Verfassungsgericht in Ungarn beschränkt

Gregor Mayer aus Budapest, 16. November 2010, 18:45

Mit ihrer Zwei-Drittel-Mehrheit im ungarischen Parlament beschnitt die Regierungspartei Fidesz die Befugnisse des Verfassungsgerichtes - Premier Viktor Orbán kann damit umstrittene Gesetze durchsetzen

Mit den Stimmen des Bundes Junger Demokraten (Fidesz) setzte das Parlament am Dienstag eine Verfassungsänderung durch, die die Kompetenzen des Verfassungsgerichts massiv einschränkt. Mit sofortiger Wirkung dürfen die Höchstrichter nicht mehr prüfen, ob neue Budget-, Steuer- und Sozialgesetze mit dem von der Verfassung proklamierten Schutz des Eigentums vereinbar sind.

Die mit der nötigen Zweidrittelmehrheit beschlossene Veränderung war ein klassischer Fall von Anlassgesetzgebung. Ende Oktober hatten die Höchstrichter nämlich ein Gesetz der Regierung unter Premier Viktor Orbán außer Kraft gesetzt, das die Empfänger höherer staatlicher Abfertigungszahlungen rückwirkend zur Rückzahlung der Gelder verpflichtet hätte. Das Gesetz wurde bereits am Dienstag, kurz nach der Verfassungsänderung, mit wenigen Änderungen neu beschlossen. Dem Verfassungsgericht sind aber nun die Hände gebunden.

"Ich stehe auf der Seite des Gerechtigkeitsempfindens der Menschen", begründete Orbán den bisher massivsten Eingriff in das demokratische Institutionengefüge Ungarns seit der Wende. Indirekt heißt das wohl, dass die bisherige Verfassung offenbar dem auch von der Neidpropaganda des Fidesz geprägten "Gerechtigkeitsempfindens" in Sachen Abfertigungen im Weg steht. Bereits nach den Wahlen im April sprach Orbán vom Sieg der "Revolution in den Wahlkabinen".

Vorgeschobene Begründung

Die in manchen Fällen tatsächlich ungerechtfertigt hohen Abfertigungen von politisch loyalen Beamten und Managern in Staatsbetrieben sind aber nur eine vorgeschobene Rechtfertigung für die Beschränkung der Verfassungshüter. Diese ist aus der Sicht Orbáns notwendig, um weit folgenschwerere Gesetze ihrem kritisch prüfenden Blick zu entziehen. Dazu gehören etwa Sondersteuern, mit denen Banken, Energie- und Telekom-Unternehmen und Handelsketten hunderte Millionen Euro abgenommen werden.

Mit einem anderen Gesetz werden die Einzahlungen der Pflichtanteile in die privaten Pensionskassen für 14 Monate in die Staatskasse umgeleitet - ohne Gegenleistung. Orbán will nämlich zum Verlassen der privaten Fonds bewegen - und den Großteil der dort liegenden etwa zehn Milliarden Euro der Staatskasse zuführen.

Der Premier braucht Geld, um sein Versprechen auf Steuersenkungen einzulösen. Zugleich kann er mit der Beschränkung des Verfassungsgerichts seine Machtposition als Regierungschef stärken. Dazu gehört auch die feste Kontrolle über die öffentlich-rechtlichen Medien sowie die Regulierung der Privaten durch eine von Parteisoldaten besetzte Medienaufsichtsbehörde. Nächstes Jahr soll zudem eine neue Verfassung verabschiedet werden. (Gregor Mayer aus Budapest, STANDARD-Printausgabe, 17.11.2010)

Kommentar posten
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Ibsen
00
25.11.2010, 17:35
Lieben die Ungarn ihren Ministerpräsidenten besser als ihr eigenes Geld? (Frei nach Attila Szalay-Berzeviczy):

http://index.hu/gazdasag/... nket/?cp=1

Auch zu emfehlen:
http://www.guardian.co.uk/commentis... ule-of-law

de Selby
00
26.11.2010, 20:05
guardian

Der Guardian-Link ist tatsächlich zu empfehlen! (Danke Ibsen!) Man wundert sich ja wirklich langsam, warum keiner von außen (EU) auch mal was sagt ... :-|

Ibsen
00
26.11.2010, 20:41
Bitte, bitte, gern geschehen:-)

Meiner Meinung nach, der erste Link führt aber auch zu einer sehr guten Analyse wenn Du des Ungarischen mächtig bist.

