde, um noch effizienter zu sein, dann macht er unfreiwillig genau das deutlich: Die Nato bzw. die Armeen ihrer Mitglieder sind große, unbewegliche, viel zu teure Apparate geblieben. Reformen kommen aus Finanznot.

Die Heere entsprechen nicht den Anforderungen und Gefährdungen, die die moderne Welt für sie bereithält. Das Beispiel Afghanistan, ein "Ernstfall" unserer Tage, zeigt zudem, wie uneinig sich die Partner hinsichtlich des Sinns des Einsatzes sind. Der in Lissabon beschlossene Abzugsplan ist nicht Konsequenz erfolgreichen militärischen Vorgehens, sondern aus der Not geboren, dass viele Staaten so rasch als möglich weg wollen vom Hindukusch.

Nicht viel anders ist es mit den europäischen Nationalstaaten in der EU selbst. Die Überlebenskrise des Euro, die Zweifel an ihm zeigen, wie wenig die Mitgliedsstaaten zu einer echten, auch politischen Integration bereit sind. Ein Zerbrechen der EU ist plötzlich denkbar. Für die Europäer geht es also um viel, vielleicht sogar um alles. (Thomas Mayer /DER STANDARD, Printausgabe, 20.11.2010)

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Das gute ist ...........

...... dass es selbst, dann, wenn die EU ihre Selbstaufloesung beschloesse, eines Vertrages beduerfte, der von allen Staaten ratifiziert werden muesste. Dies ist sowohl die Staerke, wie auch die Schwaeche der EU.

Die militärische Allianz NATO mit der supranationalen EU zu vergleichen ist ein Vergleich zwischen Äpfel und Birnen. Beide wurden stark erweitert, beide stecken mehr oder weniger in der Krise. Das war es dann auch schon mit den Ähnlichkeiten.

und warum ...

... sollte es verwerflich sein, äpfel mit birnen zu vergleichen?

ganz nett gemeinter kommentar,

nur die europäer dürfen in der nato mitmachen, weil die weltmacht uns lässt und vorallem weil sie es will.
nur die nato mit der eu zu vergleichen, ist dann wohl ein bißchen weit hergeholt.

Es geht nicht um Gurken und Glühbirnen, es geht um China

In diesem Artikel wird nicht global gedacht.

Die Annäherung der USA an die größte Demokratie der Welt, Indien, wird ausgelassen, die Neudefinition der Rolle des "Westens" gegenüber China nicht einmal erwähnt.

Wenn es stimmt, dass sich die (undemokratischen) Chinesen ganze Landstriche in Afrika kaufen, um zukünftige Nahrungsproduktion zu sichern und wenn sie sich tatsächlich den privilegierten Zugang zu Bodenschätzen sichern, dann müssen auch die Europäer darauf reagieren.

Mattes NATO-Herumgerede (zur Legitimation der eig. Institution) kann nicht verschleiern, dass es global auf höchster Ebene einen Verteilungskampf gibt, auf den die alternde EU schlecht reagiert.

Jawolll!!!

Lasst uns endlich wieder einen Weltkrieg mit malthusischen Verhungerungsvorhersagen begruenden. Ein wesentliches Argument fuer die 1885 gestartete Aufruestung Deutschlands war, dass die Deutschen ja aufgrund des geometrischen Bevoelkerungswachstums verhungern wuerden, wenn sie keine Kolonien haetten. Geloest wurde das Problem nicht durch die Zigmillionen Toten der Kriege (danke, liebes Militaer, fuer diese Loesung!), sondern durch neue Duengemittel etc., die heute mehr als 6 Mrd Menschen ernaehren koenn(t)en. Wenn man nur 1/10 der weltweiten Militaerausgaben von 1,3 Billionen Dollar in die Forschung stecken wuerde, waeren die Energie- & Ernaehrungsprobleme geloest. Aber dann gaebs keine schoenen Panzer und Generalssterne fuer Wichtigtuer.

