Die Macht des Tratsches

18. November 2010, 17:58
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    foto: bernadette huber

    Nach der Entlarvung des Fake-Bordells als Kunstprojekt rätseln die Steyrer weiter ...

Mit der fiktiven Eröffnung eines Bordells in Steyr konfrontieren zwei Künstlerinnen die Bevölkerung mit ihren demokratischen Strukturen

... der Macht des Tratsches und der Täuschung der eigenen Wahrnehmung.

Steyr - Idyllische Altstadt, Poststelle des Christkindls, historische Produktionsstätte der Steyr-Traktoren und Standort der BMW-Werke. Eingebettet zwischen den Flüssen Enns und Steyr liegt die oberösterreichische Kleinstadt, die in den vergangenen Wochen einem "Stresstest" ausgesetzt war.

So bezeichnet Medienkünstlerin Bernadette Huber, die zuletzt unter anderem mit einer Videoinstallation im Rahmen der Jubiläumsausstellung im Egon Schiele Art Centrum in Ceský Krumlov (Krumau, CZ) Aufsehen erregte, ihr aktuelles Kunstprojekt "Bar Nadette. Die Macht des Tratsches - the power of gossip". Zusammen mit Christina Hinterleitner verklebte sie die Schaufenster eines Geschäftslokals im historischen Wohnviertel Steyrdorf mit rosafarbenen Folien und hängte ein Schild mit der Aufschrift "Bar Nadette" an die Türe. Postwurf- und E-Mail-Aussendung sowie ein perfekter Webauftritt (www.Barnadette.at) ließen viele Stadtbewohner und auch Mitglieder des Gemeinderats glauben, ein neues Bordell würde bald aufmachen.

Fake-Bordell "Bar Nadette"

Auch eine Regionalzeitung berichtete über die eventuell bevorstehende Eröffnung eines neuen Nachtclubs in Steyr. Obwohl Walter Oppl, SPÖ-Vizebürgermeister, die Bar Nadette für einen "Schmäh" hielt, verkündete er in den "Oberösterreichischen Nachrichten", dass die rosa Klebefolien "schnellstmöglich von den Schaufenstern zu lösen sind".

Da es in der kleinbürgerlichen Nachbarschaft der Bar Nadette bereits drei einschlägige Etablissements gibt, fanden es die Künstlerinnen passend, mit diesem Fake-Nachtclub, der außer den erwähnten Marketingstrategien keinen Beweis für seine Existenz lieferte, die Bevölkerung zum Tratschen zu bringen. "Wir wollten die Kommunikation zwischen Menschen, die sonst nicht sehr viel miteinander verbindet, wiederbeleben. Wenn ein Skandal passiert, dann geht Tratsch ganz schnell", so Hinterleitner, die sich bisher in ihrem Entwicklungsbüro für Mode und Design mit Strategien von Kommerzialisierung und Bewerbung auseinandersetzte.

Dass sie damit recht hat, bewies unter anderem schon die Swingerclub-Installation Christoph Büchels in der Wiener Secession vor einigen Monaten. Und Klaus Thiele-Dohrmann schreibt in seiner Kulturgeschichte des Tratsches, "Der Charme des Indiskreten" (1997): "Klatsch ist universell, er ist nicht an Zeiten, Orte, Altersgruppen, Beruf oder Geschlecht gebunden. Dieses menschliche Phänomen ist so alt wie die menschliche Sprache."

Flashmob klärte auf

Nachdem viele Stadtbewohner tagelang über ein neues, skandalöses Nachtlokal tratschten, wurde das Projekt im Rahmen eines Flashmobs (kurzfristig organisierte Menschenansammlung) aufgeklärt. Die Flashmobber wurden vom Türsteher aufgefordert, die Folien von den Schaufenstern zu ziehen. Zum Vorschein kam die Bauernweisheit "Wenn man den Hahn krähen hört, muss man nicht gleich glauben, dass es Tag ist" sowie Wegweiser zu den richtigen Bordellen. Manch einer zeigte sich enttäuscht: "Ich dachte, dass hier ein Puff eröffnet - und jetzt treffe ich euch alle hier", ist auf dem Audiomitschnitt von Huber zu hören, deren Dokumentation des Tratsches ein Teil des Projektes ist.

Behörden liefen heiß

"Mit Kunst im öffentlichen Raum wie dem Projekt "Bar Nadette" erreicht man auch Leute, die sonst nicht viel mit Kunst zu tun haben", erklärt Huber. Einer, der sich wohl damit beschäftigt, ÖVP-Vizebürgermeister und Kulturreferent Gunter Mayrhofer, bestätigt Beschwerden der Nachbarn der Bar Nadette bei der Liegenschaftsverwaltung. Da es sich um ein Haus im Stadtbesitz handelt, wurde dem Büro der Bar Nadette von der Hausverwaltung schriftlich mit behördlichen Konsequenzen gedroht.

