Rufmord-Kampagne gegen Paul Lendvai

18. November 2010, 17:57
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Medium der Regierungspartei Fidesz versucht Lendvai als Informanten der Kommunisten zu diffamieren

Die dem Fidesz-Medienimperium zugehörige Wochenzeitung "Heti Válasz" hat in ihrer am Donnerstag erschienenen neuesten Ausgabe eine Rufmord-Kampagne gegen den STANDARD-Kolumnisten und Buchautor Paul Lendvai gestartet. Der Journalist und scharfe Kritiker des rechtspopulistischen Ministerpräsidenten und Fidesz-Führers Viktor Orbán wird als "freiwilliger Informant der (kommunistischen) Kádár-Diktatur" angeprangert, als jemand, der dem damaligen kommunistischen Regime Informationen über die demokratische Opposition "angedient" hätte. Dokumente würden dies belegen.

Auf dem Cover der Ausgabe prangt das mit stilisierten Glasscherben untermalte Konterfei des ungarischstämmigen österreichischen Journalisten, darunter der reißerische Titel: "Im Dienste des Parteistaates." Die im Blattinneren als Faksimiles veröffentlichten Schriftstücke aus der diplomatischen Post des Kádár-Regimes belegen allerdings - nichts. Nicht Paul Lendvai berichtet darin dem Regime, sondern Mitarbeiter der ungarischen Botschaft in Wien, mit denen sich der damalige Leiter des ORF-Oststudios häufig traf, fassen den Inhalt ihrer Gespräche mit dem Fernsehmann zusammen. Relevante Informationen, die Lendvai weitergegeben hätte, sind in diesen, von den Gesprächspartnern im Nachhinein angefertigten Memos nicht enthalten.

Hinzu kommt, dass das ungarische Regime in einigen Nuancen liberaler war als andere Ostblock-Diktaturen. Lendvai durfte in Ungarn gelegentlich drehen, in den anderen Ländern nicht. Zusagen in Gesprächen mit ungarischen Diplomaten, diesen für Ungarns Image positiven Unterschied in der Berichterstattung hervorheben zu wollen, waren taktische Versprechungen. Lendvai ließ sehr wohl, zum Leidwesen des Regimes, Vertreter der demokratischen Opposition zu Wort kommen.

Bei Dreharbeiten in Ungarn wurde Lendvai auf Schritt und Tritt von Agenten der ungarischen Stasi beobachtet - einer wurde ihm als lokaler Produzent untergejubelt. Wenn das Fidesz-Blatt jetzt versucht, ihn als "Informanten" des alten Regimes zu diffamieren, kommt das einer Opfer-Täter-Umkehr gleich. Tatsächlich dürfte die Kampagne eine Reaktion auf Lendvais jüngstes Buch sein. In Mein verspieltes Land legt er eine nüchterne und scharfe Analyse des von Orbán verkörperten rechten Populismus vor - neben dem Versagen der Linken die Haupttriebfeder dafür, dass Ungarn heute als "kranker Mann Mitteleuropas" dasteht.

Vergeltung für Buch

"Diese zügellose Hetze ist die Vergeltung für das Buch", sagte Lendvai am Donnerstag dem STANDARD. "Heti Válasz" bediene sich der Methoden der kommunistischen Propaganda, die damals ebenfalls darauf abgezielt habe, "ausländische Kritiker des Regimes unter Druck zu setzen oder mundtot zu machen". (Gregor Mayer aus Budapest/DER STANDARD, Printausgabe, 19.11.2010)

  • Kampagne der Zeitung "Heti Válasz": "Im Dienste des Parteistaates."
    foto: heti válasz

    Kampagne der Zeitung "Heti Válasz": "Im Dienste des Parteistaates."

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