Wer den Fluss achtet, achtet auch seinen Nächsten

  • Ein verbindendes und verletzliches Lebewesen: Satellitenaufnahme der Donau in Südosteuropa. Die enge Stelle links markiert das Eiserne Tor an der rumänisch-serbischen Grenze.
    foto: nasa earth observatory

    Ein verbindendes und verletzliches Lebewesen: Satellitenaufnahme der Donau in Südosteuropa. Die enge Stelle links markiert das Eiserne Tor an der rumänisch-serbischen Grenze.

Die Donau ist ein Geschenk an die Menschen, die an ihren Ufern leben, und erlegt ihnen eine besondere Verantwortung auf

Ein Hotelzimmer mit Blick zum Wasser ist mir immer angenehm. Als ich mit fünf Jahren vom französischen Balkon des einstigen Budapester Hotels Hungária die Donau sah und das Königsschloss, empfand ich dies als wunderbar. Doch selbst im Dorf meiner Kindheit war das Flüsschen Berettyó bei Spaziergängen ein selbstverständliches Ziel. Und bei Hochwasser, wenn ich das mächtige Anschwellen des Flusslaufs beobachtete, dazu bekenne ich mich, erfüllte er mich mit Stolz.

Dieses Gefühl der Macht überkam mich seit meiner Gymnasiastenzeit auch als Einwohner von Budapest. An einem Flussufer müsse man leben, dachte ich mir bei meinen allmorgendlichen Spaziergängen entlang der Donau. Die Budapester verbinden mit der Donau der Liebe vergleichbare Empfindungen: glückliche und schreckliche Bilder, Gefahr und Wonne.

Die Donau trennt und verbindet an ihren Ufern verschiedene Länder und Völker, doch der Strom bleibt der gleiche, im oberen Flusslauf flink, im unteren dahinwogend, einem jeden gegenüber souverän. Man kann ihm Gewalt antun, doch darüber setzt er sich hinweg und verhängt früher oder später seine Strafe.

Rechts Wein, links Bier

Betrachten wir die mittlere Zone Europas nicht vertikal in Nordsüdrichtung, sondern horizontal von West nach Ost gehend, dann sehen wir die Donau vor uns, wie sie sich lang und immer gewaltiger werdend zwischen dem Schwarzwald und dem Schwarzen Meer erstreckt. Wenn also die in die Ferne schweifenden Augen am rechten Donauufer das Mittelmeer erblicken und zwischendurch als Symbol Weinberge, am linken Ufer aber die Ost- und die Nordsee, als Symbol Rapsfelder, wenn wir uns also um einer groben Vereinfachung willen hier dem Genuss von Wein und dort dem von Bier hingeben können, wenn wir am einen Ufer vor allem katholische und griechisch-orthodoxe Kirchtürme erblicken (die im letzten Balkankrieg von einer geschickten Artillerie mit Vorliebe in Schutt und Asche geschossen worden sind), am anderen Ufer in erster Linie Protestanten, wenn die Küche den verbreiteten Klischees zufolge auf der einen Seite geschmacklich kräftiger und auf der anderen puritanischer ist, wenn wir uns in Erinnerung rufen, dass der Norden und der Süden Europas im Dreißigjährigen Krieg, zu Beginn der Neuzeit, gegeneinander Krieg geführt haben, dann dürfte es nicht allzu mühselig sein, uns davon zu überzeugen, dass die Donau die Achse, die Hauptstraße des Kontinents ist, ein Friedensband zwischen Städten und Völkern.

Strom Mitteleuropas

Man könnte sagen, dass die Donau der Strom Mitteleuropas sei, die Hauptschlagader dieses bunten Gebiets. Er leitet unseren Unrat ab, mit dem wir ihn ziemlich belasten, und mit seinem Sowohl-Hiersein-als-auch-Dortsein lässt er ahnen, dass er nicht nur uns gehört, sondern auch anderen, oder aber, dass wir die Seinen sind, die Bürger der Donau.

Seevölker sind immer weltoffen, wir aber, Bayern, Österreicher, Ungarn und Serben, haben kein Meer. Für uns ist die Donau die Verheißung des Meeres. Über sie können wir zu fernen Gestaden gelangen; sie durchquert uns und löst unser Eingesperrtsein auf.

Große Lehrerin

Auch die sich Befeindenden und einander Hassenden lieben sie. Dadurch ist die Donau eine große Lehrerin. Denn wer von jedem geliebt wird, der gibt uns zu verstehen, dass wir vielleicht nicht einmal so weit voneinander entfernt sind, wenn uns gemeinsame Gefühle verbinden. Die Donau lächelt die Konflikte aus unserem Herzen hinweg, löst die Verkrampfung und verhilft uns zu der Erkenntnis, dass wir einander ähneln und die Liebe zu dem Strom in unser aller Interesse liegt. Deshalb gehört die Donau uns allen. Niemand kann ihr wirklich gebieten. Dass niemand gegen sie eine ökologische Verantwortungslosigkeit begeht und dass niemand derartiges von anderen duldet, liegt in der gemeinsamen Verantwortung.

