Widerstand ist zwecklos

17. November 2010, 17:11
6 Postings

Polittheater-Parcours: "Good News" in der Garage X

Wien - "Tötet H.-C. Strache!" Nach rund zwei Stunden ertönt in "Good News" im Garage-X-Theater der Aufruf zum politischen Widerstand. Die Parole sei ganz legal, rechtfertigt sich die Protagonistin (Ana Stefanovic), da sie rechtlich abgesichert sei. Wer also mit selbigem Ansinnen auf den Lippen auf die Straße tritt, wird automatisch zum Kunstwerk. Ästhetischer Widerstand gewissermaßen, dem sich das ein wenig ratlos wirkende Publikum nur sehr zögerlich anschließt.

Drinnen, im von fast von allen Stühlen befreiten Saal, dessen Boden mit den zerrissenen Seiten von Österreichs größter Boulevardzeitung bedeckt ist, bleibt die stille Mehrheit. Dageblieben ist auch eine letzte Protagonistin (Katrin Grumeth), die sich nun in einer längeren Rede ihrer Rolle entkleidet. Wir Bobos, sagt sie - und kommt dabei immer wieder ins Stocken -, seien wie sie selbst bloß Opportunisten: zwar mit liberalen Überzeugungen gesattelt, aber eben nicht bereit zu aktivem Widerstand.

Es ist einer der hellsten Momente von Michael von zur Mühlens Inszenierung, weil hier die Grenze zwischen Spiel und direkter Anrede kurz aufgehoben wird. Nicht die abwesenden Bürger, deren Ressentiments und Alltagsrassismen, sondern wir selbst als passive Beobachter sind angesprochen. Das passt wiederum zu Ulrich Seidls erstem Langfilm "Good News" (1990), der diesem Abend als sonst sehr ferne Grundlage dient: Auch zu Seidls Tableaux, die Dokumentarisches und Inszeniertes vermischen, muss man sich offensiv verhalten.

Bis zu diesem Punkt hat man in der Garage X schon einen wahren Wettlauf an politischen Theaterformen überstanden, die einmal offensiv, dann wieder ironisch auf ihre Tauglichkeit getestet werden: Fingierte Podiumsgespräche, Wolf-Martin-Gedichtwettlesen, Tanzeinlagen zu Gustavs Protestsong "Abgesang" oder herausgebrüllter Agitprop von Darsteller Khaled Sharaf El Din: "Macht die Macht kaputt!". Gesellschaftskritik, das ist kein leichtes Pflaster heutzutage: Daher wird das Misstrauen gegenüber den Formen selbst zum Thema gemacht.

Mit der Dauer gewinnt die Produktion, in der man als Zuschauer mitunter wie ein Möbelstück im Weg steht, trotz ihres Retro-Charakters an Intensität: Je weniger die einzelnen Formen für sich selbst stehen, sich also auflösen und vermengen, desto mehr wird aus der skandierten Politikverdrossenheit ein Anliegen, dem man sich stellen muss. (Dominik Kamalzadeh / DER STANDARD, Printausgabe, 18. 11. 2010)

 

Share if you care.