"Bei einer Epidemie dort sterben Zehntausende"

16. November 2010, 20:22
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Warum die Choleraerkrankungen in Haiti noch keine Epidemie sind, und Schwangerschaften und Verkehrsunfälle das größere Problem, erklärt Ludwig Lepka von Ärzte ohne Grenzen

Standard: Die Cholera hat nun auch die Hauptstadt Port-au-Prince erreicht. Was bedeutet die Seuche für die Menschen in Haiti?

Lepka: Man muss das spezifizieren, was gemeint ist. Es gibt vereinzelt Fälle von Cholera. Es ist keine Choleraepidemie. Das heißt, natürlich besteht die Gefahr, dass eine daraus wird, aber das ist zum Glück noch nicht der Fall.

Standard: Es gibt schon hunderte Todesopfer und über 10.000 Menschen, die sich angesteckt haben.

Lepka: Das ist gar nichts. Wenn eine Choleraepidemie ausbricht, dann sterben dort Zehntausende. Und das ist der Punkt.

Standard: Könnten sich die Cholerafälle in Haiti aufgrund der Situation zu einer Epidemie ausbreiten?

Lepka: Das ist eine Gefahr, stimmt. Also gilt es die Bemühungen zu intensivieren, die Cholera einzudämmen. Das geht über mehrere Schienen. Nicht nur um die Behandlung der Cholera, die ja relativ einfach ist. Die Cholerapatienten muss man einfach mit genügend Wasser und Elektrolyten versorgen. Durch die Durchfälle werden die Cholerabakterien an sich von selbst eliminiert. Das Problem ist nur, dass sich diese Durchfallerkrankung so rapide entwickelt und so massiv ist, dass sie innerhalb von Stunden zum Tod durch Entwässerung führen kann.

Standard: Ist nicht gerade die Zufuhr von Wasser jetzt ein Problem, weil das Wasser knapp ist?

Lepka: Genau. Einerseits ist die Versorgung mit sauberem Trinkwasser das Problem. Andererseits die Entsorgung der Bakterien, weil es keine Kanalisation und keine Latrinenversorgung gibt. Leute, die die Cholera haben, werden die Bakterien über via naturalis los, das kommt ins Trinkwasser und infiziert andere Menschen. Das ist der Kreislauf, den man unterbrechen muss.

Standard: Was wird am häufigsten behandelt von Ärzte ohne Grenzen?

Lepka: Die größte Rolle im Entwicklungszusammenhang hat immer die Geburtshilfe. Also Mütter und Kindersterblichkeit im Zusammenhang mit Schwangerschaft und Geburt. Schwangerschaften bedeuten für junge Frauen dort tatsächlich eine Todesgefahr und Kinder erreichen nicht sicher das vierte Lebensjahr. Die Kinder-und Müttersterblichkeit ist immer ein Parameter, der anzeigt, in welchem Zustand eine Gesellschaft ist. Nicht nur medizinisch, sondern wie die soziale, wirtschaftliche, sozioökonomische, hygienische Entwicklung ist.

Standard: Was bringt die mangelnde Entwicklung für medizinische Herausforderungen mit sich?

Lepka: Der zweite große Brocken sind allgemein schlecht heilende Wunden. In der Hauptsache - und das war auch für mich überraschend - durch Verkehrsunfälle verursacht. Da muss man erst mal mit der Nase drauf gestoßen werden. Überall dort, wo irgendeine Form von Entwicklung stattfindet - von der Buschhütte sozusagen zu einem Schritt in die Modernität - entwickeln sich die Wirtschaft und der Verkehr zuerst. Und zwar unter ganz chaotischen Bedingungen. Da sitzen 25 Menschen in einem Toyota Hayes. Wenn der gegen einen vollbepackten Reisebus prallt, werden grob geschätzt 20 bis 40 Schwerstverletzte ohne jegliche Notarztversorgung, ohne Narkose oder Schmerzmittel aus den Autowracks herausgezerrt und mit Pritschenwagen ins Leogane Provinzhospital gebracht.(Stefanie Ruep, DER STANDARD Printausgabe 17.11.2010)

Zur Person: Ludwig Lepka (51) ist Unfallchirurg und Notarzt in Salzburg. Von Juni bis September arbeitete er in Haiti, sein erster Einsatz für Ärzte ohne Grenzen

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    Ein Mann bringt in Cite Soleil, einem Stadtteil von Port-au-Prince, seinen cholerakranken Sohn in der Scheibtruhe zum Krankenhaus St. Catherine. Über zehntausend Patienten gibt es bereits

  • Ludwig Lepka arbeitete für  Ärzte ohne Grenzen in Haiti
    foto: standard/lepka

    Ludwig Lepka arbeitete für Ärzte ohne Grenzen in Haiti

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