Drei Säulen sollen die Basis tragen

16. November 2010, 18:49
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Wissenschaftsministerin Beatrix Karl präsentierte ein neues Modell zur Finanzierung der außeruniversitären Forschung - Wiener Stadtpolitiker und Betroffene laufen dagegen Sturm

Barbara Weitgruber war ein wenig heiser. Sie habe schon mit Vertretern von mehr als 50 Prozent der außeruniversitären Forschungsinstitute, für die ab 2011 die Basisfinanzierung auslaufen soll, gesprochen, sagte die zuständige Sektionschefin im Wissenschaftsministerium. Zweck des Meeting-Marathons: Individuelle Lösungen zu finden, um das Überleben der Institute wenn schon nicht zu garantieren, so wenigstens zu ermöglichen.

Bei einigen Instituten könnte das Ergebnis der Verhandlungen eine Aufnahme durch Unis sein, mit denen bereits Kooperationen bestehen: Das in Wien ansässige Internationale Forschungszentrum für Kulturwissenschaften (IFK) soll, wie der Standard bereits berichtete, an die Universität Graz andocken. Das nicht weniger renommierte Erwin-Schrödinger-Institut für mathematische Physik (ESI) könnte von der Uni Wien aufgenommen werden.

Damit das nicht zulasten der ohnehin nicht überdotierten Universitäten ausfällt, bietet Wissenschaftsministerin Beatrix Karl (ÖVP) nun eine Anreizfinanzierung für beide beteiligte Partner an. Uni Wien und Schrödinger Institut zum Beispiel sollen also weiterhin Geld bekommen: Karl nennt das die erste Säule der außeruniversitären Forschung. Das öffentliche Finanzierungshaus der außeruniversitären Forschung steht aber künftig auf drei Pfosten: Die Wissenschaftsministerin will auch EU-Fördergelder sichern, die die betroffenen sozialwissenschaftlichen Institute bisher besonders fleißig einwarben. Insgesamt kamen 75 Prozent dieser Gelder durch sie ins Land. Ab 1.1. 2011 übernimmt das Wissenschaftsministerium daher bei einer zugesagten EU-Förderung eine Teilfinanzierung von zehn bis 25 Prozent der Summen, die aus Brüssel kommen. Durch die dritte Säule will Karl schließlich die Forschungsinfrastruktur im Bereich Archivierung und Dokumentation von zeitgeschichtlichen Materialien stärken und fordert die betroffenen Archive auf, sich zu einem Dokumentationsnetzwerk zusammen zu schließen. Über die Dotierung der drei Säulen konnte Karl noch keine Auskunft geben. Sicher scheint nur die Quelle zu sein - und dass weit weniger Geld als bisher zur Verfügung steht: Die Mittel sollen im nächsten Jahr aus den durch die Streichung der Hälfte der Basissubvention eingesparten vier Mio. Euro und dann aus den geplanten zusätzlichen 80 Mio. Euro für die Unis kommen. All das ohne die vom Wissenschaftsrat geforderte Evaluierung.

Erstaunt über die Aussagen Karls zeigte sich Lutz Musner, stellvertretender Direktor des IFK. Mit ihm habe noch niemand offiziell über eine eventuelle Anbindung an die Grazer Uni gesprochen. Das Institut sei freilich offen gegenüber neuen Strukturen, wenn sie den Bestand des IFK und sein Ansehen in der Wissenschaftsszene nicht gefährden. Musner präferiert den Standort Wien, weil ein Großteil der internationalen Fellows des Instituts bisher gern in eine Großstadt mit "Glanzpatina" mit einer blühenden kulturellen-geistigen Infrastruktur kam. "Das hat Graz nicht in diesem Ausmaß."

Schwierige Uni-Anbindung

Ähnlich kritisch äußerte sich Klaus Schmidt, Direktor des Erwin Schrödinger-Instituts: Eine Anbindung an die Uni Wien sei nur vorstellbar, "wenn die finanziellen Voraussetzungen gegeben sind, die wissenschaftliche Struktur erhalten wird und die administrativen Bedingungen erfüllt werden" . Die Personalverwaltung an den Unis sei weitaus komplexer und bürokratischer, das könne ein Problem werden, wenn sie "auf 600 und mehr Forscher angewandt wird, die pro Jahr am ESI ein- und ausgehen" . Zum Auslaufen der Basisfinanzierung durch den Bund meinte er: "Ein Bereinigungsprozess ist sinnvoll, aber wenn er so abläuft, dass sich Institute innerhalb von zwei Monaten entscheiden müssen, ist das unverantwortlich."

Unterdessen kündigt sich auch ein großkoalitionärer Disput an. Der Wissenschafts- und Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny lud am Dienstag die Vertreter von 40 Wiener außeruniversitären Forschungseinrichtungen ein, die von den Sparplänen der Bundesregierung betroffen sind. Mit dabei, erstmals: Alexander Van der Bellen, der neue "Uni-Beauftragte" der Stadt Wien. Gemeinsam machten sich die Politiker zum "Partner der Institute" , wie Mailath-Pokorny zum Standard sagte. Die Pläne der Regierung seien eine "Katastrophe für den Wissensstandort Wien" .

Karls Pläne, ein Andocken an Unis finanziell zu unterstützen, bezeichnete Mailath-Pokorny als "Todesstoß für solche, die schon am Boden liegen" . Die meisten außeruniversitären Institute seien "schneller, flexibler und punktgenauer" als viele Uni-Institute, dafür würden sie nun "bestraft" . Die Streichung der Basis-Finanzierung sei auch deshalb ein großes Problem, weil diese erst die Grundlage sei, um weitere Drittmittel, etwa von der EU, lukrieren zu können. Für den SPÖ-Politiker Mailath-Pokorny liegt der Verdacht nahe, "dass es nicht ohne Grund Institute wie das Kreisky-Forum trifft, die gesellschaftspolitisch wichtige, kritische Forschung betreiben" . Die Vorgangsweise Karls widerspreche allen internationalen Standards, "international wird, ebenfalls nach genauen Standards, evaluiert" . Mailath-Pokorny und Van der Bellen kündigten an, Wien werde gegen Karls Pläne weiter protestieren. (pi, stui, kri/DER STANDARD, Printausgabe, 17.11.2010)

 

  • Flasche leer: Um die 2011 auslaufende Basisfinanzierung zu kompensieren, bietet die Wissenschaftsministerin neue Förderstrukturen an - mit weniger Geld als bisher.
    foto: standard/robert newald

    Flasche leer: Um die 2011 auslaufende Basisfinanzierung zu kompensieren, bietet die Wissenschaftsministerin neue Förderstrukturen an - mit weniger Geld als bisher.

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