Die gnadenlosen Erben der Väter

16. November 2010, 17:21
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"King Lear" famos ins Heute übersetzt: Die Performancegruppe She She Pop

Wien - Väter haben in der neuen Arbeit der deutschen Performancegruppe She She Pop nichts zu lachen. Töchter und Söhne aber auch nicht. Beide, Kinder wie Eltern, sind im neuen Stück Testament mit den Unwägbarkeiten des sogenannten Generationenvertrags konfrontiert und fechten im Disput um die darin vorgesehenen gegenseitigen Verpflichtungen ihre Standpunkte aus.

Schon King Lear hat sich in dieser Angelegenheit eine blutige Nase geholt, als er bei seiner Hofübergabe Geld gern direkt in Liebe eingetauscht hätte. Auf den Moment des Generationenwechsels fokussieren nun auch She She Pop und nehmen Shakespeares Drama zumindest als Stichwortgeber für eine alltagskundliche Performance. Sie ist ab Donnerstag im Brut Künstlerhaus zu sehen.

Für eine Gruppe wie She She Pop, die ihre Arbeit immer auf reales Leben bezieht, ist es eine Selbstverständlichkeit, dafür die eigene Verwandtschaft heranzuziehen: Die echten Väter der Performerinnen und des einen Performers vertreten live auf der Bühne und durchaus unter Anspannung die abdankende Generation. Dafür schon einmal herzliches Danke, denn die Herren Nichtperformer machen ihre Sache über die Maßen gut. Auch wenn diese insgeheim (und weniger insgeheim) King Lear lieber von Peter Stein inszeniert sähen als von ihren eigenen Töchtern. Doch dazu später.

Das am Ende der 1990er-Jahre dem damals kultig verehrten Gießener Institut für Angewandte Theaterwissenschaft entwachsene Kollektiv She She Pop hat parallel zu Kollegen wie Gob Squad oder Showcase Beat Le Mot eine neue, zuweilen interaktive Performancepraxis eingeführt (das Interaktive hat sich wieder verflüchtigt).

Dabei wurden soziale Rituale hinterfragt wie etwa Gemeinsam-am-Lagerfeuer-Sitzen oder Verheißungen und Sackgassen des Gesellschaftstanzes.

Die Parallelführung der Arbeiten entlang der eigenen Biografien der Künstlerinnen war noch nie so eng wie nun in Testament. Und es ist nicht zuletzt die einmalige Sprödheit der Laien bzw. die zumindest vermeintliche Authentizität der vor- und ausgetragenen Konflikte, die dem Thema des Generationenwechsels eine so reflektierte Dramatik geben. Das Ganze spielt in einem nur von wenigen königlichen Koordinaten markierten Raum: Zu Fanfarenmusik ziehen die vier Väter ein, nehmen dann auf Wohnzimmer-Fauteuil-Thronen Platz, ihre Gesichter sind einer Ahnengalerie entsprechend auf Großleinwände projiziert.

Der King Lear-Text läuft ebenfalls groß projizierten in einer gewaltigen Strichfassung über eine Endlospapierrolle. Die darin enthaltenen Konfliktthemen werden in performativen, teils Lecture-affinen Präsentationsformen ins Heute transferiert. Wie etwa lässt sich eine Gefolgschaft von 100 Rittern heute darstellen, mit der sich König Lear bei seiner Tochter zur Ruhe setzen wollte? Lisa Lucassen demonstriert das auf einem Flipchart mit dem Grundriss einer Wohnung und zahllosen väterlichen Bücherregalen, die in Form von schwarzen Magneten diesen Grundriss bald völlig zudecken.

Die Väter ihrerseits, die die Konflikte mit ihren Töchtern auch dadurch austragen, dass sie die hier stattfindende Kunst nicht wirklich gutheißen wollen (Peter Stein - ja, She She Pop - nein), präsentieren eine ihren Vorstellungen entsprechende ideale Verteilungsachse "Liebe - Geld" als Vektorengrafik. Die Härte der hier vorgelegten Zahlen und Fakten (etwa auch letzte Worte der Reue, bereits aus dem Sarg gesprochen) korrespondiert und konkurriert mit einer sinnlich-emotionalen Seite des Abends: Lieder, die beim gemeinsamen Singen (Dolly Parton, Peter Kraus usw.) eine Zusammengehörigkeit bzw. deren Gegenteil behaupten. Väter, auf, auf! Ein großartiger Abend wartet. (Margarete Affenzeller/DER STANDARD, Printausgabe, 17. 11. 2010)

  • Eine Generation dankt ab: "Testament".
    foto: tuch

    Eine Generation dankt ab: "Testament".

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