Fragezeichen auf dem Balkan

17. November 2010, 19:01

In seiner gegenwärtigen Form ist Bosnien-Herzegowina eine Totgeburt

Fünfzehn Jahre nach Unterzeichnung des Abkommens von Dayton, das den dreieinhalb Jahre dauernden Krieg in Bosnien-Herzegowina beendet hatte, gibt es Gründe sowohl für vorsichtigen Optimismus wie auch für abgrundtiefen Pessimismus hinsichtlich der künftigen Entwicklung. Auch die jüngsten Reden des tatkräftigen Hohen Repräsentanten der EU, des österreichischen Diplomaten Valentin Inzko waren durch diesen Zwiespalt der Einschätzungen geprägt.

Einerseits hob der seit März 2009 amtierende Bosnienbeauftragte der EU die positiven Änderungen in der Nachbarschaft dank der gemeinsamen friedensstiftenden Auftritte der serbischen und kroatischen Staatschefs hervor. Andererseits machte er keinen Hehl aus den Folgen der seit vier Jahren anhaltenden Stagnation in Bosnien.

Seit Dayton besteht Bosnien aus zwei ethnisch bestimmten Teilstaaten: aus der Bosniakisch-Kroatischen Föderation und der Serbischen Republik (Republika Srpska). Der vom großserbischen Hegemoniestreben entfesselte Krieg kostete 200.000 Menschen das Leben, rund 2,2 Millionen, also rund die Hälfte der Landesbevölkerung wurden entwurzelt; fast 1,2 Millionen flüchteten ins Ausland. Laut UN-Flüchtlingshilfswerk gibt es noch immer mehr als 110.000 "intern Vertriebene."

Abgesehen von den enormen Kosten der ethnisch gegliederten Bürokratie in zwei Teilstaaten und zehn Kantonen, sieht Inzko zu Recht die größte Gefahr in der Obstruktionstaktik des Ministerpräsidenten der Republika Srpska, Milorad Dodic, der öffentlich und wiederholt von der Abspaltung des serbischen Gliedstaates "träumt." Seine Haltung steht in krassem Gegensatz zum Bekenntnis der Staatschefs Serbiens und Kroatiens zur staatlichen Souveränität Bosniens. In seiner gegenwärtigen Form ist dieser Staat eine Totgeburt. Es ging aber in Dayton und auch in den seither vergangenen eineinhalb Jahrzehnten um die Beendigung des Blutvergießens beziehungsweise um die Stabilisierung der Region durch die internationale Staatengemeinschaft.

Ausländische Beobachter betonen die Bedeutung der jüngsten Gesten der Versöhnung von Serbiens Präsident Boris Tadic in Vukovar, jener Stadt, in der Serben 1991 eines der schlimmsten Kriegsverbrechen verübten. Die von Tadic nicht zum ersten Mal ausgesprochene Entschuldigung für die Gräuel, die im Namen des serbischen Volkes an Kroaten begangen worden waren, hatte auch deshalb hohe symbolische Bedeutung, weil er vom kroatischen Staatschef Josipovic begleitet wurde. Darüber hinaus haben die beiden Staatspräsidenten eine Ortschaft gemeinsam besucht, in der auch im Jahr 1991 kroatische Soldaten serbische Zivilisten ermordet hatten. Durch diese symbolischen und zugleich hochpolitischen Auftritte ebnen die beiden mutigen Politiker den Weg zur Normalisierung der serbisch-kroatischen Beziehungen, zur Versöhnung der ehemaligen Kriegsgegner.

Diese hoffnungsvolle Entwicklung könnte auf lange Sicht auch zur Entschärfung der Lage in und um Bosnien beitragen. Ob diese von Valentin Inzko eindringlich beschworene Chance auch von den bosnischen, kroatischen und serbischen Politikern in Sarajevo ergriffen wird, muss freilich dahingestellt bleiben. (Paul Lendvai/DER STANDARD, Printausgabe, 18.11.2010)

 

 

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Kommentar posten
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Aca Rankovic
13
23.11.2010, 21:44

Bosnien - der Staat, der nie aus dem (westlichen) Inkubationskasten gekommen ist...

Kosovo, der "Staat", der sich nie aus dem (amerikanischen) Mutterleib befreien konnte...

Aca Rankovic
12
23.11.2010, 21:42

Die Totgeburtamlebenerhalter sollten sich jetzt zu wehren beginnen...

Aca Rankovic
13
23.11.2010, 21:06

Mir kommen gleich die Tränen angesichts des unweigerlichen Endes der Totgeburt.

Nur was will Paulchen jetzt? Bosnien reformieren oder abschreiben?

Steffman
01
22.11.2010, 18:07
Logik?

Wer ein multiethnisches Jugoslawien erhalten wollte in dem Alle 50 Jahre gut lebten ist automatisch ein Nationalist und trägt alleinige Schuld am Krieg?

