Der Mann mit dem zarten Gesicht und den großen brauen Augen lieferte
eine Lastwagen voller Gasflaschen und TNT. Kurz darauf jagten Attentäter
der islamistischen Al-Kaida mit diesem Material die US-Botschaft in der
tansanischen Hauptstadt Daressalam in die Luft.
So viel gilt über Ahmed Khalfan Ghailani als gesichert. Ein
US-Gericht
hat den 36-Jährigen am Donnerstag wegen seiner Beteiligung an der
Al-Kaida-Attacke auf die US-Vertretungen in Tansania und Kenia 1998
verurteilt.
Der Angeklagte saß zuvor vier Jahre lang in Guantánamo ein. Er ist
der
erste ehemalige Insasse, gegen den ein zivilen US-Richter urteilte. Eine
ganze Reihe anderer Anklagepunkte gegen Ghailani mussten fallengelassen
werden. Vorherige Geständnisse seien ihm unter Folter abgepresst worden
und darum ungültig, urteilte das Gericht.
Er habe nichts von den Anschlägen gewusst, beteuerte er. Seine
Verteidiger beschreiben den tansanischen Staatsbürger als "naiven Mann",
der von den Al-Kaida-Männern hineingelegt wurde. Die amerikanischen
Geheimdienste sprechen hingegen von ihm als einem der Drahtzieher der
Anschläge. Die vergleichsweise milde Verurteilung mit einem
Höchststrafmaß von 20 Jahren Haft gilt als Rückschlag für die
US-Behörden, die auf eine Verurteilung aller ehemaliger
Guantánamo-Häftlinge hoffen.
Ghailani spricht neben seiner Muttersprache Suaheli auch Englisch, es
dürfte ihm den Umgang mit den Amerikanern bei Verhören vereinfacht
haben. Er wuchs auf der Insel Sansibar auf, die wohlhabender ist als das
tansanische Festland.
Nach den Anschlägen soll Ghailani gemeinsam mit einem kenianischen
Komplizen nach Westafrika gegangen sein, in die liberianische Hauptstadt
Monrovia. Der britische Observer berichtete, die beiden Männer
handelten
dort mit illegalen "Blutdiamanten", um Kapital für Al-Kaida zu
lukrieren. Die Operation dort sei jedoch beendet worden, nachdem der
Al-Kaida-Führung Berichte von Ausschweifungen mit Frauen und Alkohol
bekanntwurden.
Später ging Ghailani als islamischer Wanderprediger nach Pakistan, wo
er
eine Usbekin heiratete. Das Paar soll gemeinsame Kinder haben. Im Jahr
2004 wurde er von den Behörden verhaftet. Die folgenden zwei Jahre
verbrachte er in geheimen CIA-Gefängnissen, im Jahr 2006 wurde er nach
Guantánamo überstellt. Seine Verteidiger wollen gegen seine Verurteilung
berufen. (Alexander Fanta, STANDARD-Printausgabe, 19.11.2010)