Die schrägsten Vögel haben Räder

17. November 2010, 16:50
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Wintergäste aus Europa sind im Zugvogelquartier am Ichkeul-See nichts Besonderes. Radfahrer gelten in Nordtunesien als die echten Exoten

Der Neusiedler See, so scheint es, hat bereits samt Inventar sein Winterquartier südlich des Mittelmeers bezogen. Es ist ein gut organisierter Umzug, der sich von Jahr zu Jahr aufs Neue vollzieht: Zuallererst schickt der See seine tollpatschigsten Badegäste, die Enten, auf Reisen. Dann folgt die Ruster Rauchfangdekoration - die Störche. Und schließlich mit geringer Verspätung, wie sie den Popstars der Vogelkunde gebührt, trudeln auch die Graugänse ein. Bereits ein flüchtiger Blick auf die sanften Ufer des tunesischen Ichkeul-Sees offenbart dann die Essenz dieser Siedelei im November: Alle Vöglein sind schon da!

Tatsächlich verbindet den Neusiedler und Ichkeul-See aber mehr als nur eine Luftbrücke der Zugvögel. Beide Ökosystem gehören zum Unesco-Naturerbe, und bei beiden handelt es sich um Steppenseen. Am westlichen Ende des Ichkeul, wo das Wasser immer tiefer wird, fällt das nicht so auf, weil die Zuläufe gestaut werden mussten. Ein 13.000 Hektar großes Wasserreservoir in dieser Lage kann es sich nicht erlauben, einfach nur Nationalpark zu sein: Die gesamte Region um Tunesiens viertgrößte Stadt Bizerte wird von hier aus mit Trinkwasser versorgt.

Im Osten hingegen, wo der See nur durch einen schmalen Kanal mit dem See von Bizerte verbunden ist, bilden sich die gut bekannten "langen Lacken" in der kargen Steppe - nur die Krusten rundherum werden hier von echtem Meersalz gespeist. Vor allem eines aber beschert dem Zaungast im Ichkeuler Vogelquartier ein pannonisches Déjà-vu: Dort, wo die nahezu autofreien Wege vorbei an Schilfgürteln führen, trübt keine Steigung die Freuden des naturbegeisterten Radfahrers.

Die Exotik des Zweirads

Raouf Goulli sieht das grundsätzlich genau so. Und dennoch reitet der einzige Radreiseführer der Region ausschließlich auf seinem Quad (das sind diese geländegängigen vierrädrigen Mopeds) durch die Steppe, die er seit seiner Kindheit kennt und jederzeit verbal zu verteidigen bereit ist: "Eine einzigartige Landschaft, es gilt sie um jeden Preis zu schützen! Und glauben Sie mir: Vom Rad aus sehen Sie mehr als ich." Einen zufrieden grasenden Wasserbüffel etwa, der endgültig das Burgenland vergessen lässt, der aber auch in Nordafrika nur hier lebt. Oder die rosarote Kolonie von Flamingos, die es sich gerade neben dem weißgekalkten Hammam für die natürlichen, heißen Quellen des Sees bequem macht.

Raouf Goulli, sollte man jetzt erwähnen, lässt den Naturschützer wirklich nicht heraushängen: Das "natürliche" Recht, in einem 20 Liter fressenden Pick-up oder eben auf dem Quad europäische Radler zu begleiten, hat er sich aber wohl irgendwie erworben.