Kurt Apfelthaler, Grünen-Vorsitzender im Gemeindeamt, regte der Wirbel um ein weiteres Bordell in der Kleinstadt nicht weiter auf: "Steyr ist früher aufgrund zweier Merkmale berühmt gewesen. Das eine waren die Bordelle, das andere die Traktoren." Die hohe Bordelldichte erkläre sich aus der damals wie heute großen Arbeiterschaft in der Stadt. Manfred Jarisch, Mitinhaber zweier realer Nachtlokale in Steyr, darunter das angeblich älteste Bordell Österreichs, das "Maxim", hielt die Bar Nadette auch für echt und hätte ein weiteres Etablissement als Belebung für sein eigens Geschäft empfunden: "Allerdings finde ich interessant, dass die rosa Verklebung und die Werbung ausreichte, um ein Bordell zu vermuten".

Tratsch geht weiter

Als alles aufgeklärt war, vermutete ein Nachbar, die Bar hätte wegen der Proteste aus der Umgebung zugemacht. Otto Klement, Besitzer des Wirtshauses "Knapp am Eck", möchte sich von dem Kunstprojekt Strategien abschauen, um "auf anderem Weg Werbung für mein Schnitzel zu machen". Bernadette Huber kann sich vorstellen, ein ähnliches Projekt auch in anderen Städten zu realisieren, denn "Menschen sind immer bereit, zu glauben, was sie glauben wollen". (Elisa Weingartner/ DER STANDARD, Printausgabe, 19. 11. 2010)

Kommentar posten
24 Postings
biberkopf
00
23.11.2010, 08:27

"Wenn man den Hahn krähen hört, muss man nicht gleich glauben, dass es Tag ist" - das beschreibt das projekt sowohl auf der ebene des dorftratsches als auch auf der ebene der kunstrezeption in den medien.

Hornhifi
01
21.11.2010, 08:20
"Fake"

Bei "Fake" geht ma's g'impfte auf! Nebstbei: Das Künstlerische an dieser Aktion erschließt sich mit nicht.

Juwlius1
02
19.11.2010, 17:09

Bin seit Jahrzehnten in der Branche und hab einiges gesehen. Aber derlei Aktionen sind einfach schwach!
Man kann daraus keinerlei tieferen Schlüsse ziehen als die Einsicht: Was muss ich tun, um im ausgereizten Kunstbetrieb Aufmerksamkeit zu erregen, welche Seilschaften bemühen, um in die Medien zu kommen. Merke: Der Künstler/Künstlerin ist zu allererst eitel und zweitens will er gut leben. Das ist das ganze Geheimnis vieler kulturellen Bemühungen.

http://www.hannsotte.blogspot.com
 
00
27.11.2010, 04:04
Schwach?

Wie kann etwas schwach sein, dass eine ganze Stadt in Atem hält?

Ob es gut oder schlecht war, ist eine andere Frage, auf die möchte ich jetzt nicht eingehen.

Aber "schwach" war es sicher nicht.

Und im Übrigen:

Was habe Sie denn "so für Ideen"?

Was bedeutet für sie Kunst?

Abschliessend:

Glauben Sie ernsthaft, dass sich mit so einer Aktion Geld verdienen lässt?

werwolfi
00
22.11.2010, 18:55

"Bin seit Jahrzehnten in der Branche"

in welcher jetzt - (aktions)kunst oder bordellbetrieb? ;o)

leichen schmaus
 
10
19.11.2010, 16:27
Beim Reden kommen die leut`z´sammen

beim Sex kleben die Leut`aneinander

Herrliche Aktion sollte in jedem Dorf durchgeführt werden, damit die Bürgermeister wieder was zum sagen haben

werwolfi
00
19.11.2010, 16:25

"Mit der fiktiven Eröffnung eines Bordells..."

"fiktiv" ist falsch geschrieben... ;oP

Trolling is a art.
12
19.11.2010, 14:10
Weitere Ideen:

Eröffnung eines fake Asylbewerberheims (trollt die Rechten).
Eröffnung eines fake Burschenschaftervereinslokals (trollt die Linken).
Eröffnung einer fake Abtreibungsordination (trollt die Religiösen).
Usw., usf.

Trolling is a art.
00
19.11.2010, 14:05
Künstlerinnen trollen Steyr. Respekt.

Trolling is a art indeed!

milk for breakfast
00
19.11.2010, 13:34
"perfekter Webauftritt"?

was versteht denn der standard unter einem perfekten webauftritt? sicherlich nicht diese armseelige website!

werwolfi
00
19.11.2010, 16:23

armsElig.

abgesehen davon seh ich das anders:
die seite ist eindeutig einiges über dem webdurchschnitt (hauptsächlicher kritikpunkt: frames). *wirklich* professionelle seiten sind ohnehin dünn gesät.