Wie Sie bin ich ein vehementer Kriegsgegner. Nur: Ein Krieg wird schon geführt, in Afghanistan

Sicher ist, dass z.Z. die weltpolitischen Karten neu gemischt werden. Die BRICs & die Türkei haben jüngere Bevölkerungen als Europa & bessere Wachstumsraten.

Darauf muss die EU eine selbstverständlich friedliche, wirtschaftliche und politische Antwort finden.

Die NATO ist ein völlig überholtes Militärbündnis, das seinen "Gegner", die Sowjetunion + Satelliten, verloren hat & sich seither um eine raison d'être bemüht. Der Afghanistan-Krieg wird imho u.a. deswegen so lange geführt.

Ich bin völlig mit Ihnen einer Meinung, dass das Geld anstatt für die Rüstung, in die FRIEDLICHE Konfliktvermeidung gesteckt werden muss.

Gerade deshalb darf man nicht übersehen, dass es neue Blöcke gibt, die militärisch rasant aufrüsten (s. Publ. v. H.Gärtner).

na, dann habe ich Sie wohl falsch verstanden. Ich bin naemlich ganz gluecklich mit einer militaerisch nur halbstarken, in sich zerstrittenen EU. Wenigstens niemand, der unsere Kinder in den naechsten sinnlosen Krieg um Einflusszonen und Ressourcen hetzt, anstatt das Wirtschaftsmodell durch Wissenschaft und Politik so umzustellen, dass wir alle mit den vorhanden Ressourcen auskommen. Der Gedanke, dass der Afgh Krieg der Legitimation der NATO dient, ist sehr interessant. Danke.

selbst einst begeisterten Europhorikern beschleicht
langsam die Angst und der Zweifel!

Genauso wie die UDSSR

wird auch die EU und auch die NATO, USA beizeiten zerfallen.
Das liegt wohl an der Natur von Interessen.
Mir kommt vor, langsam aber doch, kommen wieder Zukunftängste hoch, das treibt die Not nur noch tiefer. Letzteres macht bekanntlich erfinderisch.

Früher oder später zerfällt alles.
Auch Sie. Die Frage ist nur die Zeit.

Da gibt's doch so einen Spruch, habe vergessen von wem: wenn der Zeitraum nur lang genug gewählt wird, geht die Überlebenswahrscheinlichkeit für Alles gegen null.

Stammt von Keynes

und lautet: on the long run, we are all dead.

wollte er uns damit vom marathonlaufen abhalten?? ;-)

Für die Europäer geht es um die Befreiung

Die EU hätte sehr schön werden können!

"Europa der Bürger"

Stattdessen hat uns dieser Apparat den Konzernen ausgeliefert, regionale Fleisch- und Käsereien geschlossen, uns das Rauchen vermiest, die Glühbirnen verboten, will die Wasserdurchflußmenge in Duschen reduzieren, hat europaweit tausende Postämter geschlossen, den Energiemarkt ohne Nutzen für den Bürger liberalisiert, eine miese konzerngefällige Chemikalienrichtlinie hingelegt, hat die zulässigen Schadstoffe in unserer Nahrung bis um den Faktor 1000 erhöht, geht jetzt gegen Heilkräuter vor (THMPD-Direktive), und so weiter.

Ich, ein begeisterter Europäer

plädiere hiermit für das TODESURTEIL

für diesen scheindemokratischen, faschistischen Moloch namens EU

Laßt uns neu beginnen.

das gegenteil ist der fall: die EU ist die einzige instanz die den bösen konzernen rahmenbedingungen vorschreiben kann wie es nationalstaaten niemals machen könnten. das ist also nciht das problem der EU. es besteht jedoch kein zweifel daran, dass die EU ein problem hat. und dieses problem ist die mangelnde demokratische kontrolle. das einzige was die EU in meinen augen legitimieren kann, sind direkte EU weite wahlen wo die zusammensetzung der gesetzgebenden EU körperschaften DIREKT von den wählern bestimmt wird.

b r i l l a n t ! ! !

