"Lebe nie unter deinem Niveau"

21. November 2010, 17:00
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Gerhard Krispl, Erfinder der Luxus-Messe in der Wiener Hofburg, im derStandard.at-Interview über Luxus als sprudelnde Steuereinnahmenquelle, Protzigkeit und ruhigeres Styling nach der Krise

"Wir wollten heuer nicht so laut sein", erläutert Organisator Gerhard Krispl im Vorfeld der "Luxury, Please", der größten Nobelmesse Österreichs. Ohne Pomp und Prunk in der Hofburg zu feiern: Das ist aber doch ein wenig so, wie wenn man ein Bad nehmen will ohne dabei nass zu werden. Die Schönen und Reichen werden auch heuer wieder vorbei schauen, man wird auf das Ende der Krise anstossen, umgeben von der Aura der großen Modelabels. Warum Luxus teuer sein kann, aber nicht muss, die Topmarken auf "ruhigeres Styling" setzen und die Messe weg vom Bling-Bling will, erzählt Gerhard Krispl im derStandard.at-Interview. Florian Vetter fragte nach.

derStandard.at: Ok, fangen wir mit einer Binsenweisheit an: "Die höchste Luxusebene ist nicht kommerziell". Was sagen Sie dazu?

Gerhard Krispl: Luxus hat etwas mit Kommerz zu tun und das ist wichtig weil sich in der Wirtschaft etwas bewegt. Luxusgüter bringen hohe Absätze und damit auch Steuereinnahmen und außerdem geht es um Qualität und Nachhaltigkeit. Luxus muss nicht teuer sein.

derStandard.at: Wo Luxus beginnt, kann man definieren: Nach Oscar Wilde - die Marketing-Fachliteratur gibt ihm Recht - dort, wo das Notwendige aufhört. Ihre Meinung?

Krispl: Das Besondere, was man sich leisten will - sei es Liebe, Freizeit oder worüber man auch immer seinen Luxus definiert - geht über das Alltägliche hinaus. Man gönnt sich etwas. Für den einen ist es das Wandern, für den anderen der Rolls-Royce. Luxus ist teuer - das wäre die falsche Schlagzeile. Teuer ist etwas, wo das Produkt nicht mit der Leistung übereinstimmt.

derStandard.at: Luxus hat immer auch etwas mit Eitelkeit zu tun. Kann eitel sein nicht manchmal ziemlich anstrengend sein?

Krispl: Da fällt mir der schöne Spruch ein: "Lebe nie unter deinem Niveau". Wo ist meine Mitte, inwieweit ist etwas anstrengend? Es gibt Leute, die mit Luxus nichts zu tun haben und anstrengender sind als Menschen, die ihr Prestige herzeigen. Ich muss immer wieder provokante Fragen zum Thema beantworten. Aber weder Standard, Presse noch Wirtschaftsblatt können auf die Inserate der Luxuslabels verzichten. Wenn Luxus laut wird und provokant, dann wird er unangenehm. Der Weg aus der Krise hat es gezeigt: Die Qualität bleibt gleich, aber das Styling wird ruhiger. So präsentiert sich heuer auch die "Luxury, Please".

derStandard.at: Ihr Plan war seinerzeit mit der Luxury, Please das "größte luxuriöse Wohnzimmer Europas" zu schaffen. Ist ihnen das gelungen?

Krispl: Ich glaube schon. Wir haben letzte Woche in Mailand einen Award erhalten für die schönste Special-Interest Veranstaltung im Messe-Segment. Für diesen Preis haben Riesenfirmen wie Microsoft oder Audi eingereicht und wir haben gewonnen. Wir wollen aber trotzdem nicht mit einer Messe verglichen werden.

derStandard.at: Sind Sie zufrieden mit dem heurigen Programm im "Open space"? Das Wort Messe hören sie ja nicht so gerne.

Krispl: Das Wort Messe ist kein schlechtes Wort, aber es ist anders definiert. Die Assoziation ist Messegelände, Messehalle und Messeauftritt. Wir legen viel Wert auf Harmonie, eine schöne Gestaltung und Side-Events. Wir befinden uns schließlich in der Hofburg. In Mailand war ich bei Brioni: Wenn man sieht, wie die in Qualität und Corporate Identity investieren, dann ist das der langfristig richtige Weg. Auch wenn er hart ist. In der Hofburg konkurrieren lauter Marken, die Nummer eins sein wollen.

derStandard.at: Sie organisieren die Luxury, Please nicht umsonst. Wie verdienen Sie an dieser Messe bzw. an diesem "Open Space".

Krispl: Über die Mieten, die die Aussteller für den Platz zahlen, über Sponsoren, über Kooperationspartner und über den Eintritt. Wir haben einen Fünfstufen-Plan für die Finanzierung.

derStandard.at: Wie viel Geld investieren die Aussteller in ihre Präsenz auf der Messe und wie verläuft der Auswahlprozess?

