Rot-Grün

Wird Wien anders?

19. November 2010, 17:25
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    foto: seiß/urban plus

    Stadtplanung auf Wienerisch: Am Wienerberg treffen Bürotürme und Kleingartenglück direkt aufeinander.

Mit der Geschäftsgruppe "Verkehr, Stadtplanung, Klimaschutz und Energie" übernehmen Wiens Grüne ein zentrales "Zukunftsressort" - und Altlasten - Um Fehlentwicklungen zu korrigieren, braucht es ein neues Bewusstsein

Für automobile Wiener mag es wie ein schlechter Scherz geklungen haben: Ausgerechnet eine Grüne übernimmt die Verkehrspolitik in dieser Stadt! Dabei dürfte Planungs- und Verkehrsstadträtin Maria Vassilakou als einzige Vertreterin ihrer Partei in der neuen Stadtregierung kaum etwas gegen den Willen der SPÖ durchsetzen können. Das offenbart schon das Koalitionsabkommen, das unübersehbar eine grüne Handschrift trägt - aber halt doch auf rotem Papier verfasst wurde. Davon zeugt etwa das Beharren auf der Realisierung der geplanten Autobahn- und Schnellstraßenprojekte, obwohl diese weder mit einer kompakten Siedlungsentwicklung noch mit den Zielen des Klimaschutzes vereinbar sind.

Auch im Bereich Stadtplanung erbt Vassilakou Projekte ihrer Amtsvorgänger, die einem grünen Verständnis von Städtebau widersprechen. Problembehaftete Stadtteile wie Donau City, der Bereich um die Gasometer oder das Viertel um den neuen Hauptbahnhof werden kraft rechtsgültiger Bebauungspläne während oder sogar erst nach ihrer (vorläufig ersten) Amtszeit fertig werden, ohne dass sie noch Substanzielles daran ändern können wird.

Insofern gilt es für die neue Stadträtin ihr Hauptaugenmerk darauf zu richten, was in den magistratischen Planungsabteilungen derzeit zu Papier gebracht wird: beginnend bei den Flächenwidmungsplänen für die transdanubischen Stadterweiterungsgebiete, insbesondere für die Seestadt Aspern - hier muss es gelingen, vom monofunktionalen und autogerechten Städtebau auf der grünen Wiese wegzukommen - über die Planungen für innerstädtische Entwicklungszonen wie den Nordwestbahnhof - hier wäre eine Abkehr vom bisher gepflegten Nebeneinander baublockgroßer Wohn-, Büro- und Handelshäuser wie am Nordbahnhofgelände zugunsten einer kleinstrukturierten Nutzungsmischung mit vitalen Erdgeschoßzonen überfällig - bis hin zu Großprojekten wie der Neuüberbauung des Franz Josefs-Bahnhofs, wo Wiens Planer unter Beweis stellen könnten, dass sie über mehr städtebauliche Kompetenz und Sensibilität verfügen, als sie es auf den beschämenden Großbaustellen Wien Mitte oder TownTown zeigen.

Mehr Gewicht auf Freiflächen

Abseits neuer Qualitätskriterien für bestimmte Bauvorhaben bedürfte eine nachhaltige Stadtentwicklung auch eines grundsätzlich anderen Qualitätsbewusstseins in den Planungsämtern. So basierten in den letzten zwei Jahrzehnten viele Flächenwidmungen auf der kurzfristi- gen Rentabilitätserwartung des Grundstückseigentümers oder Projektentwicklers statt auf urbanistischen Zielsetzungen oder dem Interessenausgleich unter allen Akteuren. Auch das, was Planungsbeamte unter einer stadtverträglichen Bebauungsdichte verstehen, hat sich seit Anfang der 1990er-Jahre massiv nach oben verschoben. Insofern geht das Ziel der Grünen, mehr Gewicht auf Freiflächen zu legen, in die richtige Richtung.

Der überfällige Paradigmenwechsel im Wiener Städtebau wird nicht im Planungsressort allein zu bewältigen sein. Gleich mehrere Stadträte - allen voran der Wohnbaustadtrat, der für die Wiener Bauordnung, die Baupolizei oder auch die Vergabe der Wohnbauförderung zuständig ist - haben stadtplanungsrelevante Kompetenzen inne und können diesen Paradigmenwechsel begünstigen oder verhindern. Genau ist die Bereitschaft von Bauträgern, Unternehmern und Investoren vonnöten, ihr Wirken - stärker als bisher - als Beitrag für eine lebenswerte Stadt zu verstehen. Insofern ist Vassilakou aufgerufen, in einer breiten Öffentlichkeit baukulturelles Bewusstsein zu erzeugen, zumal die Grünen um Unterstützung für gravierende Änderungen im Planungs- und Baurecht werben - etwa für die öffentliche Abschöpfung privater Widmungsgewinne.

