Es ist der Browser für Menschen, die mehr oder weniger rund um die Uhr auf Facebook und mit Twitter leben
RockMelt, ein neuer Internet-Browser mit speziellen Funktionen für Facebook, Twitter und andere soziale Netze, ist nichts für schwache Nerven. Es ist der Browser für Menschen, die mehr oder weniger rund um die Uhr auf Facebook und mit Twitter leben, jeden Post ihrer "FreundInnen" verfolgen und selbst laufende Kommentare zum Tagesgeschehen auf ihrem Bildschirm abgeben.
Nerven
Warum man dazu starke Nerven braucht? Es beginnt damit, dass der Browser als Erstes Namen und Kennung des Users wissen will, damit er die Anmeldeformalitäten erledigen kann. Was in Hinblick auf mögliche Missbrauchsszenarien RockMelt nicht gerade zum Lieblingsbrowser von Datenschützern machen wird - man denke nur an die mögliche Verbindung der Browsergeschichte mit der eigenen Identität.
Die eigentliche Krux ist jedoch das völlige Eintauchen in unsere Onlinenetze. Wer kann schon einem Button widerstehen, der ständig darauf hinweist, dass es neue Meldungen gibt? RockMelt nützt den Bildschirm (vor allem wenn er im 16:9-Format ist) sehr geschickt: Links kleine Bildchen der "FreundInnen", die gerade online sind, für einen Chat nur einen Klick entfernt, rechts Buttons für Facebook, Twitter und RSS-Feeds - etwa die laufenden Schlagzeilen von derStandard.at.
Alles erfolgt sehr schnell und mühelos direkt aus dem Browser
Man sieht, wo das hinführt: Mit jedem kleinen Markerl, dass neue Meldungen da sind, steigt die Versuchung, diese schnell zu checken - wofür es ein schmales Fenster gibt, so dass der jeweilige Browserinhalt nur marginal gestört wird. Kommentare, neue Posts: Alles erfolgt sehr schnell und mühelos direkt aus dem Browser.
Das macht den Fluss an Mitteilungen, Kommentaren, eigenen Posts zwar einerseits zur Hauptsache, weil daraus eine ständige Beschäftigung wird. Aber es macht ihn interessanterweise auch zur Nebensache, weil es nebenbei erledigt wird und keine eigene Seite oder App aufgerufen werden muss. Interessante Webseiten "teilen" (per Tweet, Facebook-Update oder Mail anderen mitteilen), das Kleingeld von Social Media, ist ein Button gleich neben der jeweiligen Webadresse; der jeweilige Link wird gleich auf me.lt abgekürzt, eine Kurz-URL, die in nächster Zeit wohl öfter auftauchen wird.
Der Browser selbst beruht auf Chromium, der offenen Plattform des Google-Chrome-Browsers. An dessen Funktionen ist wenig geändert, nur der Addresszeile (bei Google zugleich Suchfeld) wurde eine separate Suche hinzugefügt. Bei einer Suche erscheint die Ergebnisliste in einem schmalen Fenster, wandert man mit dem Cursor die Liste entlang, sieht man daneben die jeweilige Seite. Cool.
Flock
RockMelt ist nicht der erste Browser, der Social Media integriert, diese Ehre geht an Flock. Zu den Geldgebern des Start-ups gehört Marc Andreessen, dessen Mosaic-Browser und später Netscape die Tür zum Web dem allgemeinen Publikum geöffnet hat. Würde Facebook nicht nur ein erweitertes E-Mail- und Messaging-Programm machen, sondern auch noch einen Browser: Er würde so ähnlich aussehen wie RockMelt. Vielleicht ist das ja auch die Exitstrategie der Browsermacher.(spu, DER STANDARD Printausgabe, 18. November 2010)
Der WebStandard auf Facebook