Die Euro-Krise, die keine ist

19. November 2010, 14:24
3 Postings

Analysten und Kommentatoren schreiben wieder das Ende des Euro herbei. Doch trotz der Unsicherheit um Irland hat sich die Gemeinschaftswährung kaum bewegt

So schnell kann es gehen. Vor einem halben Jahr war es noch Griechenland, das unter dem europäischen Rettungsschirm Schutz vor dem Staatsbankrott suchen musste. Jetzt spitzt sich die Situation um Irland und Portugal immer weiter zu und viele Journalisten sehen bereits eine neue Euro-Krise heraufziehen. So titelt die Welt: "Europa zittert vor einer Abwertungsspirale des Euro". Im Handelsblatt und auch auf Ö1 verlangen Ökonomen, Irland solle sich endlich "solidarisch" mit Europa zeigen und den Rettungsschirm akzeptieren.

Die Situation mag auf den ersten Blick eine Eurokrise, also "Griechenland 2.0" sein. Irland hat eine schnell steigende Staatsverschuldung, das Defizit für 2009 lag bei 14,4 Prozent, 2010 könnten es bis zu 30 Prozent sein. Die Kapitalmärkte reagieren, indem die Preise von irischen Anleihen rasant fallen. Zudem ist das Land paralysiert und wächst kaum noch, seit 2008 ist es nur in einem einzigen Quartal gewachsen (Eurostat). Dabei deutet sich aber unter Umständen eine Wende an.  Irlands Industrieproduktion ist in den vergangenen 12 Monaten um fast zehn Prozent gestiegen, während Griechenlands zweiter Sektor 7,9 Prozent weniger Output hat. Doch im Vergleich zu Griechenland hat Irland tatsächlich ein anderes Problem. Nämlich einen durch und durch mit faulen Krediten zugepackten Bankensektor. Und dieser wird die Folge des Immobiliencrashes noch weiter nicht verdaut haben. Denn ein Gros der Kredite für Immobilienprojekte wurde am Höhepunkt der Blase vergeben (siehe Grafik links). Das ist der Hauptgrund, warum Analysten von Banken wie Goldman Sachs davon ausgehen, dass Irland früher oder später gerettet werden müssen: "It's the banks, stupid!"

Doch trotz des schlechten Ausblicks für Irland ist der Euro kaum belastet. Denn blickt man hinter das ständige Aufheulen, geht es der Gemeinschaftswährung nach objektiven Maßstäben nicht sehr schlecht. Zwar ist der Euro gegen den Dollar in kurzer Zeit von 1,42 auf unter 1,36 gefallen. Doch gegen andere Währungen hat sich der Euro in diesem turbulenten Herbst ganz stabil gehalten, etwa gegen den Yen oder den Schweizer Franken (siehe Grafik). Daraus kann man schließen, dass der Grund für den schwächeren EUR-USD-Wechselkurs in der US-Volkswirtschaft liegt, nicht in der Eurozone. Denn in den USA sind die langfristigen Zinsen trotz der Ankündigung der Fed, 600 Milliarden Dollar an Staatsanleihen zu kaufen, gestiegen (!). Zehnjährige Treasuries zahlen heute 2,9 Prozent Zinsen, nach 2,5 Prozent im Oktober. Das macht den Dollar attraktiver gegenüber dem Euro.

Liquidität

Die grüne Insel ist bis in den Sommer 2011 voll finanziert, ist also nicht darauf angewiesen, an den Kapitalmarkt zu gehen. Ein großer Teil der jüngsten Zinsexplosion bei irischen Anleihen ist daher liquiditätsbedingt, nicht solvenzbedingt. Als Indikator hierfür fungiert der Abschlag, den Verkäufer der Anleihe am Markt gegenüber dem Kaufpreis hinnehmen müssen. Kauft ein Anleger eine irische Anleihe, zahlt er derzeit für eine zehnjährige Anleihe mit 100 Euro Nominale 80 Euro. Verkauft er dieselbe Anleihe, bekommt er aber nur 76 Euro. Die vier Euro Spanne, die Geld-Brief-Spanne, kommt dadurch zustande, dass der Markt nicht mehr funktioniert. Die Börsen verlangen als Kompensation für das Risiko eines Ausfalles einen größeren Puffer. Zudem verlangen auch andere Finanzakteure wie das Clearinghaus LCH Clearnet höhere Sicherheiten für den Handel mit irischen Wertpapieren. Dabei wird ein Teufelskreis  in Gang gesetzt: LCH argumentiert die höheren Sicherheiten mit höheren Risiken bei den Papieren. Käufer wiederum werden von den größeren Kosten des Handels abgeschreckt.

All das muss nicht heißen, dass Irland die Hilfe jedenfalls braucht, etwa wenn die Europäische Zentralbank das irische Bankenproblem weiter mit Liquidität vor Schlimmerem schützt. Das Land unter den Rettungsschirm zu holen, ist daher eine politische Entscheidung. Daher wird auch darüber debattiert, dass Irland nicht mehr so harten Steuerwettbewerb mit Eurozone-Ländern führen darf. 

 


Sie können die Marktmelange auch über Twitter oder Facebook verfolgen. Den RSS-Feed gibt es hier.

  • Bild nicht mehr verfügbar
  • Artikelbild
  • Artikelbild
Share if you care.