Elektropoesie und Querulantentum

16. November 2010, 20:05
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Rupert Gaderer sucht Verbindungen zwischen Natur- und Geisteswissenschaften

"Die Liebe hat wie ein Blitz eingeschlagen", "der Funke ist übergesprungen": Gängige Redensarten wie diese, mit denen zwischenmenschliche Beziehungen charakterisiert werden, sind nicht zufällig dem Feld der Elektrizität entnommen: Sie wurden in der Literatur rund um 1800 geprägt, als sich die großen Autoren der Romantik wie E. T.A. Hoffmann oder Novalis von der noch jungen Elektrizitätslehre und ihren buchstäblich spannenden Experimenten inspirieren ließen.

"Poetik der Technik" nennt der Germanist Rupert Gaderer die Verarbeitung von naturwissenschaftlichem Wissen in Erzählungen, Märchen und Romanen. Seine gleichnamige Dissertation an der Uni Wien zu Elektrizität und Optik bei E. T. A. Hoffmann erschien vergangenes Jahr auch in Buchform (in der IFK-Reihe Edition Parabasen). "Auffallend in Hoffmanns Erzählungen ist die Darstellung von Menschen als homines electrificati: Literarische Figuren geben etwa bei Körperberührung elektrische Stöße ab und entladen sich", sagt Gaderer. "Das trifft vor allem auf Liebespaare zu, deren Beziehungen analog dem elektrischen Prinzip der Auf- und Entladung funktionieren."

Bei seiner Arbeit konnte Gaderer aus dem Wissen seiner technische Ausbildung schöpfen: 1979 in Wien geboren, maturierte er am Wiener TGM, im Zweig Elektrotechnik. Aus einer Technikerfamilie stammend (der Vater Physiker, die Mutter Kunststofftechnikerin), entschloss er sich dennoch nach der Schule "ohne Zaudern" für ein Germanistikstudium.

Es folgte ein Doktoratsstipendium der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, danach ein Junior Fellowship am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften IFK (wo derzeit die Stipendienausschreibung für das kommende Studienjahr läuft). "Das IFK war extrem wichtig für mich", betont Gaderer. "Nicht nur aufgrund der finanziellen Unterstützung, sondern auch aufgrund der Möglichkeit, mich mit renommierten Wissenschaftern auszutauschen." Das IFK, dessen Zukunft aufgrund der jüngsten Budgetstreichungen ungewiss ist, ermöglichte ihm im Anschluss ein Fellowship an der Berliner Humboldt-Universität, gefolgt von einem Post-Doc-Stipendium am Institute for Cultural Inquiry (ICI).

In Deutschland hat es Gaderer gehalten: Derzeit hat er eine Post-Doc-Stelle am Graduiertenkolleg "Mediale Historiographien" in Weimar inne, wo er an seiner Habilitation arbeitet. Dabei ist er einem weiteren Phänomen auf der Spur, das ebenfalls an der Schwelle zum 19. Jahrhundert entstand: das Querulantentum. "Um 1800 tauchen in Gesetzestexten Personen auf, die unaufhörlich versuchen, etwa mit Briefen an Gerichte, ihr Recht zu bekommen", schildert Gaderer. "In der Literatur des 19. Jahrhunderts wimmelt es nur so von Querulanten: Von Heinrich Kleists Michael Kohlhaas bis zu Figuren Kafkas. Zugleich begann die Medizin, Querulanten als wahnsinnig und unzurechnungsfähig zu bezeichnen."

Auch in diesem Projekt verbindet er verschiedene Wissensfelder - von Rechtswissenschaften über Medizin bis zu Kriminologie und Literatur. Obwohl Gaderer sehr an seiner Heimatstadt Wien hängt, sieht er im Moment keine Möglichkeit für eine Rückkehr: "An den Unis gibt es zur Zeit nur sehr wenige freie Post-Doc-Stellen. Im Gegensatz zu Deutschland hat man in Österreich nach der Krise nicht in Bildung investiert."(Karin Krichmayr /DER STANDARD, Printausgabe, 17.11.2010)

 

  • Der Germanist Rupert Gaderer: von Wien nach Weimar.
    foto: ici

    Der Germanist Rupert Gaderer: von Wien nach Weimar.

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