Was ist das für eine Logik?

kroate 061
00
22.11.2010, 04:14
Ist Paul Lendvai nach der Äußerung von Totgeburt nun auch ein nationalist??

ein klares nein
er ist nicht blind .ein realist eben.ich bin froh das es immer menschen gibt die die wahrheit über den wahren zustand des grö0ten freilandgeheges erkannt haben.das protektorat ist nur mit EU steuergeldern am leben zu erhalten.etwas mit gewalt zusammen zuhalten was nie zusammen gehört hat ist pevers und zum scheitern verurteilt.

chilly76
 
00
22.11.2010, 18:48
für frau vollmeise und ihren neuen kampfgefährten denk ich schon... wir müssten sie mal fragen :-D

sie nimmt ja josipovics letzte aussage zähneknirrschend hin und versucht nach dem motto mit einem...""er hat das ja nicht so gemeint" zu relativieren.

chilly76
 
14
20.11.2010, 18:13
ich bitte den standard ....

diesen text in dieser kolumne zu ändern.... fals es herr lendvai nicht zulässt... diese kolumne ganz zu entfernen... da es hier offensichtlicherweise um propagandaartige teuschung der leserschaft handelt. denn im bosnischen bürgerkrieg sind keine 200 000 menschen gestorben sondern um die 100 000 (bosniakische quelle www.idc.org.ba) und wie kann mann von serbischen hegemonialbestrebungen oder wie herr lendvai sagt hegemoniestreben reden wenn sich der von serben bewohnte landesteil um eine unabhängigkeit bemüht. das kann als vieles gedeutet werden aber bei besten willen nicht als hegemoniestreben.

kroate- 061
00
20.11.2010, 14:24
eine Totgeburt bleibt eine Totgeburt

versuche von der weltlichen seite ein wiederbelebung zu betreiben sind gescheitert .vielleicht von der göttlichen seite?? NÖ ,kanns mir nicht vorstellen das sich die drei götter einigen können.

Superserbe
01
19.11.2010, 22:32
weder wurden die kriege in ex-yu von großserbischem hegemoniestreben ausgelöst, noch gab es 200.000 tote in ex-bosnien.diese märchen schlummern schon längst

auf jenem müllhaufen, auf dem auch der hauptberufliche flüchtling paul längst hingehört.

großserbische hegemonie hat weder pseudostaaten anerkannt, noch mit waffen und geld beliefert.

die moslemische minderheit in ex-bosnien wollte zusammen mit den damals noch vorkommenden kroaten schlicht dass recht, dass sie für sich selbst beanspruchten, den serben nicht zugestehen.

jeder darf unabhängig sein und pseudostaaten ausrufen, nur die serben nicht.

ex-bosnien ist gelöst, großkroatien ist das thema.

dayton braucht weder abgetakelte politiker noch pseudo-journalisten zum "deuten", dayton ist ziemlich klar geschrieben.

hätte man den orginalvertrag in restbosnien nicht verloren od.gegen eine suppenküche getauscht,wüsste man dies.

Miki Smiljanic
03
18.11.2010, 21:30

warum schreibt ihr nicht das 80% der Albaner laut aktueller Umfrage ein Groß-Albanien wollen?

inkl. Kosovo, teile FYROM´s, teile Montenegros und wenn sie nicht genug serbsiches haben(Kosovo und Metohien) wollen sie noch teile von zentral Serbien.

Vollmeise
 
30
18.11.2010, 23:41

Das Thema ist BiH.

Vir
05
19.11.2010, 11:21
Nein, das Thema ist immer dasselbe. Serben gegen Nichtserben (Bosniaken, Kroaten, Albaner)

Ausnahmen bestätigen die Regel.
In der Tat geht es in jedem Artikel zum Balkan um die absolute Schuld am letzten Balkankrieg.
Weil immer einer dabei ist, der selbst beim Thema Makedonien, oder von mir aus beim Thema Mostar, automatisch Srebrenica, Milosevic, "Großserbien", oder wie hier, das SANU Memorandum und natürlich die "Hassrede Milosevics" ins Spiel bringt.
Immer dasselbe.
Und Sie unterstützen das immer, bewusst oder unterbewusst, indem Sie wieder auf die "serbische Aggression" relativ unscheinbar verweisen, teils mit äußerst faulen Argumenten.

