Bärlis best friends

21. Oktober 2010, 19:26
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Schmuck gehört zur theatralischen Selbstinszenierung - Er stellt Distanz her und löst sie wieder auf - Eine Betrachtung der Kulturwissenschafterin Brigitte Felderer

Die Menschenschlange vor dem eleganten Cartier-Geschäft an der New Yorker Fifth Avenue reichte im Herbst 1969 bis zum nächsten Häuserblock. Cartier hatte eine Anzeige in der New York Times geschaltet, in der man zur allgemeinen Besichtigung des "Cartier Diamond" einlud. Über 6000 Menschen täglich wollten die Gelegenheit nicht verpassen, mehr als eine Million Dollar in so konzentrierter Form zu bestaunen. Der riesige, 69,42 Karat schwere Edelstein im Schaufenster war erst wenige Tage zuvor bei einer Auktion ersteigert worden. Neun Bieter hatten den Preis schnell auf 500.000 Dollar hochgetrieben. Als man bei 650.000 Dollar angekommen war, blieben noch zwei Interessenten im Rennen: der Schauspieler Richard Burton, vertreten durch seinen Anwalt, und Robert Kenmore, Eigentümer der Firma Cartier. Der Anwalt stieg bei Erreichen der Millionengrenze aus, und Kenmore erhielt schließlich bei der Rekordsumme von 1.050.000 Dollar den Zuschlag.

Nie zuvor war bei einer Auktion ein höherer Preis für ein Schmuckstück erzielt worden. Der Brillant, "so groß wie das Ritz", war nur auf den Markt gekommen, weil seine amerikanische Erstbesitzerin ihn reichlich unpraktisch fand. Sie hatte den Stein 1967 bei dem Edeljuwelier Harry Winston erworben, doch stellte sich bald heraus, dass das Schmuckstück seiner Besitzerin weniger Bewunderung als vor allem Sorgen eintrug, zog es doch allzu große Begehrlichkeiten auf sich, denen sie sich nicht gewachsen fühlte. So blieb der Stein in einem sicheren Safe versperrt, eignete sich dort zwar noch als eine von vielen Wertanlagen, doch auf den Genuss seines unübersehbaren Neidwerts musste die vorsichtige Dame verzichten, und so hatte sie sich "notgedrungen" zum Verkauf entschlossen.

Noch in der Nacht nach der Versteigerung gelang es Richard Burton, vom Münztelefon einer englischen Hotelbar aus das begehrte Kleinod doch noch zu bekommen - gegen einen Aufpreis von 50.000 Dollar und unter der Bedingung, dass Cartier den Stein vor der Übergabe öffentlich ausstellen konnte.

Damen als Wertanzeige der Herren

In einer Welt, die zwischen Männern und Frauen, oben und unten, Star und Nichts, noch recht strikt zu unterscheiden wusste, war selbst Luxus eine recht eindeutige Angelegenheit: Demonstrativ wurde gezeigt, was man sich leisten konnte, und die Damen präsentierten, was die Herren auszugeben bereit waren. Je größer das Schmuckstück, desto überzeugender auch der Beweis für den Glauben an die Dauerhaftigkeit einer Liebe. Eine solch romantische Illusion war freilich selbst in lupenreinen Karat nicht aufzuwiegen. Elizabeth Taylor brachte es in einem Telegramm an ihren Mann am Tag nach dem erfolgreichen Kauf auf den Punkt: "Who needs a flawless diamond if you have Richard Burton." Die Schauspielerin entschied sich - nicht schwierig - für beide: Burton und Brillant.

Der "Taylor-Burton", wie der Stein heute noch heißt, hatte seinen enormen Kaufpreis spätestens bis zu seiner ersten öffentlichen Zurschaustellung in New York mehr als eingespielt. Eine derart demonstrative Verschwendung stellte sich als höchst lukrative Investition heraus, denn im medial sichtbaren Alltag der weltberühmten Hollywood-Schauspielerin sollte sich der Klunker nicht nur als durchaus praktisch, sondern als unerlässlich erweisen. "Ohne Schmuck fühle ich mich nackt", hatte Gina Lollobrigida schon 1965 für sich erkannt. Mit kostbaren Ringen, Halsketten oder Armbändern wurden und werden gesellschaftliche Regeln verhakt, standesgemäße Hierarchien angelegt, Prestige wurde und wird damit gekauft wie verschenkt. Schmuck wirkt nach außen wie nach innen. Ein Diamant ist Schmuck schlechthin, strahlt er doch und ist dabei geradezu körperlos, "seine Wirkung besteht nur in den Strahlen, die er aussendet", so die soziologische Expertise Georg Simmels. Die Kulturgeschichte, und darin Liz Taylor, dokumentiert die magische Bedeutung von Schmuckstücken, die gleichermaßen verlocken wie distanzieren und Respekt gebieten. Die Blicke, die ein funkelnder Edelstein anzieht, setzen sich zugleich als psychische Energie in die Person fort, die Schmuck trägt. Die anderen sind es, die all die zur Schau gestellten Kostbarkeiten unweigerlich wahrnehmen, und Schmuck, auffälliger genauso wie ein zartes Geschmeide, lässt sich kaum je übersehen. Erst die Aufmerksamkeit, die Wertschätzung und die von Liz Taylor durchaus erwünschte Begehrlichkeit tragen zur Wertsteigerung des eigenen Ichs bei.