Mit dem Ichkeul als Schutzgebiet für eine halbe Million Zugvögel verbindet ihn nämlich die Liebe zur nordafrikanischen Palmtaube. Diese gilt zwar nicht gerade als bedrohte Art, aber immerhin als elegante Erscheinung. Aus seiner Grotte hat er diese Wesen das erste Mal beobachtet und fortan beschlossen, alles für deren reibungslose Bruttätigkeit zu unternehmen. Es gurrt tatsächlich ganz leise am nächsten Tag, auch wenn das Blöken der Schafe oben auf der Klippe deutlich lauter hallt in Goullis Grotte. Erst seit wenigen Jahren hat er diese Höhle im Nirgendwo - aber direkt am Meer und nur rund 25 km westlich von Bizerte - gepachtet, und er weiß ganz genau, was er damit anstellt: Ganze Führungsetagen europäischer Firmen bringt er hierher, damit sie ihren Teamgeist stärken. Sie sollen Aufgaben aus seinen dafür geschriebenen Drehbüchern lösen, die ein wenig an die Survivalformate deutscher Privatsender erinnern: komische Tiere essen, Unterstände bauen, aber vor allem nicht jammern.

Den wenigen genügsamen Radlern, die Tunesiens grüne Lunge im Norden noch als absolute Pioniere im Sattel erleben, serviert er hier lieber ein viergängiges Menü - mit Meeresrauschen als Beilage und freilich als Belohnung für die anstrengende Fahrt. Denn ein wenig schweißtreibend mag die 18 Kilometer lange Route ja sein, aber als asphaltgeschädigter Radwanderer versichert man Goulli dann gerne bei seiner "Lasagne spezial", wie ausgesucht kontemplativ der Weg hierher dennoch war.

Der dezente Duft der Pinienwälder leitet die Mountainbiker anfangs auf engen Schotterserpentinen steil hinab bis zu jenem Punkt, den Goulli die "vier Welten" nennt: Auf wenigen hundert Metern treffen hier Berge - Wälder - Dünen - und das Meer aufeinander. Nur Fischer wandern hierher - einen halben Tag lang - und schlafen in einfachen Palmhütten am Strand, weil ihre bevorzugte Beute in der Nacht besser beißt. Vor allem aber die gewaltigen Dünen - und das scheint Goulli ganz genau zu wissen - bescheren dem saharageilen Alpenländer dann selbst im üppig grünen Norden Afrikas die Illusion, es aus eigener Kraft bis in die Wüste geschafft zu haben.

Ein Nordkap nur für Radler

Apropos "der Norden Afrikas": Dass das Cap Blanc nur unweit von Bizerte als nördlichster Punkt des Kontinents noch nicht im ungeschriebenen Katalog für Superlativenerhascher steht, hängt wohl mit der schlechten Erreichbarkeit zusammen. Auf einem Mountainbike freilich, das hier außer Goulli noch niemand ernsthaft als tragfähiges Transportmittel thematisiert, kommt der willige Ökotourist wunderbar einfach hin.

Weniger Argwohn als vielmehr die reine Neugier ist es denn auch, die sogar die Aufmerksamkeit der Polizei erregt: Auf fast jedem Ausritt begleitet sie die Radler für ein paar Kilometer - nicht, weil diese Art der Fortbewegung aus irgendeinem Grund verboten wäre. Aber Europäer, die nicht im Mietwagen aus einem Resort kommen, sind einfach ziemlich interessant. Unangenehm ist die Begleitung dabei keineswegs, man fühlt sich vielmehr wie ein gut betreuter Profi auf der Tour de France, wechselt in der Sprache ebendieses Landes ein paar Worte, kauft dann gemeinsam Biogemüse beim Bauern unterwegs und verabschiedet sich wieder.

Outdoor-Aktivitäten aller Art, sollte man dazu nämlich wissen, erhalten hier noch den Segen von ganz oben. Sogar über den Tretbooten im alten Hafen von Bizerte grüßt Präsident Zine el Abidine Ben Ali vom Plakat und wünscht "Gute Fahrt". Bizerte selbst ist dabei ein mindestens so kosmopolitsches Winterquartier wie der Ichkeul - für schräge Vögel genauso wie für Radpioniere in Tunesien. (Sascha Aumüller/DER STANDARD/Printausgabe/13.11.2010)

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  • Bild nicht mehr verfügbar