Der Index-Artikel ist von dem ehemaligen Vorsitzender der Budapester Börse, obwohl er eigentlich - wie ich auf seinem Facebookprofil gesehen habe - ein Orbán-Fan ist. (Nun ja, gleichzeitig ist er allerdings auch ein Bajnai-Fan und nebenbei hat er ganz ganz tolle selbsgemachte Fotos auf Facebook gestellt :-))

Sandor Kocsis
00
13.12.2010, 09:22

Hallo Ibsen - lies einmal die FAZ vom 1. Dezember. Eine Analyse zu Orbáns Politik eine zu Lendvai von Hefty.

Da verstehst Du vielleicht, wie die hiesigen Konservativen denken - und die anständigen Konservativen in H. Und auch D, F, I, A, UK (New Labour ist ja keine Arbeiterpartei) hat eine "natürliche" rechte Mehrheit.

http://www.faz.net/s/RubA330... ntent.html

Und Hefty ist zwar kein Liberaler vor dem Herrn - aber bitte nicht das ungarische Spiegelbild auf ihn projizieren
http://www.faz.net/s/RubD87F... ntent.html

Ibsen
00
14.12.2010, 17:09
Ich verspreche

ich werde es lesen sobald ich Zeit habe und sobald die Orbán-Entscheidungen letzten Tages (ich als Pensionskassen-Sparer wurde eben enteignet + für ein Mediengesetz wie in den totalitären Regimen gestimmt) mich nicht mehr völlig verzweifelt machen.

Sandor Kocsis
00
14.12.2010, 18:25

jo, Wahnsinn wie er es geschafft hat....

und schau an - ist zwar kein Trost, wenn man in Äthiopien wohnt, dass in Sudan die Kinder auch an Hunger sterben - aber Burleschini hat es auch schon wieder überlebt...

Ibsen
00
15.12.2010, 13:34
Du hast hier ja daraus Witze gemacht

aber Du hast es leicht... ICH mache mir Sorgen hier: in 30 Jahren kriege ich vielleicht kaum Pension... aber Haupsache: in Debrecen wird ein Stadion stehen!

Sandor Kocsis
00
18.12.2010, 17:30

Dachte, dass wird aus den Champions League Teilnahmen finanziert?

Die waren nun oft genug dabei, dass die UEFA ihnen viel Geld gezahlt hat - und eigentlich sollte es sich bei weiteren Teilnahmen amortisieren, im Gegensatz zur Üllöi út.

Ibsen
00
14.12.2010, 19:07
Sehr witzig...

Ich wäre sehr gespannt wie Deine Reaktion gewesen wäre, wenn eine linke Regierung diese Maßnahmen gebracht hätte...

Sandor Kocsis
00
14.12.2010, 21:22

Die Gleiche: a Waunzinn! Schweinerei! Stoppt den Nonsens - nur so wie damals: man ist chancenlos., ohnmächtig

de Selby
00
4.12.2010, 13:35
Der ertse Link

Ja, der Index-Artikel ist auch interessant - soweit ich ihn verstanden habe. Orbán-Fan zu sein spricht natürlich nicht für den Verfasser (finde ich) ;-) - aber als Wirtschaftsfachman kann er ja kaum anders als Bajnais Leistungen anzuerkennen. Und wenn er tolle Fotos macht, dann treiben ihn (privat) offenbar auch andere (sinnvollere, schönere) Dinge an, als die übliche lokale Variante des bayrischen "Mir-san-mir" ... :-)

sandokan55
10
20.11.2010, 15:05
„Dazu gehören etwa Sondersteuern, mit denen Banken, Energie- und Telekom-Unternehmen und Handelsketten hunderte Millionen Euro abgenommen werden“

und von wem sonst hätte die Fidesz-Kdnp Regierung den Fehlbetrag von ca. 1,5-2Mrd EUR(!)
- bei einem von Bajnai-Oszko-Mszp x-mal zugesagten 3,8% Defizitziel -
im 2010 Budget zu nehmen?

globetrottel
01
20.11.2010, 15:46

Nein, das Budget 2010 ist kein grosses Problem, die 3,8 % kommen relativ locker . Natürlich muss Fidesz seinen Startpopulismus (etwa Verlängerung der Gaspreisstützung) irgendwie finanzieren.