Krispl: Das fängt bei 5000 Euro an und geht bis zu 120.000 Euro. Ausgewählt werden stimmige Produkte, das muss nicht Top-Level sein. Wir haben Künstler, die wunderschöne handgefertige Lederstühle produzieren. Unser Auftrag ist auch, dass junge Leute sich in Konkurrenz zu den großen Marken präsentieren können. Das muss sich aufschaukeln, wobei der Respekt vor der Marke gegeben sein muss. Es geht um Harmonie.

derStandard.at: Sie dinieren mit Industrie-Bossen am Wörthersee, feiern mit Promis in Wiener In-Diskotheken, jetten durch Modemetropolen. Gibt es Momente, wo Sie die Nase voll haben von der High Society, wo sie wieder auf den Boden zurück wollen?

Krispl: In der High-Society bin ich eigentlich weniger unterwegs, vielleicht mal da und dort. Wer mich kennt, weiß aber dass ich bis 23 Uhr im Büro sitze und organisiere. Ein Tag in Mailand, das klingt super und nach Jet-Set. Drei Labels dort zu besuchen, das heißt um halb vier Aufstehen, um sechs Uhr in den Flieger und um Mitternacht ist man wieder in Wien. Das ist knallharte Arbeit. Mittlerweile fallen die Entscheidungen der Topmarken auch sehr spät. Vor der Krise gab es Zusagen bereits im ersten Quartal, jetzt baut sich ein Druck auf wenn Firmen erst Mitte des dritten Quartals entscheiden. Man hat dann nur wenige Tage Zeit, das Baby zu realisieren.

derStandard.at: Kommt der Luxus, kommt auch der Neid. Darf man auf Leute nicht neidisch sein, die 75.000 Euro für eine einwöchige Kreuzfahrt ausgeben?

Krispl: Nein. Jemand hat dieses Geld verdient und ich gehe davon aus, dass er auch seine Steuern dafür gezahlt hat. Wichtig ist, dass das Geld ausgegeben wird und der Wirtschaft zugeführt wird.

derStandard.at: In Zeiten des Neobiedermeier scheinen protzige Haltungen nach außen nicht mehr so gut fürs Image zu sein.

Krispl: Luxus hat mit Protzigkeit überhaupt nichts am Hut. Protzig ist jemand, der laut durch die Gassen geht und von Luxus nichts versteht. Nehmen wir den falsch gekoppelten Begriff "Luxuskarosse" her. Was ist schlecht an einem Auto, das hunderte Arbeitsstunden länger gefertigt wurde und einen Käufer findet, der es sich leisten kann, 300.000 Euro zu bezahlen und 30 Prozent an das Finanzamt abzugeben?

derStandard.at: Es heißt, sie seien vor der "Luxury, Please" ein Nobody gewesen: Ein kleiner Handschuhmacher, der eine Grazer Kommunikationsagentur leitete mit einem überschaubaren Freundeskreis in Wien.

Krispl: Ich hatte gar keinen Bekanntenkreis in Wien. Für die "Luxury, Please" musste ein Mann akquirieren, organisieren und repräsentieren. Wir sind in fünf Jahren gewachsen aber noch immer ein kleines Unternehmen. Ich kenne jeden Kunden persönlich.

derStandard.at: Letztes Jahr war im Profil zu lesen, Sie hätten finanzielle Engpässe gehabt, Rechnungen wurden nicht gezahlt. Wie ist die "Luxury, Please" jetzt finanziell aufgestellt?

Krispl: Das ist kein Geheimnis, wir sind nicht im Geld geschwommen. Im Krisenjahr haben wir die "Luxury, Please" mit viel Mühe und Fleiß durchgedrückt, obwohl uns viele Leute gesagt haben, wir sollen es lassen.

derStandard.at: Was ist das langfristige finanzielle Ziel?

Krispl: Ich dachte, dass wir schneller mehr Geld verdienen. Mittlerweile sind wir wieder solide aufgestellt. Die Krise hat uns und alle anderen schwer getroffen. Statt drei Russen ist nur mehr einer gekommen. (derStandard.at, 21.11.2010)

Gerhard Krispl (56) arbeitete nach seiner Ausbildung als Schuhmacher am Calzaturificio di Varese als Schuhdesigner, später als Einkäufer bei diversen Schuhhandelsketten. Mit 30 Jahren landet Krispl im Marketing. 2006 fand in der Wiener Hofburg erstmals die von ihm ins Leben gerufene "Luxury, please" statt. Als gelernter Schuster, hat er sich heuer einen Traum erfüllt: Gemeinsam mit dem italienischer Top-Designer Paolo Scafora präsentierte Krispl vergangenen Mittwoch seine erste Schuhkollektion unter dem Namen "Collection Krispl e Scafora".

  • Gerhard Krispl über die Krise: "Statt drei Russen ist nur mehr einer gekommen".
    foto: standard/sissi furgler

    Gerhard Krispl über die Krise: "Statt drei Russen ist nur mehr einer gekommen".

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