In seiner gegenwärtigen Form ist Bosnien-Herzegowina eine Totgeburt
Fünfzehn Jahre nach Unterzeichnung des Abkommens von Dayton, das den dreieinhalb Jahre dauernden Krieg in Bosnien-Herzegowina beendet hatte, gibt es Gründe sowohl für vorsichtigen Optimismus wie auch für abgrundtiefen Pessimismus hinsichtlich der künftigen Entwicklung. Auch die jüngsten Reden des tatkräftigen Hohen Repräsentanten der EU, des österreichischen Diplomaten Valentin Inzko waren durch diesen Zwiespalt der Einschätzungen geprägt.
Einerseits hob der seit März 2009 amtierende Bosnienbeauftragte der EU die positiven Änderungen in der Nachbarschaft dank der gemeinsamen friedensstiftenden Auftritte der serbischen und kroatischen Staatschefs hervor. Andererseits machte er keinen Hehl aus den Folgen der seit vier Jahren anhaltenden Stagnation in Bosnien.
Seit Dayton besteht Bosnien aus zwei ethnisch bestimmten Teilstaaten: aus der Bosniakisch-Kroatischen Föderation und der Serbischen Republik (Republika Srpska). Der vom großserbischen Hegemoniestreben entfesselte Krieg kostete 200.000 Menschen das Leben, rund 2,2 Millionen, also rund die Hälfte der Landesbevölkerung wurden entwurzelt; fast 1,2 Millionen flüchteten ins Ausland. Laut UN-Flüchtlingshilfswerk gibt es noch immer mehr als 110.000 "intern Vertriebene."
Abgesehen von den enormen Kosten der ethnisch gegliederten Bürokratie in zwei Teilstaaten und zehn Kantonen, sieht Inzko zu Recht die größte Gefahr in der Obstruktionstaktik des Ministerpräsidenten der Republika Srpska, Milorad Dodic, der öffentlich und wiederholt von der Abspaltung des serbischen Gliedstaates "träumt." Seine Haltung steht in krassem Gegensatz zum Bekenntnis der Staatschefs Serbiens und Kroatiens zur staatlichen Souveränität Bosniens. In seiner gegenwärtigen Form ist dieser Staat eine Totgeburt. Es ging aber in Dayton und auch in den seither vergangenen eineinhalb Jahrzehnten um die Beendigung des Blutvergießens beziehungsweise um die Stabilisierung der Region durch die internationale Staatengemeinschaft.
Ausländische Beobachter betonen die Bedeutung der jüngsten Gesten der Versöhnung von Serbiens Präsident Boris Tadic in Vukovar, jener Stadt, in der Serben 1991 eines der schlimmsten Kriegsverbrechen verübten. Die von Tadic nicht zum ersten Mal ausgesprochene Entschuldigung für die Gräuel, die im Namen des serbischen Volkes an Kroaten begangen worden waren, hatte auch deshalb hohe symbolische Bedeutung, weil er vom kroatischen Staatschef Josipovic begleitet wurde. Darüber hinaus haben die beiden Staatspräsidenten eine Ortschaft gemeinsam besucht, in der auch im Jahr 1991 kroatische Soldaten serbische Zivilisten ermordet hatten. Durch diese symbolischen und zugleich hochpolitischen Auftritte ebnen die beiden mutigen Politiker den Weg zur Normalisierung der serbisch-kroatischen Beziehungen, zur Versöhnung der ehemaligen Kriegsgegner.
Diese hoffnungsvolle Entwicklung könnte auf lange Sicht auch zur Entschärfung der Lage in und um Bosnien beitragen. Ob diese von Valentin Inzko eindringlich beschworene Chance auch von den bosnischen, kroatischen und serbischen Politikern in Sarajevo ergriffen wird, muss freilich dahingestellt bleiben. (Paul Lendvai/DER STANDARD, Printausgabe, 18.11.2010)