2011 wird's lustig, und DAFÜR braucht Fidesz das Ergebnis all dieser Raubzüge. Da werden nämlich Kleinunternehmer, Grossverdiener und Familien mit Kindern massiv gefördert.

Also bitte nicht ablenken !

sandokan55
10
20.11.2010, 17:15
Seit wann ist ein Mehr von 1,5-2Mrd Defizit „kein Problem“ abgesehen davon , dass die Bajnai-Mszp Regierung es bis zuletzt geleugnet hatte?

Für Sie wäre also die damals angekündigte 20%-e Gaspreiserhöhung (u.v.m.) lieber.
Für mind. 9Millionen Ungarn ist es sicher nicht.

Dass Familien mit Kindern förderungswürdig sind, besonders in Europa, stellen nur ganz wenige in Frage.

Dass jene - KMU's - die Arbeitsplätze schaffen können ebenso förderungswürdig sind, ist evident.

Dass den Menschen mehr Geld in der Tasche bleibt um u.a. jene Billionen(!) Ft. Privatschulden zurückzahlen zu können,
die Dank der Wirtsch.Politik von Mszp und ZinsPolitik der ung. Nationalbank
– dem ehrenwerten Hrn.Simor
(warum hat er noch nicht abgedankt?) –
in die Fremdwährungskreditfalle gestoßen wurden, ist mehr als begrüßenswert.

globetrottel
01
20.11.2010, 20:14

4) und was die MSZP-Wirtschaftspolitik und die Nationalbank mit der Fremdwährungskreditfalle zu tun haben sollen, ist mir endgültig schleierhaft.

Geschäftsbanken haben diese vergeben, nicht Regierung oder Nationalbank. Sie haben die Kreditnehmer nicht gerade sehr ausgiebig über die möglichen Risiken informiert, aber das wäre den Kreditnehmern auch wurscht gewesen. Nachdenken und Abwägen ist halt nicht so leicht, die Gier hingegen gross....

sandokan55
00
21.11.2010, 14:57
„...mir endgültig schleierhaft. „ das glaube ich von Ihnen nicht

4) Die wirtsch. Leistung eines Landes und die Bereitschaft (Zinsen) der Geldgeber stehen ziemlich eng zueinander oder?
Jetzt von moralischen z.B. Glaubwürdigkeit nicht zu sprechen.

Die Wucherzinsen der priv. Banken – 6-7%Inflation – 20% für Wohnkredit – zwang(!) die Kreditnehmer
– bei damals noch rel. stabilem Wechselkurs –
zum Fremdwährungskredit. No na würde man sagen.
Das Einschreiten der Regierung&Nat.B um einen gefährlichen Ausmaß der priv. Verschuldung zu verhindern, blieb aus.

"die Gier hingegen gross"
Die Bekämpfung der Wucherzinsen von 30-40% für andere Waren halte ich sehr wohl als Aufgabe einer Regierung um zu verhindern, dass gewiefte Typen die Menschen praktisch ausrauben
sei es durch Gier(Pyramiedenspiel) od. Leichtsinn

globetrottel
00
21.11.2010, 21:03

Und was kann die Wirtschaftspolitik dafür, dass die Banken in Osteuropa irrwitzige Zinsen verlangt haben ? Natürlich war auch die Risikotangente höher als im Westen, aber die von Ihnen erwähnten Zinsspannen waren schon arg - übrigens auch in den Fremdwährungen. Stolz wurde in Ungarn ein SFr-Kredit mit 8% Verzinsung als günstig angepriesen, zu einem Zeitpunkt, als dafür in Ö vielleicht 2,5% zu bezahlen waren.
Es ist aber nicht die Aufgabe von Regierung und NBank , Geschäfte zwischen Privaten Rechtssubjekten in eine bestimmte Richtung zu lenken, oder sie zu verhindern.

globetrottel
00
20.11.2010, 20:10

1) Es gibt kein Mehr von 1,5-2 Mrd, und es gäbe dieses auch nicht bei einer Bajnai-Regierung.