Auch das Bewusstsein der meisten Abgeordneten im Gemeinderat bedürfte einer Schärfung, insbesondere was die Wahrnehmung der von ihnen selbst beschlossenen übergeordneten Ziele für die Stadtentwicklung betrifft: der Stadtentwicklungspläne, der Verkehrskonzepte, des Grünraum- oder auch des Hochhauskonzepts. Diese wurden - weil rechtlich unverbindlich - in den vergangenen zwei Dekaden oft übergangen, wenn es um den Beschluss parteipolitisch forcierter Flächenwidmungs- und Bebauungspläne ging. Urbanistische Problemfälle wie die Wienerberg City oder Monte Laa zeugen von dieser Praxis.

Darüber hinaus fehlen gesamtstädtische Konzepte für Büro- und Einzelhandelsstandorte, um den - über die reale Nachfrage weit hinausschießenden - Boom an großmaßstäblichen Büro- und Handelskomplexen in geordnete Bahnen zu lenken. Wiens diesbezügliche Laisser-faire-Politik führte zu einer massiven Abwanderung von Arbeitsstätten aus den gut erschlossenen, traditionellen Zentren - und zur Verödung der gewachsenen Geschäftsstraßen. Die Entwicklung in diesen beiden für die Stadt essenziellen Bereichen weiterhin den Marktkräften zu überlassen wäre ein Verbrechen an der Zukunft Wiens.

Immerhin enthält das Koalitionspapier ein klares Bekenntnis zur Revitalisierung der Einkaufsstraßen, wozu es deutlich mehr braucht, als die bisherigen Mittel für Weihnachtsbeleuchtung und Schaufenstergestaltung. Und auch die Wiener Märkte, von denen viele (eine erfreuliche Ausnahme ist der Brunnenmarkt) in den letzten Jahren zu Tode saniert oder fragwürdigen Projekten geopfert wurden (zuletzt der Landstraßer Markt; als Nächstes ist der Meiselmarkt durch ein spekulatives Bauvorhaben bedroht), scheinen von der rot-grünen Regierung - vielleicht zu spät - jene Aufmerksamkeit zu erhalten, die sie als Kristallisationspunkte urbanen Lebens verdienen.

An der Schnittstelle zwischen hochbaulicher und verkehrlicher Entwicklung liegt das Thema des öffentlichen Raums, das zuletzt zwar von Politik und Verwaltung, Wissenschaft, Kunstszene und Architektenschaft mit viel Verve diskutiert, idealisiert und mit zahlreichen Bedeutungen aufgeladen wurde, aber in seiner faktischen Behandlung nach wie vor im Argen liegt. So lange die in Wien omnipräsenten Autos den städtischen Freiraum besetzen, bleibt dieser anderweitigen Nutzungen vorenthalten. Was bisher als politisches Tabu galt, nämlich oberirdische Parkplätze zu reduzieren und die Fahrzeuge unter die Erde zu verbannen, wird künftig zumindest diskutiert werden. Hilfreich wäre dabei auch die ebenfalls erwogene Ausdehnung der moderaten Parkraumbewirtschaftung auf die Außenbezirke. Der so zu gewinnende Platz soll laut rot-grünen Plänen neuen Fußgängerzonen, prinzipiell breiteren Gehsteigen sowie einem für Radfahrer attraktiveren Straßennetz zugutekommen.

Eine zentrale Forderung der Grünen ist die Verdichtung und Beschleunigung des Straßenbahn- und Busnetzes. Dies wird im Regierungsprogramm nicht zum ersten Mal proklamiert. Es besteht die Hoffnung, dass es die neue Verkehrsstadträtin ernster meint als ihre Vorgänger. Während Wien beim teuren U-Bahn-Bau eher über das sinnvolle Maß hinausschießt, darbt das Schnellbahnnetz - dem zur Bewältigung der autoabhängigen Pendlerströme große Bedeutung zukäme. Auch das wird im Koalitionspapier thematisiert. Doch zeigt sich hier, wie sehr ein verkehrspolitischer Wandel von der Wandlungsfähigkeit anderer Ressorts abhängt: Die Wiener Linien unterstehen der Finanzstadträtin - und die S-Bahnen den ÖBB respektive der Infrastrukturministerin. Ohne deren Kooperationsbereitschaft dürften viele Strategiepapiere aus dem Büro Vassilakou zu Makulatur werden.(Reinhard Seiß, DER STANDARD, Printausgabe, 20./21.11.2010)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 142
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Gilgamesh
00
1.12.2010, 10:18

Wie es anders wird?
Nun das konnte man gestern im TV hören.
Das grüne Planungsressort will den Freaks, die in Bauhütten herumziehen mehr Gründe zur Verfügung stellen...