Wenn sie es schon so hassen dass die Lobbyisten

der Großkonzerne teilweise leichtes Spiel (wobei der Konsumentenschutz dank EU in Europa ziemlich stark ist!) mit der EU haben. Was glauben sie wie sich diese Großkonzerne mit Einzelstaaten, wie mit Mini-Staaten ala Österreich spielen würden?!?

In einem freiheitlichen Staat endet die Freiheit des einzelnen dort wo die Freiheit des anderen beginnt. Gerade das rauchen ist eines der besten Beispiele dafür dass es eben kein Grundrecht darauf gibt, dass Drogensüchtige ihre Mitmenschen schädigen dürfen. Der Staat hat die Pflicht hier einzugreifen, auch wenn das den Drogensüchtigen nicht gefällt.

Öst. wehrt sich die letzten Jahre heftig gegen strengere Umwelt-, Gesundheitsauflagen etc. der EU. Wir werden immer mehr zum Schlusslicht und Bremser!

Neusprech

Begriffe wie "Drogensucht" werden
vom Technokratenverein LissabonEU
zur Bevormundung der Bevölkerung mißbraucht .

Bevormundung verfolgt
das konträre Ziel von Freiheit .
Freiheit birgt immer ein Risiko
Eine Gesellschaft ohne Risiko ist eine Tote Gesellschaft

Und während die LissabonEU im Namen der Gesundheit ... und Sicherheit immer restriktivere Gesetze erläßt ,
zieht die LissabonEU per Devastierung der sozialen Grundlagen
den Menschen den Boden unter den Füßen weg

Es ist immer wieder traurig wie wenig Ahnung

die meißten Poster hier von der EU haben. Im Lissabon Vertrag geht es doch überhaupt nicht um etwaige Rauchverbote, daher auch nirgendwo in dem Zusammenhang das Wort Drogensüchtige.
Die EU kann rauchen am Arbeitsplatz verbieten, aber nirgends sonst.

"Ich" behaupte dass mind. 90% der Raucher stark Drogensüchtig sind. Sie schädigen mich mit ihrer Drogensucht (bin Asthmatiker) gesundheitlich und dazu noch in meiner Brieftasche, dadurch dass kein einziger Raucher auch nur annähernd die von ihm verursachten Gesundheitskosten (die Hälfte der Raucher erkrankt an der tödlichen Lungenkrankheit COPD! - Salzburger Studie) selbst trägt. Nichtraucher bezahlen für diese Drogensüchtigen mit.

Junkies schädigen wenigstens gesundheitlich nur sich selbst.

Die praktische Gleichsetzung von EU-Interessen und NATO-Interessen gehört auch zu den Gründen, warum diese EU keine Existenzberechtigung mehr hat

Wo soll denn da die Logik sein?

Selbstverständlich muß die die Nato mit den Interessen der EU mehr oder weniger identisch sein.
Wo ist denn sonst der Witz?

Die Beerdigung einer 50 jährige Feindschaft ist der ist der nächste große Schritt dieser Erfolgsstory.

Sicherheitspolitisch kann die nächsten Jahrzehnte nicht mehr viel schief gehen.

nur fuer die

in der Neutralitaetzluege sozialisierten

Blablabla.

Verständlicher Unmut über Gott und die Welt, an dem vieles und viele Schuld haben, aber es natürlich so viel einfacher wenn man von der großen Verschwörung ausgehen kann.
Wer wars jetzt noch einmal, der hinter dem bösen Moloch steht: die Freimaurer, Außerirdische, die jüdische Ostküste oder einfach nur die Verkörperung des Bösen in Form der Banken?

Globalisierung ist schuld

Konzernen ausgeliefert = globalisierung
Käsereien geschlossen = globalisierung
tausende Postämter geschlossen = globalisierung
...sonst stimmts.

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