Zivojin Misic
02
18.11.2010, 16:04
Opferzahlen

Vorab möchte ich erwähnen, dass sogar ein einziges Menschenleben eines zuviel ist. Aber der Wahrheit willen muss ich trotzdem Herrn Lendvai hinsichtlich der Zahlen korrigieren. Laut dem IDC-Institut, Sitz in Sarajevo, Chef ist Mirsad Tokaca (Bosniake), sind im Krieg ca. 100 000 Menschen ums Leben gekommen. Die meisten davon waren Bosniaken, ca. 70 000.
Siehe www.idc.org.ba

Vollmeise
 
20
18.11.2010, 21:41

Das ist korrekt. Herr Landwei schreibt in letzter Zeit sehr seltsame Artikel. Egal ob es um übertriebene Opferzahlen geht, wobei man weiß, dass es ca 100.000 Tote gab und nicht doppelt so viele (damit lenkt er die Diskussion um ->man redet über die Zahlen und verschmäht dadurch die Opfer), oder ob er über "Totgeburten" spricht (eine Frechheit schlechthin, unglaublich, dass man sowas beim Standard veröffentlicht) oder "Serben sind DIE Opfer der Balkankriege" usw. Unerhört, dass sich eine Qualitätszeitung wie Standard so etwas erlaubt.

chilly76
 
12
20.11.2010, 18:34
jetzt wo sie sich einiges eingestehen mussten

und einsicht langsam bei ihnen einkehrt ist es total überflüssig sich über die serbischen opfer lustig zu machen..... wir haben 1 1/2 jahrzehnte NUR (ich wiederhole NUR) über bosniakischen opfer lesen können diese wurden von der ganzen welt aufgefangen und kaum schreibt einer über serbische opfer ziehen sie über diesen bericht her. und packen dieses hier beim verfehlten bericht hinein und das schlimmste sie machen das aus ihrer politischen überzeugung herraus.

kroate- 061
51
18.11.2010, 12:08
wer möchte schon in einem land leben

wo noch in teilen das scharia gesetz herrscht und die wahren patrioten bosniens in den tiefen schluchten österreichs sich langweilen.

Kaineanung
 
10
18.11.2010, 16:23

Die Sharia herrscht in Bosnien ? Sie haben nicht zufällig Quellen für Ihre Aussage ? Die muslimischen Bosniaken zählen doch zu den weltweit aufgeschlossesten Muslimen dachte ich immer ? Auch wird der Islam in Bosnien 'nur so am Rande' praktiziert und Alkohol, Sex vor der Ehe, u.v.m. gehören zum bosnischen Bild geanuso wie in anderen westlichen Ländern auch.

Und Ihre Aussage suggeriert das die Sharia TEILWEISE und NOCH in Bosnien herrscht wobei ich mich frage WANN diese dort geherrscht haben soll wenn sie NOCH teilweise herrscht. Auch das Teilweise würde ich gerne erklärt bekommen.
Ich kann es nicht glauben, lasse mich aber des Besseren belehren falls Sie seriöse Quellangaben machen können.

Vollmeise
 
42
18.11.2010, 11:44

Man darf nicht vergessen, dass das Dayton-Abkommen dafür gedacht war den Krieg zu beenden und dann als eine Übergangsphase und nicht als etwas fixes und nicht-veränderliches. Hätte man den Dayton-Vertrag durchgeführt, hätten sich die Entitäten von alleine aufgelöst. Das ist aber nicht passiert und das kann man nicht ändern, also muss man nach neuen Lösungen suchen.

Die Verfassung wird man ändern müssen, auch ganz wichtig wäre die Wahlen umzustrukturieren. Es ist ein Witz z.B., dass man in RS nur den serbischen Präsidenschaftskandidaten wählen darf und in FBiH nur den Kroatischen oder Bosnischen. Es muss möglich sein, unabhängig vom Wohnsitz, dem Kandidaten die Stimme zu geben, den man für gut hält. Naja, 3 Präsidenten sind auch ein Witz.

(.Y.)
00
18.11.2010, 14:09
Die Umwandlung der Entitäten in eigene souveräne Staaten

ist wohl die einzig zielführende Weiterentwicklung des Dayton-Vertrages.

Das würde die Blockaden im Land lösen. So steigen sich Moslem und Christen nur gegenseitig auf die Füsse.

Vollmeise
 
20
18.11.2010, 19:01

Sie wünschen sich religiöse Staaten in der Region?

Lalai Dama
01
18.11.2010, 15:56
Was interessiert es

einen halbweges bei klarem Verstand befindlichen Menschen, welches Religionsbekenntnis mein Nachbar, Kollege, chef etc. hat?

Wann werden diese Irren endlich begreifen, dass die allermeisten Probleme (Wiederaufbau, Beschäftigung, Einkommen, Infrastruktur) damit nicht das Geringste zu tun haben?

(.Y.)
00
18.11.2010, 16:15

Es macht einen Unterschied, ob ich im Iran oder in Österreich lebe.

Vollmeise
 
10
18.11.2010, 18:48

Wir reden aber über BiH.

Kaineanung
 
00
18.11.2010, 16:30

Es macht aber kein Unterschied ob der Nachbar Iraner oder Österreicher ist in dem Land in dem Sie leben, oder ? Ausser der Nachbar ist kein guter Nachbar und macht ständig Ärger, ist ein Unruhestifter oder man hat allerlei Grund misstrauisch zu sein. Dann hat man wiederum kein Unterschied ob derjenige Iraner oder Österreicher ist. Es ist doch nicht so wichtig was einer ist sonder wie einer ist, oder nicht ?

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