Frische Brise für ein dunkles Labyrinth

  • Der Leitflakturm im Arenbergpark im dritten Bezirk ist seit Jahrzehnten verschlossen.
    foto: jus/derstandard.at

    Der Leitflakturm im Arenbergpark im dritten Bezirk ist seit Jahrzehnten verschlossen.

  • Dadurch konnten zahlreiche Notizen und Zeichnungen der Zwangsarbeiter und der Zivilbevölkerung erhalten bleiben.
    foto: jus/derstandard.at

    Dadurch konnten zahlreiche Notizen und Zeichnungen der Zwangsarbeiter und der Zivilbevölkerung erhalten bleiben.

  • Architekturhistorikerin Ute Bauer forscht seit zwei Jahren intensiv mit zwei Archäologen: Die Taschenlampe ist in den unbeleuchteten und verwinkelten Gängen ein Muss.
    foto: jus/derstandard.at

    Architekturhistorikerin Ute Bauer forscht seit zwei Jahren intensiv mit zwei Archäologen: Die Taschenlampe ist in den unbeleuchteten und verwinkelten Gängen ein Muss.

  • Burello Nunzio hat sich gleich mehrmals auf den Ziegelwänden verewigt. Er war ein italienischer Zwangsarbeiter, der bei der Errichtung des Turmes mitwirken musste. Sein weiteres Schicksal ist unbekannt.
    foto: jus/derstandard.at

    Burello Nunzio hat sich gleich mehrmals auf den Ziegelwänden verewigt. Er war ein italienischer Zwangsarbeiter, der bei der Errichtung des Turmes mitwirken musste. Sein weiteres Schicksal ist unbekannt.

  • Auch die Beschriftungen der Nationalsozialisten sind noch vorhanden.
    foto: jus/derstandard.at

    Auch die Beschriftungen der Nationalsozialisten sind noch vorhanden.

  • Die Plattform durften Zivilisten nicht betreten.
    foto: jus/derstandard.at

    Die Plattform durften Zivilisten nicht betreten.

  • Blick vom Flakturm auf Wien.
    foto: jus/derstandard.at

    Blick vom Flakturm auf Wien.

An den Wänden des Flakturms im Arenbergpark sind Notizen und Zeichnungen von Zwangsarbeitern erhalten - Nun soll er eine Gedenktafel erhalten

Ute Bauers unverzichtbare Utensilien für die Arbeit: Taschenlampe und Pauspapier. Ihr Arbeitsplatz ist ein Relikt der NS-Zeit: der Leitturm im Arenbergpark im dritten Wiener Gemeindebezirk. Die Architekturhistorikerin hat die Graffiti der Zwangsarbeiter und der Zivilbevölkerung akribisch aufgearbeitet. Das Besondere an dem Betonriesen: Der Turm ist nicht öffentlich zugänglich, seit der Befreiung Wiens ist er verschlossen. Die Wissenschafterin stellt nun aber mit Unterstützung der Archäologen Franz Pieler und Thomas Pototschnig die Forschungsergebnisse im Buch "Erinnerungsort Flakturm" vor. Im Februar soll eine Gedenktafel im Andenken an die Zwangsarbeiter angebracht werden, die die Betonmonolithe unter grausamen Bedingungen errichteten. 

Auf der Baustelle wurde im Jahr 1943 rund um die Uhr gearbeitet, aber es gab kaum Sicherheitsvorkehrungen. Im Winter mussten die Metallbieger ohne Handschuhe arbeiten, am eiskalten Stahl blieb die Haut kleben. Viele Zementpacker, die den Zweiten Weltkrieg überlebt haben, litten Zeit ihres Lebens an der Beschädigung der Atemwege.

Luftbilder der Alliierten geben darüber Auskunft, dass die Baracken für die Zwangsarbeiter hunderten Menschen Platz geboten hätten. Dokumente über genaue Zahlen sind jedoch verschollen. Auch die Aussagen der Zeitzeugen lassen keine präzisen Rückschlüsse mehr zu. Finanzierung und Umsetzung der Gedenktafel müssen noch geklärt werden. Ein entsprechender Antrag werde Anfang Dezember von vier Parteien eingebracht, informiert Bezirksvorsteher Rudolf Zabrano.

