Lyrischer Tanz im Drogenrausch

18. November 2010, 17:31
posten

"Georg Trakl", ein eindrucksvolles Tanzstück von Enrique Gasa Valga, im Tiroler Landestheater

Innsbruck - Das Ende steht am Beginn. Die Bühne liegt im Dunkeln, überall liegen Leiber. Ein verzweifelter Georg Trakl schleift sie in den einzelnen Lichtkegel und schichtet sie übereinander. Er zählt neunzig Körper.

Nach seinen Erlebnissen bei der Schlacht von Grodek im ersten Weltkrieg, an der Trakl als Medikamentenoffizier teilnahm, zerbrach der fragile Lyriker. Er nahm sich im November 1914, erst 27-jährig, mit einer Überdosis Kokain das Leben.

"Grodek", so heißt Trakls letztes Gedicht und das erste Bild dieses Abends im Tiroler Landestheater. Siebzehn weitere folgen. Unterstützt von der Musik Chopins, Schuberts, Schostakowitschs und Philip Glass', trifft jedes einzelne. Enrique Gasa Valga, verantwortlich für Choreografie und Inszenierung, und sein Ensemble schaffen es, Trakls Leben, seinen inneren Kampf, seine Alkohol- und Drogensucht sowie seine leidenschaftliche Liebe zu seiner Schwester Gretl eindrucksvoll umzusetzen.

Helmuth A. Häusler, der einzige Schauspieler, überzeugt als verzweifelter Trakl und mit seinen Interpretationen bitter-schöner Gedichte. Es hätten mehr sein können. Gut auch sein tanzendes Pendant und Alter Ego Clément Bugnon sowie die grazile Marie Stockhausen, die als Schwester Gretl besonders mit ihrem Tanz auf dem Klavier berührt.

Die ausdrucksstarke Clara Sorzano Hernández, als "Weißer Engel Kokain" mit überdimensionalen Flügeln ausgestattet, zieht den Dichter in die Drogensucht. E-Gitarren-Riffs, live gespielt von Stefan Neuner, sind Klangbild für Trakls Seele. Helfried Lauckners Bühne besticht durch Schlichtheit. Er umstellt den leeren Raum mit Paneelen, die geöffnet den Blick in die Ferne freigeben oder geschlossen die Szene hermetisch abriegeln. Kostümbildnerin Eva Praxmarer hüllt Gretl in ein blutrotes Kleid, die Tänzer belässt sie meist nur in Dessous. Das Publikum bedankt sich für den eindrucksvollen Abend mit langem Applaus. (Dorothea Nikolussi-Salzer / DER STANDARD, Printausgabe, 19. 11. 2010)

 

Vorstellungen bis 17. 12.

  • Helmuth A. Häusler, Marie Stockhausen und Clément Bugnon
    foto: landestheater / rupert larl

    Helmuth A. Häusler, Marie Stockhausen und Clément Bugnon

Share if you care.