Im Blindflug durch die Nacht

  • Kann ein junger Mensch innerhalb von Sekunden von Hell auf Dunkel
umstellen, braucht ein Mensch ab der Lebensmitte dafür wesentlich
länger.
    foto: apa/rolf vennenbernd

    Kann ein junger Mensch innerhalb von Sekunden von Hell auf Dunkel umstellen, braucht ein Mensch ab der Lebensmitte dafür wesentlich länger.

Blendende Scheinwerfer im Gegenverkehr, schwache Kontraste, verschwommene Sicht: Fehlsichtigkeit fällt einem beim Autofahren besonders stark auf. Ein Besuch beim Augenarzt bringt Klarheit

Wenn die Tage kürzer werden, rutscht die Hauptverkehrszeit in die Dunkelheit. Für Autofahrer ist das eine Herausforderung: Je schlechter das Licht desto geringer ist allgemein das Sehvermögen. 90 Prozent der Informationen, die für das Autofahren wichtig sind, werden visuell aufgenommen. Mit steigendem Lebensalter lässt die Sehleistung zusätzlich nach: Die Dämmerungssehschärfe sinkt, Kontraste werden weniger stark wahrgenommen, die Blendempfindlichkeit steigt, und das Gesichtsfeld ist zunehmend eingeschränkt.

"Die natürliche Trübung der Linse beginnt langsam ab dem 40. Lebensjahr", sagt Martin Emesz, Oberarzt an der Universitätsaugenklinik Salzburg. Durch die Trübung der Linse entsteht Streulicht, das das Bild auf der Netzhaut überlagert, die Blendempfindlichkeit erhöht und Konturen verschwimmen lässt. "Es ist wie bei einem Beamer: Bei Licht ist das projizierte Bild schlechter zu erkennen, als wenn ein Raum verdunkelt ist", erklärt Patrick Marvan, Arzt an der Universitätsaugenklinik Salzburg. Anfangs kann das Gehirn den Effekt des Streulichts noch ausgleichen, ab dem 60. Lebensjahr nimmt meist die Trübung zu, und mehr Streulicht entsteht.

Macht diese Tatsache nicht ältere Autolenker zu einem Sicherheitsrisiko? "Das Kontrastsehen verschlechtert sich im Alter, aber nicht unbedingt so stark, dass es ein Nachtfahrverbot begründen würde", sagt Bertram Vidic, Assistenzprofessor an der Universitäts-Augenklinik Graz und Vorsitzender der Kommission Auge und Verkehr der Österreichischen Ophtalmologischen Gesellschaft (ÖOG).

Mit Nachtfahrverboten werden Lenkerberechtigungen eingeschränkt, wenn die Lenker in der Dunkelheit nicht mehr fahrtauglich sind. Die Gründe dafür können degenerative Erkrankungen des Auges oder Nachtblindheit sein. "Angeborene Nachtblindheit und Nachtblindheit in Folge eines Vitamin-A-Mangels sind sehr selten", sagt Patrick Marvan. Wer sich mit fortschreitenden Jahren nachtblind fühlt, leidet meist nur an einer erhöhten Blendempfindlichkeit durch vermehrtes Streulicht und einer verschlechterten Dunkeladaptation.

Kann ein junger Mensch innerhalb von Sekunden von Hell auf Dunkel umstellen, braucht ein Mensch ab der Lebensmitte dafür wesentlich länger. Über die Pupille, eine Pigmentschicht und Nervenzellen am Augenhintergrund kann das Auge die Lichtempfindlichkeit regeln. Wird das Auge durch viel Licht, beispielsweise dem Scheinwerfer eines entgegenkommenden Autos, geblendet, so können diese Nervenzellen überreizt werden. Sie geben dann kurzfristig keine Informationen an das Gehirn weiter, und man sieht vorübergehend nichts.

Beratung beim Augenarzt

Oft verschlechtern ganz banale Probleme die Sicht in der Dunkelheit: schmutzige Windschutzscheiben, eine verschmierte Brille oder Ablagerungen auf Kontaktlinsen streuen das Licht und tragen zum Blendeffekt bei.

Wirklich gefährlich wird Autofahren jedoch meist erst, wenn zusätzlich krankhafte Altersveränderungen auftreten. Dazu gehören der graue Star und der grüne Star, aber auch Netzhautveränderungen als Folge von Diabetes mellitus und die Altersabhängige Makula-Degeneration (AMD), bei der die Netzhautzellen rund um die Makula, den Punkt des schärfsten Sehens, zerstört werden.

Ist die Erkrankung schon so weit fortgeschritten, dass die Fahrtauglichkeit nicht mehr gegeben ist, klären die Augenärzte ihre Patienten auf. Den Behörden können die Diagnosen wegen der ärztlichen Schweigepflicht jedoch nicht gemeldet werden. Und viele Betroffene schreiben die Warnungen der Ärzte in den Wind, wie eine Studie der Universitätsaugenklinik Salzburg zeigt. "Hochgerechnet und sehr konservativ geschätzt haben 2,4 Prozent der Autolenker kein ausreichendes Sehvermögen. Davon würde ein Drittel weiterfahren, obwohl sie wissen, dass sie eigentlich nicht mehr genug sehen", sagt Studienleiter Martin Emesz.

Die Dunkelziffer liegt vermutlich noch höher, da viele den Gang zum Arzt scheuen. Dabei können bei rechtzeitiger Diagnose mittlerweile manche altersbedingte Netzhauterkrankungen gut behandelt oder gestoppt werden. Star-Operationen gehören heute zur augenärztlichen Routine. "Wird eine Augenerkrankung rechtzeitig erkannt, kann sie eventuell behandelt werden. Damit kann die Fahrtüchtigkeit länger erhalten bleiben", sagt Emesz.

Zeitfaktor bei Diagnose

Die Tücke bei vielen degenerativen Erkrankungen ist nämlich: Häufig bemerken die Betroffenen erst etwas, wenn es für eine Behandlung schon zu spät ist, weil sich das Sehvermögen schleichend verschlechtert. Auch deswegen empfiehlt die Kommission "Auge und Verkehr" der ÖOG, regelmäßige Routineuntersuchungen für Führerscheinbesitzer ab einem gewissen Alter in das neue, EU-konforme Führerscheingesetz aufzunehmen, das 2013 in Kraft treten wird.

 

"Ein verpflichtender Gesundheits-Check ist in der österreichischen Umsetzung der Richtlinie derzeit aber nicht vorgesehen", heißt es jedoch aus dem Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie, "angedacht ist vielmehr die Möglichkeit, sich freiwillig und anonym auf Fahrtauglichkeit prüfen zu lassen." (Konstanze Wagenhofer, DER STANDARD, Printausgabe, 22.11.2010)

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