"Die Milch sieht gar nicht fremd aus"

18. November 2010, 17:00
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Aufschlussreiche Tagebucheinträge über das Auslandsjahr mit ihren drei Kindern in Montreal bilden die Basis für Ute Twrdys Auseinandersetzung mit Kultur und interkultureller Bildung

"Hier bin ich! In einem Land, in dem ich noch nie war, auf einem Kontinent, auf dem ich noch nie war. Mit drei Kindern, sieben Koffern und einem Appartementzimmer für sieben Nächte. Wir kennen hier niemanden, wir haben keine Wohnung und noch keine Schulen für die Kinder." - Ein Szenario, das viele Menschen, die ungewollt ihre Heimat verlassen müssen, keinesfalls freiwillig herbeiführen würden.

Bildung auf Umwegen

Für Ute Twrdy ist die Situation anders: Sie lässt sich auf die Herausforderung, mit ihren drei Kindern ein gemeinsam beschlossenes Auslandsjahr in Kanada zu verbringen, bewusst ein. Neben dem Plan, ihre eigene österreichische Familie als empirische Studie für ihre Doktorarbeit zum Thema "Bildung auf Umwegen" heranzuziehen, wünscht sie sich auch eine interkulturelle Weiterentwicklung für ihre Kinder: "Die Erfahrung, selbst in die Position der Anderen, der Zugewanderten oder der Fremden zu geraten, sollte ihnen die Chance geben, später mehrperspektivisch zu urteilen und zu handeln."

Ankunft in der neuen Heimat

In "go west - learn free" erzählt die Autorin in Form von lebendigen Tagebucheinträgen, wie sie und ihre Kinder (neun, dreizehn und fünfzehn Jahre alt) die Ankunft in der neuen Heimat meistern. Sie beschreibt den Prozess des langsamen Einlebens in der neuen Umgebung, dokumentiert positive Ereignisse wie auch Rückschläge. Die Narrationen behandeln das Leben ihrer Kinder und das ihre, fast täglich beleuchtet und reflektiert sie deren und ihr Handeln und stellt Bezüge zwischen interkultureller Auseinandersetzung und Bildungsprozessen her.

Alltag wissenschaftlich eingekocht

Unter dem Motto „Wie man den Alltag wissenschaftlich einkocht" begibt sich Twrdy zwischen ihren Erzählungen über die Höhen und Tiefen des Alltags in Montreal auf kurze, wissenschaftliche Exkurse zu den Themen Kultur, Bildung, Kontinuität und Vielfalt. Klar von den Narrationen in Tagebuchform getrennt, überlässt sie jedem selbst, diese zu lesen oder zu überblättern.

The milk is going native

Gerade in alltäglichen, scheinbar banalen Situationen wie der Zubereitung des Kaffees am Morgen stößt die Autorin auf spannende Überlegungen für ihre praxisgeleitete Forschung. Unter dem Titel "The milk is going native" schreibt sie im achten Monat ihres Aufenthalts etwa über das kontinuierliche Verschwimmen heimatlicher Bezugspunkte: "Als ich die Milchpackung in Händen halte, schießt es mir durch den Kopf: 'Die Milch sieht gar nicht fremd aus. Sieht die gleich aus wie in Österreich? Wie sieht in Österreich die Milchverpackung aus? Ich weiß es nicht mehr.' "

Soziale Kontrolle und Zwang

Twrdys Reflexionen über die eigene und die fremde Kultur laden dazu ein - zumindest in Gedanken - einen Schritt heraus zu wagen aus seiner eigenen Herkunftskultur, die einem zwar Sicherheit und Geborgenheit verspricht, doch kann sie auch - Mona Singer in Twrdys Buch zitierend - "Ausgrenzung, Vorurteile, taube Abgeschlossenheit, Sentimentalisieren, soziale Kontrolle und Zwang bedeuten".

Andere Identitäten

Keinesfalls belehrend, sondern über Twrdys alltägliche, überaus charmant geschriebene Familiengeschichten in Kanada offenbart sich dem/r LeserIn, wie schwierig es ist, in einem anderen Land mit einer neuen Sprache "anzukommen", wie schnell es wiederum passiert, seine eigene Definition von Heimat zu relativieren. Ganz automatisch schlüpft man in andere Identitäten, die einem erlauben, neue Denkweisen in Betracht zu ziehen, die sich erst durch den Ausbruch aus dem eigenen Kulturkreis auftun. (Jasmin Al-Kattib, 18. November 2010, daStandard.at)

Ute Twrdy: go west - learn free
Sieben Koffer, drei Kinder und ein Auslandsjahr in Canada. Qualitative Forschung mittels Narrativer Empirie
Profil Verlag München - Wien, 2010, 182 Seiten

  • Ute Twrdy hat sich auf die Herausforderung, mit ihren drei Kindern ein Auslandsjahr in Kanada zu verbringen, bewusst eingelassen.
    foto: profil verlag

    Ute Twrdy hat sich auf die Herausforderung, mit ihren drei Kindern ein Auslandsjahr in Kanada zu verbringen, bewusst eingelassen.

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