"Pisa ist ausgelutscht"

17. November 2010, 13:23
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Erziehungswissenschaftler Hopmann: "Daten sagen nichts über Schulqualität" - War nie als Längsschnittstudie angelegt

Wien - Auch wenn die Veröffentlichung der PISA-Studie in diesem Jahr nicht von kritischen Publikationen begleitet ist, zeigen sich manche Bildungsforscher nach wie vor skeptisch. So warnt der Erziehungswissenschafter Stefan Hopmann (Uni Wien) eindringlich davor, bildungspolitische Maßnahmen mit PISA zu argumentieren. "Man kann Aussagen über die Qualität der Schule, der Länder oder der Lehrerbildung aus diesen Daten rein technisch einfach nicht ablesen." Schließlich ließen sich nur zehn bis 15 Prozent der Leistungsunterschiede durch Schule erklären. "Alles andere erklärt sich durch familiären Hintergrund und tausend andere Gründe - das sagen auch die PISA-Leute selbst."

Studie "technisch großartig gemacht"

Hopmann stellt nicht die Studie an sich infrage, diese sei technisch "ganz großartig gemacht". Er wehre sich allerdings "gegen die Schlussfolgerungen, die einige Leute aus PISA ziehen", betont Hopmann, der 2007 einen Sammelband mit kritischen Beiträgen von Bildungsforschern mitherausgegeben hat. Querschnittstest können laut Hopmann rein technisch keine kausalen Aussagen zur Schulqualität machen, denn dafür brauche man Längsschnittstudien, in denen etwa die Schülerlaufbahn und -karrieren erhoben werden. Das Abschneiden der Schüler sage zudem nichts darüber aus, aufgrund welcher Faktoren sie eine bestimmte Leistung erbringen.

"Nie als wissenschaftliche Längsschnittstudie konzipiert"

Ziel der OECD sei es gewesen, bei der PISA-Studie mit relativ geringem Aufwand möglichst schnell Daten zu publizieren und so die Bildungspolitik massiv auf die Tagesordnung zu heben. "In diesem Sinne hat PISA geklappt, und dafür habe ich auch allen Respekt", sagt Hopmann. "Pisa war aber nie als wissenschaftliche Längsschnittstudie konzipiert, anhand derer ich wirklich etwas über die Qualität von Bildungssystemen sagen könnte." Würden das die Ersteller der Studie allerdings einräumen, würde die Studie ihren politischen Zweck nicht mehr erfüllen. "Und dann würde wohl sogar Frau (Unterrichtsministerin Claudia, Anm.) Schmied sagen: Wofür gebe ich so viel Geld aus, wenn ich mit den Ergebnissen gar nichts anfangen kann

Laut Hopmann bleibt Pisa zudem nicht nur die Gründe für das Abschneiden der Schüler schuldig, de facto könne die Studie nicht einmal Aussagen über die Kompetenz der Schüler in den abgetesteten Bereichen (Mathematik, Naturwissenschaften, Lesen) liefern. Schließlich könne man bei PISA nur jene winzige Schnittmenge abfragen, die übrigbleibt, wenn alle Faktoren, die die Ergebnisse verfälschen könnten - wie etwa über 60 unterschiedliche Schulsysteme, Lehrpläne, 50 Sprachen - berücksichtigt werden.

"Schülerleistungen von Ländern können nicht verglichen werden"

Mit PISA könne man zwar viel über unterschiedliche Lernkulturen oder das unterschiedliche Verständnis etwa von Mathematik aussagen. "Die Ergebnisse können aber nichts drüber aussagen, wie gut die Schüler Mathematik können. Die Daten erfassen ja nur einen kleinen Ausschnitt der Mathematik." Dementsprechend könne man auch nicht die Schülerleistungen von Ländern vergleichen. Das suggeriere PISA allerdings, indem es Ländertabellen mitliefert.

Wegen der eigentlich geringen Aussagekraft werde die PISA-Studie wohl auch nicht mehr lange in dieser Form weiterlaufen, glaubt Hopmann. Englische oder amerikanische Kollegen, die mehr Erfahrung mit solchen Studien hätten, seien der Ansicht, dass mit solchen Testdaten zu Verbesserung des Schulsystems nichts Wesentliches beigetragen werden könne. "Unter Bildungsforschern herrscht international Einigkeit, dass Pisa ausgelutscht ist." (APA)

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    Laut Hopmann bleibt Pisa nicht nur die Gründe für das Abschneiden der Schüler schuldig, de facto könne die Studie nicht einmal Aussagen über die Kompetenz der Schüler in den abgetesteten Bereichen liefern.

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