Datenschutzgummi
32
22.11.2010, 17:20
Ich wünsche mir für Wien, dass es so weiter geht

wie Häupl alles vorgehabt hat und dass eventuell die Energiekosten billiger werden.
Ein billigeres Fahren mit den Wiener Linien muss man sich als Stadt auch leisten können, aber so vereinzelte Vergünstigungen für Mindestverdiener usw könnte ich mir schon auch vorstellen.
Über das FPÖ Gebäude sollte ein Steg gemacht werden damit man es zuschütten kann, dann wäre in Wien wieder alles ganz passabel und normal!

Michael Bakunin
74
22.11.2010, 11:15
schrägparkplätze abschaffen

ein großes problem sind auch die vielen schrägparkplatz-zonen. die nehmen noch mehr platz wweg, den man sinnvoller für radwege und gehsteig verwenden könnte. und außerdem sind sie extrem gefährlich, weil man beim ausparken nichts sieht, was sich rechts hinten tut. besonders schlimm ist es, wenn gleich dahinter ein radstreifen verläuft.

Gilgamesh
00
1.12.2010, 10:19

Das es dadurch mehr Parkplätze gibt, scheint in ihrer kleinen Welt völlig unter zugehen...

Michael Bakunin
00
1.12.2010, 14:13

Ja, das ist ein weiterer Nachteil der Schrägparkplätze. Die Parkplätze im öffentlichen Raum sollten ja reduziert werden.

Pol e Mike
52
22.11.2010, 12:51
Naha, solangs nur ab und an einen radlfahrer erwischt....

....ists ja nicht schlimm.
Sie fahren doch rad, oder?

Und die Blechschäden am Auto zahlt eh die versicherung.......und ihre sozifreunde in der Karosseriewerkstadt stehen unter Arbeit, wie es sein soll!

afrayspeed
13
22.11.2010, 12:17

und die grösste trottelei ist eine ladezone für lkw als schrägparkplatz wie vor unserem haus.

gas karl
11
22.11.2010, 12:17
Richtig

und besonders blöd ist es wenn der Radstreifen zwischen Parkplätzen und Gehweg verläuft, da ist die Gefahr Radfahrer beim Abbiegen abzuschießen besonders groß...veilleicht sollte man drann denken für die Radfahrer geeignetere Alternativen zu finden.

Bodypainter
02
22.11.2010, 19:07

die alternative wäre als autofahrer das gehirn einzuschalten und LANGSAM über die kreuzung zu fahren, genauso wie man einem fahrradfahrer auch zumuten könnte, dass er so über die kreuzung fährt, dass er noch bremsen kann sollte der autofahrer ihn übersehen.

Bodypainter
24
22.11.2010, 09:25
FAZIT: es gibt scheinbar folgende regeln:

so lange es parkplätze gibt, wird es immer genug autos geben, die sie nutzen. und solange straßen breit sind, wird es autos geben, die sie nutzen. will man den platz, muss man parkplätze scheinbar wirklcih rückbauen /// was macht eine stadt lebens/liebenswert? grün, bunt, platz für menschen, weniger lärm, nutzung des gehsteiges für cafés etc. /// platz auf der straße wird für autos verwendet, 95% der zeit STEHT das auto allerdings // braucht man ein auto? jein. viele fahren damit um theoretisch geld zu sparen und auch außerhalb von wien fahren zu können /// wieso steigen leute nicht auf ubahn um? viele empfinden öffis als zu teuer /// schlussfolgerung: öffi ticket VIEL billiger, parkplätze rückbauen, FUZU, dichtere stadt etc.

badblackguy.blogspot.com
 
32
22.11.2010, 12:01

und was machen wir mit den Autos die es schon gibt?

Ich lebe im 2ten, wie wollen sie dort Parkplätze reduzieren
und wo sollen die Menschen dann ihre Autos abstellen?

Ich weiß, es ist nicht ihr Problem, aber wohin mit den
Autos? Sorry, aber solche Forderungen sind einfach unsinnig.

Bodypainter
21
22.11.2010, 12:53

ich wurde vor kurzem von einem poster hier im standard forum belehrt, dass es kein grundrecht auf parkplätze gäbe und parkplätze viel teurer wären als der parkplatzbenutzer dafür zahlt (kostenwahrheit).

however, die korrekte (und schmerzhafte) antwort auf ihre frage wäre: melden sie ihr auto ab, oder suchen sie sich einen parkplatz in einem parkhaus oder leiden sie halt bei der parkplatzsuche.

wobei ich sowieso schon lange das gefühl habe, dass es generell keine parkplätze mehr in der stadt gibt, vor allem für besitzer von großen autos.

badblackguy.blogspot.com
 
22
22.11.2010, 20:22

Ich sage damit benachteiligen sie die ärmeren Bürger,
warum dürfen sich nur reiche Bürger ein Auto leisten?

