"Nicht von sprachlichen Defiziten beirren lassen"

18. November 2010, 10:48
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Welchen Einfluss haben Eltern auf den Bildungsweg ihrer Kinder? Zwei junge Migranten schreiben sich ihren Erfolg selbst zu

Wien - In der Debatte darüber, welchen Einfluss die Bildung der Eltern auf die Ausbildung des Kindes hat, wird oft ein wichtiger Aspekt übersehen: der Wille von Schülerinnen und Schülern selbst, eine hohe Bildung anzustreben. Dieser Wille ist großteils dafür verantwortlich, dass Jugendliche dieses Ziel einer hohen Bildung auch erreichen.

Wenn ein Schüler, der die achte Schulstufe absolviert hat und vor der Entscheidung steht, ob er die Matura anstreben oder eine Lehre machen soll, bereit ist, seine Zeit in Bildung zu investieren, dann hat dies weit mehr Einfluss als die Umstände, die ihm von außen gegeben wurden. Das gilt nicht nur für Jugendliche mit Migrationshintergrund. Lernen ist ein aktiver Prozess, niemand kann einem diese Last abnehmen. Egal wie gebildet die Eltern sind, wenn man nicht den Willen hat, den Bildungsweg einzuschlagen, dann bringen einem selbst Eltern, die Nobelpreisträger sind, nichts.

Manchmal ist es sogar genau umgekehrt: Der Wunsch, eine hohe Bildung anzustreben, kann gerade wegen der prekären sozialen Situation der Familie entstehen, die oft aufgrund der mangelnden Ausbildung der Eltern verursacht wurde. Diese Kinder sehen, dass es die Eltern wegen ihrer niedrigen Ausbildung so schwer im Leben haben, und beschließen, alles daran zu setzen, um nie in so eine Situation zu kommen.

Wie wird dann diesen Kindern, die sich bilden wollen, begegnet? Wie schwer haben sie es, wenn es an der Unterstützung der Eltern fehlt? Hier sind nicht (nur) die Eltern entscheidend, sondern das gesamte Umfeld des Kindes.

Auch wir haben erlebt, dass es wichtig ist, Vorbilder zu haben, an denen wir uns orientierten konnten und die uns auf unserem Bildungsweg unterstützten. Das müssen nicht primär die Eltern sein, das können auch Professoren, große Geschwister oder andere Menschen sein. In unserem Fall waren es unter anderem Lehrer, die sich nicht von unseren anfänglichen sprachlichen Defiziten beirren haben lassen und gesehen haben, dass viel Potenzial in uns steckt.

Unsere Professoren haben uns auf unserem Weg gefördert und uns ermutigt, hart zu arbeiten, obwohl oder gerade weil wir zum Teil Schwierigkeiten zu Hause hatten. Leider kommt es noch oft vor, dass man als "langsam" abgestempelt wird, wenn man eine Sprache nicht fließend beherrscht oder einen starken Akzent hat. Es wäre schön, wenn alle Lehrer so engagiert wären wie unsere und einen Schüler nicht gleich aufgeben würden, nur weil er sich mit der Sprache schwertut.

Bedauerlicherweise haben noch immer sehr viele Schüler mit Migrationshintergrund, obwohl sie noch in der Unterstufe oder schon in der Oberstufe sind, Sprachdefizite. Hier darf man nicht verallgemeinern und sagen, dass sei auf mangelnde Integration zurückzuführen. Denn das stimmt nicht, diese Kinder sind integriert.

Drei Deutschstunden pro Woche sind einfach zu wenig, um eine Sprache in all ihrer Komplexität zu erlernen. Im Sinne aller sollte es daher ein breiteres Förderangebot zum Deutschlernen geben. Natürlich hat Bildung auch etwas mit den finanziellen Möglichkeiten zu tun. Daher wäre es sinnvoll, Jugendliche, die in besonders prekären Situationen leben, mit einem Stipendium zu unterstützen.

Aber auch jene, die sich außerschulisch engagieren und gute schulische Leistungen vorweisen, könnte man mit einem Leistungsstipendium fördern. Ein wunderbares Beispiel für diesen Ansatz ist das Start-Stipendium, das Schüler und Schülerinnen mit Migrationshintergrund auf dem Weg zu ihrer Matura begleitet.

Das Motto des Start-Programms lautet: "Wir geben der Integration ein Gesicht." Das kann und sollte auch ein Ziel von Jugendlichen mit Migrationshintergrund sein: Jemand zu sein, der die Statistiken widerlegt, eine hohe Ausbildung anstrebt und dadurch in seiner unmittelbaren Umgebung ein Vorbild für Menschen mit und ohne Migrationshintergrund ist. (Ana-Marija Cvitic/Ara Karapetyan, DER STANDARD Printausgabe, 18.11.2010)

Ana-Marija Cvitic (19) wurde in Bosnien geboren und kam im Alter von vier Jahren nach Österreich. Ihre Familie stellte einen Antrag auf Niederlassungsbewilligung, der mittlerweile positiv erledigt wurde. Ana-Marija war Klassensprecherin, arbeitete für das Team des SchülerStandard und erhielt ein Start-Wien-Stipendium, das an besonders begabte Jugendliche mit Migrationshintergrund vergeben wird. Ana-Marija hat mit Auszeichnung maturiert und studiert nun Rechtswissenschaften. Ihr Vater arbeitet als Elektriker und ihre Mutter als Reinigungskraft.

Ara Karapetyan (20) stammt aus Armenien. Über mehrere Zwischenstationen kam er mit seiner Familie nach Österreich und wartet seit sieben Jahren auf den Asylbescheid. Er spricht fünf Sprachen fließend und war schon in seiner Schulzeit als ehrenamtlicher Übersetzer für den Flüchtlingsverein Ute Bock tätig. Nach der Matura am Bilingualen Oberstufenrealgymnasium Komensky begann er, Internationale Entwicklung und Politikwissenschaften zu studieren. Auch er erhielt ein Start-Wien-Stipendium. Seine Mutter ist Philologin und sein Vater diplomierter Ingenieur.

  • Kinder mit Migrationshintergrund sollten besser gefördert werden. Am stärksten beeinflusst aber der Wille den Erfolg, sind sich drei Jugendliche einig.
    foto: standard/corn

    Kinder mit Migrationshintergrund sollten besser gefördert werden. Am stärksten beeinflusst aber der Wille den Erfolg, sind sich drei Jugendliche einig.

  • Ara Karapetyan (geboren in Armenien) und Ana-Marija Cvitic (geboren in Bosnien)
    foto: privat

    Ara Karapetyan (geboren in Armenien) und Ana-Marija Cvitic (geboren in Bosnien)

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