Hornhifi
00
21.11.2010, 08:21

Welche wäre denn eine?

werwolfi
00
22.11.2010, 18:54

die meisten (aber auch nicht alle) seiten von international agierenden unternehmen, (online)medien u.ä.
viele seiten von kreativen wie photographen, architekten, graphikern.

der großteil der privaten und KMU-seiten ist ziemlicher müll (mit lobenswerten ausnahmen).

im rotlichtbereich kenn ich mich nicht so gut aus ;o) aber eine kurze recherche zeigt, dass die im artikel angesprochene (gefakte) seite sich recht eng an das einschlägige angebot anlehnt und daher ihr ziel - möglichst authentisch zu wirken - gut erreicht, und insofern ein "perfekter webauftritt" ist (was vom OP bestritten wurde).

Gerald H
00
22.11.2010, 19:29
wenn sich ein offensichtlich berufener zu wort meldet:

www.hornmanufaktur.at

wie schaut's da aus?

habe für jeglichen senf ein offenes ohr.

's koite Sopherl
00
19.11.2010, 11:07
Spekulation und Tratsch

ich hab mir erlaubt für eine Theaterproduktion (Leben des Galilei - Bert Brecht) in einer Tiroler Kleinstadt Plakate mit den Inhalten "Wahrheit - Dummkopf - G" und "Lüge - Verbrecher - G" zu affichieren. Ich wollte damit eigentlich nur die Aufmerksamkeit für die Hauptplakatserie (mit allen nötigen Inhalten) wecken. Und natürlich hab ich auf den Plakaten eine Internetadresse gehabt, damit sich die Leute informieren können.

So, informiert hat sich so gut wie keiner. Aber den Gossip hättet ihr hören sollen. Nachdems in dieser Kleinstadt grad einen politischen Umbruch gegeben hat wurde so ziemlich alles vermutet, nur nicht gewöhnliches Theater. Ich lach mir jetzt noch einen Ast, wenn ich an den Tratsch denk, der mir zugetragen wurde.

hotibaer
01
19.11.2010, 10:55

interessantes Projekt. Was hat das jetzt aber mit Kunst zu tun?

Cle Mens
01
19.11.2010, 11:30
Christoph Büchel für Arme

sozusagen. Die Frage ist, ob die "Leute, die sonst nicht viel mit Kunst zu tun haben" das Projekt überhaupt als Kunstwerk wahrgenommen haben ...

Entropix
00
19.11.2010, 10:22
die schlimmste

aller denkmöglichen Drohungen in Ösistan sind ganz offenbar "behördliche Konsequenzen" ;-)

So Nina
00
19.11.2010, 09:46
Ist jetzt schon...

...jeder blöde Lausbubenstreich und Künstlerfurz ein "Künstlerprojekt"???

Bisserl kindisch das Ganze - nicht?

...und der Apfelthaler redet großen - sehr großen -Blödsinn, wenn er meint, Steyr wäre irgendwann wegen seiner Bordelle bekannt gewesen - es gab und gibt dort nie mehr als in jeder anderen Kleinstadt - und noch dazu immer sehr dezent, ohne blinkende Mega-Leuchtreklamen usw.
Getrascht wird in Steyr allerdings viel, aber ist das jetzt wirklich so wahnsinnig interessant, dass man ein überaus wichtiges und kulturell bedeutendes "Kunstprojekt" deswegen machen muss???

viridisdens
11
18.11.2010, 21:37
großartiges projekt. gratuliere!

viridisdens
11
18.11.2010, 21:07
fiktive eröffnung eines bordells ;-)

kauf nix
00
19.11.2010, 09:12
fik tive eröffnung eines bordells ;-)

Clothèd
30
18.11.2010, 20:32
ach, Steyr... oder: brillanter Artikel!

... toll habt's das gemacht mit Steyrdorf/Wehrgraben ...

Die "Christkindl-Poststelle" laß ich dem Standrad maldurchgehen, nicht weit und gleich hinterm Scheißobiwirt zu finden.

Ist ein schöner Spaziergang dorthin vor allem wenn man beim Otto am Eck als Labung ein Schnitzerl bekommt (reines Nichtraucherlokal, die bekehrten Fanatiker...).

Sonst? FH, zwei letzte Mohikaner (Simacek, <wieheißtdaspapierdingsvisavis>) und ein paar Beisln + Otto; der Rest: tot, zu, Pension, Denkmalschutz... und bitte nur ja keine Öffis, die Nachbarn + das Kopfsteinpflaster, Sie wissen schon.

Tut's euch ned wegen einem Puff oder den Autobussen aufpudeln, *machts was* Ihr Nasenbohrer.

kudos @B[e|a]rnadette, wünsche das wär mir eingefallen...

C. aus Steyr

Anders Dänken
 
13
18.11.2010, 20:17
Ein "Tschechischer Traum"?

Nette Idee, die aber unmittelbar an den überaus erfolgreichen Film "Tschechischer Traum" erinnert...

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