    Dreimal wöchentlich fliegt die Tunis-air im Winter von Wien nach Tunis. Und solange die Mitnahme des eigenen Fahrrads so exotisch ist wie derzeit, gesteht die Airline Individualreisenden nun sogar zu, dieses kostenlos zu transportieren. Voraussetzung ist immer, dass die Kapazitäten vorhanden sind, was in der Nebensaison häufig zutrifft. Passagiere mit eigenem Rad sollten dies jedenfalls vorher telefonisch klären. Die Mitnahme von Rädern ist grundsätzlich auch für Gruppen möglich, hierbei sollte vorweg ein Arrangement vereinbart werden. Vom Flughafen Tunis verkehren auch öffentliche Busse nach Bizerte.

  • Bizerte 
ist derzeit noch ein relativ verschlafenes Städtchen - das könnte sich 
mit der Fertigstellung des gigantischen Yachthafens in zwei Jahren aber 
ändern. Die gehobene Hotellerie hat sich hier noch nicht ausgebreitet - 
ein zuverlässiger Tipp bleibt vorerst das Bizerta Resort. Mit seiner 
Lage direkt am Strand für ausgiebige Spaziergänge und einem Indoor-Pool 
ist es die ideale Basis für Radfahrer, die in der Nebensaison kommen. 
Die Preise sind dann angemessen - ein Doppelzimmer inklusive Frühstück 
ist ab 70 Euro zu haben. Praktisch: Im Hotelgebäude befindet sich 
die regionale Tourismuszentrale. 
Nur
 zwanzig Kilometer westlich von Bizerte wehrt sich die Küste noch gegen 
Resortbewuchs.Die natürliche Flora bleibt Radlern vorbehalten.
    foto: aumüller

    Bizerte ist derzeit noch ein relativ verschlafenes Städtchen - das könnte sich mit der Fertigstellung des gigantischen Yachthafens in zwei Jahren aber ändern. Die gehobene Hotellerie hat sich hier noch nicht ausgebreitet - ein zuverlässiger Tipp bleibt vorerst das Bizerta Resort. Mit seiner Lage direkt am Strand für ausgiebige Spaziergänge und einem Indoor-Pool ist es die ideale Basis für Radfahrer, die in der Nebensaison kommen. Die Preise sind dann angemessen - ein Doppelzimmer inklusive Frühstück ist ab 70 Euro zu haben. Praktisch: Im Hotelgebäude befindet sich die regionale Tourismuszentrale. 

    Nur zwanzig Kilometer westlich von Bizerte wehrt sich die Küste noch gegen Resortbewuchs.
    Die natürliche Flora bleibt Radlern vorbehalten.

  • Raouf Goulli steht ganz am Anfang seiner Tätigkeit als 
Radreiseveranstalter. Die Räder, die er zur Verfügung stellen kann, sind
 dementsprechend einfach. Materialschwächen macht er allerdings mit 
perfekter Ortskenntnis wett - seine Touren sind ausgesucht 
abwechslungsreich, oft ein wenig fordernd, aber immer abseits stark 
befahrener Straßen gewählt. Begleitet werden seine Kunden stets von 
einem kleinen motorisierten Versorgungstross. Derzeit kann er Touren für
 eine bis maximal sechs Personen anbieten.
Info: 
www.bizertaquads.com oder über das Tunesische Fremdenverkehrsamt.
    foto: www.bizertaquads.com

    Raouf Goulli steht ganz am Anfang seiner Tätigkeit als Radreiseveranstalter. Die Räder, die er zur Verfügung stellen kann, sind dementsprechend einfach. Materialschwächen macht er allerdings mit perfekter Ortskenntnis wett - seine Touren sind ausgesucht abwechslungsreich, oft ein wenig fordernd, aber immer abseits stark befahrener Straßen gewählt. Begleitet werden seine Kunden stets von einem kleinen motorisierten Versorgungstross. Derzeit kann er Touren für eine bis maximal sechs Personen anbieten.

    Info: www.bizertaquads.com oder über das Tunesische Fremdenverkehrsamt.

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