2) Gas KOSTET halt um 20 % mehr, daran ändert der künstliche Eingriff von Fidesz nichts, aber das kapiert Ihr ja nicht, dass die "9 Miliionen Ungarn" (so viel heizen allerdings nicht mit Gas) das so oder so bezahlen müssen, sei es im Preis direkt, sei es auf dem Umweg über Steuern und Raubzüge (s. Pensionsversicherungs-Raubzug).

3) Familien werden überall gefördert. Unterschiedlich ist das Ausmass. Gutverdiener speziell zu fördern (auf Kosten der Niedrigverdiener ohne Kinder) - DAS schafft nur Orbán.

4) KMUs werden bereits gefördert. Die neuerliche Senkung der KÖSt auf 10% flie3sst bestenfalls in die Privattaschen der Unternehmer.

sandokan55
10
21.11.2010, 13:23
Wenn Sie nicht einmal den Sozialisten glauben...

1) Die haben nämlich anerkannt, dass es ungefähr 500Mrd Ft zur Erreichung des 3,8%Defizitzieles 2010 fehlt.

2) Wenn der Gaspreis steigt, steigen die Preise auch in anderen Bereichen – o.k.?

3) Die Familien werden mehr unterstützt – 30Tsd Ft. für Niedrigverdiener bedeutet etw. anderes als für wie Sie sagen Gutverdiener.
In dieser Sache würde ich eine Förderung ab einer best. Einkommenshöhe streichen, wobei - nur als Anmerkung - ein Gutverdiener wesentlich mehr für seine Nachkommen ausgibt.

4) Das werden wir uns erst in den nächsten Jahren sehen

globetrottel
00
21.11.2010, 20:58

ad1) wann ? wo ? Ist mir da etwas entgangen ?

ad 2) Ob der Gaspreis steigt oder nicht steigt, hängt vom Weltmarkt ab und nicht von seiner Allmächtigkeit
Orbán. Wenn er am Weltmarkt steigt, dann kann ihn die Regierung nur -kurzfristig - untenhalten, indem sie ihn stärker aus Budgetmitteln stützt. Und diese Stützung müssen die Leute dann eben in Form von Steuren zahlen.
3) Die Flattax macht kinderlose Verdiener bis 280Tsd Ft zu VERLIERERN, während die besser verdienenden netto viel mehr als bisher rauskriegen. Und es ist nun mal so, dass die marginale Konsumneigung von Gutverdienern weit schlechter ist als die von Leuten mit geringem Einkommen - d.h. die Gutverdiener stecken das Geld in den Sparstrumpf und kurbeln die Wirtschaft nicht an!

peak oil
23
20.11.2010, 10:15
Ungarn wird immer mehr zur Bananenrepublik Mitteleuropas,

und das mit voller zustimmung der bevölkerung. es is echt oarg, wos si durt ospüüt.

I. O.
15
20.11.2010, 11:53
In Ungarn seit 20 Jahren

eine massive religiöse Verblödung findet statt.Dazu eine romantische verherrlichung von die mittelalterliche Zeiten (Arpad, Ungarische Könige;Stephan, usw.), und von die Zeiten der Weltkriege mit Horty, Trianon....In Ungarn nach dem Umbruch (1989) keine moderne Entwicklung fand statt.Die Bevölkerung systematisch dazu erzogen wurde, das sie brave Diener werden für die Rechtextremen/Erzkonservativen, neoliberale Kapitalisten und Oligarchen....Nach langem Einparteisystem waren sie unfähig Umgang lernen mit eine Demokratie.

de Selby
00
26.11.2010, 20:09

Dem kann ich nur vehement zustimmen! Man merkt es auch ganz deutlich im Alltag vor Ort. "Trianon" ist dabei nur eins von vielen Stichworten - manches andere, was "romantisiert" wird, ist dagegen wirklich furchterregend ...

omar chamra
00
19.11.2010, 20:53
Ungarn-Iranische Freundschaft und eine gemeinsame Marke

http://www.worldstampnews.com/2010/11/h... amp-issue/

Alphysiker
30
19.11.2010, 21:24
Cool!

..es ist gut dass ein Land in Europa betrachtet Iran mit Vernunft, statt die agressive Einstellung Israels und Amerikas!

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