"Unreflektiertes Architekturrecycling"

"Da mit fortschreitender Zeit die Menge an Zeitzeugen immer geringer wird, sind es vor allem die Orte, die Zeugnis über die Schrecken der Vergangenheit ablegen können", sagt Ute Bauer. 800 Dokumente, 500 Artefakte und 238 gefundene Graffiti - zwei Drittel davon sind fremdsprachigen Zwangsarbeitern zuzuordnen - veranschaulichen die Geschichte des Flakleitturms. "Die Auseinandersetzung mit den insgesamt sechs Wiener Flaktürmen fand bislang abseits von unreflektiertem Architekturrecycling nicht statt", kritisiert Bauer. "In den vergangenen 50 Jahren gab es schon mehr als 100 Vorschläge zur Nutzung der Flaktürme", berichtet Bezirksvorsteher Rudolf Zabrana.

Frische Brise hinter meterdicken Betonmauern

Die Architektur erinnert kaum an NS-Wohn-, Partei und Industriebauten. Es gab keine Partei-Embleme oder NS-Symbole, die Formen sind klar, Dekoratives wird abgelehnt. Architekt war Friedrich Tamms, der sich auch beim Bau der Reichsautobahn im NS-Regime "profilierte". Nach dem Krieg sollten die Monumente zu "Heldendenkmälern" umgestaltet werden. Ginge es nach der Architekturhistorikerin Ute Bauer würden alle Flaktürme heute die Funktion von Denkmälern und Mahnmalen übernehmen: "In dem Fall bedarf es aber eigener Hinweise, um zu verdeutlichen, was vorrangig assoziiert werden soll. Die Aussagekraft der Architektur allein wird überschätzt."

Bauer schwebt vor, dass bald alle Interessierten Führungen durch den Leitturm machen können: "Dazu sind nur geringe bauliche Maßnahmen, die vor allem der Sicherheit der Besucher dienen sollen, notwendig. Denn die Gebäude sind in einem guten Zustand." Bezirksvorsteher Zabrano berichtet: "Auch die Belüftung funktioniert noch immer einwandfrei." Tatsächlich schlägt Besuchern hinter den meterdicken Betonmauern keine modrige, abgestandene Luft, sondern eine frische Brise entgegen.

Dunkles Labyrinth

Wegen der labyrinthartigen Gänge seien Orientierungstafeln und eine durchgehende Beleuchtung notwendig. Außer in einem Raum, der Löcher zur Außenwelt hat, gibt es im gesamten Gebäude keinen Handyempfang - wer sich im Dunklen verirrt, kann sich nur noch auf seinen guten Tastsinn verlassen. Ein Kostenvoranschlag wurde zwar noch nicht eingeholt, die Wissenschafterin und der Bezirksvorsteher sind jedoch überzeugt, dass sich "alles im Rahmen halten wird". Die Finanzierung für so ein Mahnmal sei "fast etwas Nationales, da würde ich den Bund sicher nicht aus der Verantwortung nehmen", ergänzt der Bezirksvorsteher.

Vergleich Berlin, Hamburg und Wien

Das historisch gut erhaltene NS-Gebäude im Arenbergpark hat auch wegen des Umgangs mit den Flaktürmen nach 1945 eine Sonderstellung inne: In Berlin wurden die sechs Flaktürme nach 1945 gesprengt, zwei der vier Hamburger Bauten wurden abgetragen. In Hamburg wird heute ein Turm als Shopping- und Medienzentrum genutzt, der andere ist durch Sprengungsversuche im Inneren völlig zerstört.

Auch in Wien wurden drei Bauten architektonisch "recycelt". Im Turm im Esterhazy-Park leben mit dem "Haus des Meeres" im Inneren zahlreiche Reptilien, im Sommer sitzen Besucher im Lokal am Dach oder klettern auf einer Wand. Das Bundesheer sitzt im ehemaligen Gefechtsturm in der Stiftskaserne. Gegenüber des Flakleitturms im Arenbergpark steht der ehemalige Gefechtsturm, in dem heute das MAK eine Dependence als "Gegenwartskunstdepot" unterhält.

Der Leitturm im Arenbergpark wurde im Oktober 1943 fertiggestellt und verfügt über eine detailliertere Innenausstattung als die beiden erst zur Jahreswende 1944/45 vollendeten Flaktürme im Augarten. Damit ist er der einzige erhaltene Flakturm, dessen innere Raumstruktur weitgehend intakt ist. "Je weniger man verändert, umso mehr wirkt es weiter", plädiert daher Architekturhistorikerin Ute Bauer. (Julia Schilly, derStandard.at, November 2010)

Ute Bauer (Hrsg.): Erinnerungsort Flakturm. Der ehemalige Leitturm im Wiener Arenbergpark
ISBN 978-3-85161-033-8
49 Euro, 102 Seiten, Wien 2010
Phoibos Verlag

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