Morgengaben und Brautgeschenke

Schmuck gehört zur theatralischen Selbstinszenierung, ist unerlässliches Requisit professioneller Selbstdarstellung, die mit Applaus rechnet. Schmuck mag Distanz herstellen und löst sie mit seiner Auffälligkeit auch auf, fokussiert und provoziert Interesse, kommt nur schwer an den Geschlechterklischees vorbei - ohnehin war ganz das Gegenteil beabsichtigt. Die Werbewirkung für alle Beteiligten - für Cartier, für das Künstlerpaar und nicht zuletzt für den Edelstein selbst - war kaum zu beziffern. Als im November 1969 Grace Kelly in Monaco ihren 40. Geburtstag feierte, wusste Liz Taylor die Einladung perfekt zu nutzen: Sie trug nicht nur den "Taylor-Burton" zum ersten Mal in aller Weltöffentlichkeit, sondern zudem einige andere brillantene Gaben ihres Ehemanns, den nur sehr großen, aber nicht riesigen "Krupp"-Diamanten und den für die Maßstäbe des Ehepaars geradezu romantisch winzigen "Ping-Pong", Trophäe für die Gewinnerin einer Partie Tischtennis. Die medienwirksame Kombination aus einzigartigem Schmuck und dem gleichermaßen leuchtenden Glamour des immer auch skandalösen Ehepaars verlieh den kalten Steinen die Ausstrahlung heißer und fast schon intimer Liebesbeweise zweier außergewöhnlicher Menschen, die gesellschaftliche Konventionen kaum respektierten und auch deswegen für sich und alle anderen so begehrenswert erschienen.

Liz Taylor und Richard Burton nahmen vorweg, dass die zeitgemäße Entfaltung von Luxus heute immer weniger mit konventionellem Prunk und Wertfetischen, Morgengaben und Brautgeschenken, großen Bällen oder Hollywood-Partys zu tun hat. Schmuck von heute wird nicht nur von Herren für Damen erworben, sondern auch selbst gekauft und alltäglich getragen. Sein Wert lässt sich nicht nur wiegen und schätzen, sondern wird auch an seiner Originalität und Bedeutung bemessen. Schmuck ist nicht mehr nur Investition in eine Ewigkeit, an die niemand mehr so recht glauben mag. Reichtum, Schönheit und Prestige haben sicher nicht an Neidwert eingebüßt. Doch Schmuck muss heute auch noch für Persönlichkeit stehen, für Eigenart und Unkonventionalität. Wer sich alles kaufen kann, kauft eben nicht alles, sondern nur Besonderes und Exklusives.

Über Konventionen von Luxus setzt sich nur derjenige hinweg, dem es gelingt, Wert neu zu definieren. Mehr denn je brauchen wir Schmuck als Ausdruck unserer Individualität, und darin liegt eine Wertschöpfung, die der Vergänglichkeit aller denkbaren Krisen und Moden wohl nie zum Opfer fallen wird. In diesem Sinne war Schmuck noch nie Luxus, sondern immer lebensnotwendig. Liz Taylor und Richard Burton ließen sich 1976 zum zweiten Mal und endgültig scheiden. Bald darauf verkaufte die Schauspielerin den 69-Karäter um 5.000.000 Dollar. (Brigitte Felderer/Der Standard/rondo/22/10/2010)

Zur Ansichtssache: Stofftiere mit Karat

  • "Armer Hund" von Steiff (1930er-Jahre) mit einem Perlencollier von Schreiner, 18 Karat Weißgold mit 2,34 Karat Diamanten (11.500 EURO), bei Heldwein, Graben 13, 1010. 
Foto: Klaus Fritsch
Zur Ansichtssache: Stofftiere mit Karat
    foto: klaus fritsch

    "Armer Hund" von Steiff (1930er-Jahre) mit einem Perlencollier von Schreiner, 18 Karat Weißgold mit 2,34 Karat Diamanten (11.500 EURO), bei Heldwein, Graben 13, 1010. 

    Foto: Klaus Fritsch

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