Collagen der Erinnerung

19. November 2010, 17:00
posten

Im Durchschnitt gelangen weltweit nur 15 Arbeiten von Anselm Kiefer jährlich zur Versteigerung – eine davon jetzt in Wien

Die mit Blei und Stoff überarbeitete Fotografie zeigt eine Hausmauer, die nach rechts in den Hintergrund führt und jeden weiteren Ausblick verhindert. Aus dem mit Schutt übersäten Boden wachsen Pflanzen, in deren Geäst blau-graue Stoffkleidchen jener Kinder schweben, die niemals eine Chance hatten, geboren zu werden. "Die Ungeborenen" nannte Anselm Kiefer diese Arbeit, die im Zuge der vierten Auktionswoche im Dorotheum am 25. November in der Sparte Zeitgenössische Kunst versteigert wird (Taxe 100.000- 150.000 Euro).

Während die reduzierte Farbigkeit die Erinnerung an den Holocaust verstärkt, betont die Verwendung eines Schwermetalls zeitgleich die giftige NS-Herrschaft. Diese Auseinandersetzung mit der jüngeren deutschen Geschichte begleitet Kiefer bereits seit seinen Anfängen in den späten 60er-Jahren. Gemeinsam mit Immendorf, Lüpertz und Penck repräsentiert Kiefer zugleich ein symbolistisch-bedeutungsschweres Segment der deutschen Postmoderne.

Wertzuwachs von 187 Prozent

Die Menge an Arbeiten in Sammlungsbeständen von Museen außerhalb Europas zeigt die enorme internationale Anerkennung: 1998 widmete ihm das Metropolitan Museum of Art (New York) eine Soloshow. Nur ein Teil der damals gezeigten Papierarbeiten trat die Heimreise nach Barjac in Südfrankreich an, 47 Werke kaufte das Museum an. Der Kunstmarkt reagierte dementsprechend, auch wenn die Menge der jährlich bei Auktionen angebotenen Arbeiten mit durchschnittlich 15 an der Zahl eine vergleichsweise überschaubare blieb. Bis 2007 stieg sein Wertindex laut Artprice um 187 Prozent.

Den vorläufigen Rekordwert notierte Christie's (London) 2007 mit netto 2,47 Millionen Euro für das Großformat "Lasst tausend Blumen blühen". Mit einem globalen Umsatzanteil von 43 Prozent liegt Großbritannien hinter den USA (49 Prozent) und vor Deutschland mit drei Prozent. Die restlichen fünf Prozent erwirtschaften vor allem Frankreich und die Schweiz, wo bei Koller (Zürich) am 3. Dezember vier Bilder den Besitzer wechseln sollen. Laut aktuellsten Analysen zum Markt für Gegenwartskünstler spielten 25 (Juli 2009-Juni 2010) versteigerte Werke weltweit 4,38 Millionen Euro ein, womit Anselm Kiefer im Ranking der umsatzstärksten Vertreter Platz 15 hält. (kron / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20./21.11.2010)

 

Spirituelle Befruchtung
Anselm Kiefers Ausstellungskatalog "Europa"
(€ 46,- / 58 S., SchirmerMosel 2010)

Mit ironischem Augenzwinkern hatte Anselm Kiefer in seinem Pariser Atelier seinem Galeristen eine Serie von Kühen gezeigt: Großformatige Öl-/Acrylgemälde, die sich unter Einbindung von Materialien wie Stroh und Dornenzweigen zu dreidimensionalen Assemblagen generieren. Selbst für den Verweigerer der Konventionen unkonventionell. Kiefers Bildnisse resultieren aus einer Mischung aus unterschiedlichen Kulturen, beginnend mit antiken Mythologien, bis zur heiligen Kuh in Indien oder als Symbol des Wohlstands bei afrikanischen Indigenen.

Prinzipiell bezieht er den Zyklus auf die Sage von Europa und Zeus, der sich Europa in Person eines Stieres näherte, auf die Fabel der Königin Pasiphae als Abbild einer verbotenen Leidenschaft und auf Minotaurus, der im Labyrinth des Dädalos gefangen war. Darüber hinaus erweitert Kiefer diese Bezüge um persönliche Kindheitserinnerungen, kulturhistorische Komponenten, metaphorische, kosmische Verbindungen sowie höchst subjektive Anleihen bei Nietzsche, die er selbst als "Zirkulation von Gedankengut" respektive "Grenzverkehr des Denkens" apostrophiert. Eine fantasievolle Tour d'Horizon, irritierend, bewusst verwirrend.

Bis Ende Jänner 2011 präsentiert die Potsdamer Villa Schöningen die zwischen 1994 und 2010 entstandenen Originale. Für den Kurator der Ausstellung und Herausgeber des begleitend publizierten Buches, Heiner Bastian, zitieren die Kühe des 1945 geborenen deutschen Künstlers Bilder von Tizian, Plotin, Pico della Mirandola, den Paracelsisten sowie Robert Fludd, "in deren Weltbildern alle Existenzen wesenhaft mit allen anderen verbunden sind, gleich einem analogen Universum." (Gregor Auenhammer  / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20./21.11.2010)

  •  Anselm Kiefer: "Die Ungeborenen", collagiertes Foto
    foto: dorotheum

    Anselm Kiefer: "Die Ungeborenen", collagiertes Foto

Share if you care.