Sorry, jenes ist ein Eingriff in die Freiheit der Bürger,
welchen ich absolut nicht akzeptieren kann.

Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert!

Andreas N
06
22.11.2010, 09:33
sie bevorzugen also dann.....

... auf den über 400 km2 stadtfläche ca 10.000 neue Cafes und Schanigärten, die dann fast leer sind und zu >90 % der Zeit aufgrund von Wetter und Uhrzeit nicht benutzt werden.....

galiontariaho
03
22.11.2010, 12:11
lustigerweise...

sind gerade in jenen gegenden, in denen sie am schlechtesten mit pkw erreichbar sind, die lokale am gefülltesten.. mann sucht sich ja absurderweise zum verweilen die angenehmen plätze aus... in wien sind die ja dank öffentlichem verkehr auch erreichbar ;)

Bodypainter
02
22.11.2010, 09:28
Anmerkung: 500 Menschen fahren in die Arbeit

wieviele verkehrsmittel benötigt es um 500 menschen in die arbeit zu bringen?

1 ubahnzug
2 straßenbahnen
4 gelenkbusse oder 8 busse
oder
300 autos (mit 300 parkplätzen)

was fällt euch auf?

Martin Rosenkranz
22
23.11.2010, 09:39
500 Menschen fahren in die Arbeit

Also von den 200 Menschen, die im selben Haus wohnen wie ich, fahr nur ich dorthin zur Arbeit wo ich eben arbeite.....da hilft und also 1 U-Bahn-Zug wenig.
Aber gut - der Arbeitsplatz wäre öffentlich erreichbar - statt 15min. mit dem Motorrad oder 20min. mit dem Auto 45-50min. mit den Öffis - das ganze x2.

Im übrigen erweitern meine KFZs meinen Bewegungsradius und Geschwindigkeit wenn es nach ausserhalb Wiens geht unendlich mehr als es Öffis je könnten.

Das Grüne Ziel den Individualverkehr einzuschränken ist aus meiner Sicht somit eine gefährliche Drohung,

hast1
12
22.11.2010, 21:52
was fällt euch auf?

dass die möglichen antworten blödsinn sind.

man würde nämlich
300 u-bahnen (mit 600 stationen), oder 300 autos benötigen.

was fällt ihnen auf?

super cat
02
22.11.2010, 17:13

Was mir auffällt: meine miese Verbindung mit Öffis.
1/4 Stunde mit dem Motorrad
3/4 Stunde mit Öffis

Bodypainter
01
22.11.2010, 19:09

von wo nach wo?

würden sie zb mit dem auto vom praterstern nach meidling fahren, wären die öffis (in dem fall die s-bahn) sicher schneller.

super cat
01
23.11.2010, 08:49

Sie können unzählige Beispiele für gute Verbindungen anführen, die bringen aber gar nichts, wenn diese Verbindung nicht gefragt ist. Ich muss nicht vom Praterstern nach Meidling. Die tolle Verbindung von A nach B bringt mir nur dann etwas, wenn sie die Strecke Wohnung/Arbeitsplatz abdeckt.

gas karl
00
22.11.2010, 12:23
Mangel an

Individualität bei 1) bis 3)

Andreas N
11
22.11.2010, 09:32
250 Leute in einer Straßenbahn....

oder 125 in einem Gelenkbus. Ja sowas kenn ich von Berichten aus Indien und Afrika wo die Leute dann draußen dranhängen um mitzufahren.
würde sagen die rechnen den Durchschnittsfaktor durch 5 bis 10 (je nach Uhrzeit) dann kommen wir auf realistische Zahlen

Michael Bakunin
00
22.11.2010, 11:27
unterschätze die öffis nicht

250 ist vielleicht ein wenig übertrieben, aber 200 personen haben in einer straßenbahn locker platz. es sind ja immer 2 wagen zusammengehängt.
und 100 personen in einem gelenksbus ist auch nicht ungewöhnlich. da muss noch niemand draußen hängen. ;-)

Andreas N
00
22.11.2010, 15:52
wenn sich 200 Leute in einer Straßenbahn.....

.... reinquetschen sollen, dann können sich die Leute auch in anderer Hinsicht zusammenquetschen. 70 m2 für einen 4 Personen-Haushalt ging in dern 70igern auch. und ein Golf Variant reicht für die Familie auch und es muß kein Sharan sein

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