Die Völker des Donautals bilden eine geopolitische Realität. Unser Hiersein ist kein Zufall. Von Asien kommend, haben die Ungarn auf der Suche nach einer Heimat hier haltgemacht und gesagt, dies hier sei ein guter Platz. Als sich die hier lebenden Völker zusammengeschlossen haben, gab es einen Donaustaat, eine Donaumonarchie, wie die Historiker das Habsburgerreich nennen. Und nun - nach schrecklich vielen Erschütterungen - sind wir im vereinten Europa angekommen, in der Europäischen Union, auf dem Weg zu einer sich ihrer selbst bewussten Donauregion, die durch den freien Willen der Völker und nicht dynastische Vorstellungen geformt wird.

Donauvölker

Ein dynastischer Staat vermochte die Donauvölker auf längere Sicht nicht zusammenzuhalten. Viel Wasser musste die Donau hinabfließen, während Wachtürme die Kontakte zwischen den Bürgern behinderten und bevor wir endlich unter eine gemeinsame politische Souveränität gelangt sind, denn nun sind schon alle Donauanrainerstaaten mit der Europäischen Union verbunden, der ersten freien Assoziation auf dem europäischen Kontinent.

Die nationalen Grenzen haben die Menschen der Donauregion künstlich voneinander getrennt und tun dies noch immer. Dass die Donau von West nach Ost fließt, Waren, Denk- und Handlungsmuster transportiert, nehmen wir zur Kenntnis. Das war so schon in der bisherigen Geschichte und ist auch heute nicht anders. Doch noch so einen internationalen Strom, der so viele Völker und Kulturen miteinander verbindet, gibt es nicht.

Im Großen und Ganzen leben wir in ziemlich verschiedenen Kulturen unter ähnlichen Naturgegebenheiten. Doch eine Deutung dieser Unterschiedlichkeit im Sinne der Nationalstaaten würde nicht der Realität entsprechen. Auch die Donau schafft Gemeinsamkeiten zwischen uns, durch die staatliche Unterscheidungen weggespült werden, zumal wir uns ja auch von den eigenen Staaten unterscheiden.

Sauberes Trinkwasser, dessentwegen unsere Vorfahren sich hier angesiedelt haben, ist ein gemeinsames Interesse aller Donaubürger. Dass eine Donauföderation über die Donau zu entscheiden hat, ist eine begründete Vorstellung. Ein einzelner Staat darf im Bereich seiner Souveränität nicht über wesentliche den Fluss betreffende Veränderungen Entscheidungen treffen. Nur der gemeinsamen Verantwortung und der öffentlichen Meinung stehen Kompetenzen in den Angelegenheiten der Donau zu. Es gilt die Donau vor uns selbst zu schützen, damit wir mit ihren Gaben keinen Missbrauch treiben.

Ewiges Symbol

Der Fluss ist ein ewiges Symbol, ein weises und mütterliches Element, Nahrung und Offenheit bietend. Schiffe schwammen auf ihm und Leichen. Er ist immer derselbe, immer anders. Wahrscheinlich ist es jenes heraklitische Paradoxon, das dem Betrachter des Flusses jenes Erlebnis vermittelt, dass der Fluss alles wisse, alles schon gesehen habe, denn er bewegt sich zwar innerhalb eines einzigen Augenblicks weiter, dennoch zieht er seit Menschengedenken vorüber.

Sowohl die Industriegesellschaft hatte ihre Art, den Fluss zu nutzen wie auch die Wissensgesellschaft, die der Freizeit Würde verleiht. Die am Flussufer gelegene Wohnung besitzt einen höheren Wert; die Donau ist ein riesiger Schatz. Schwimmbäder, Sportplätze, Bootshäuser und Anlegestege, schwimmende Restaurants, Caféterrassen und Vergnügungsschiffe können die schillernde und trübe Wasseroberfläche mit lustigen Farben überziehen.

Brücke als erstes Kriegsopfer

Vom Ufer aus oder vom Rand des in das Eis gehauenen Lochs kann man Menschen ins Wasser hineinschießen, so dass der Leichnam und dessen mörderisches Spiegelbild in unbekannte Ferne hinweggetragen werden. Man kann den Schmutz hineinlassen, man kann den Fluss erniedrigen. Wenn wir Menschen schlechten Umgang miteinander pflegen, wenn wir versuchen, uns wechselseitig niederzumetzeln, dann stürzen die Brücken ein. Das erste Opfer des Krieges ist die Brücke. Und man kann aus dem unschuldigen Strom einen Grenzfluss machen, man kann damit Städte teilen, so dass man nicht ruhig übersetzen und über die Brücke oder auf der Fähre zurückkehren kann.

Wer den Fluss achtet, der achtet auch seinen Nächsten. Man kann die Donau heilen und auch pflegen, sie mit anderen Flussnetzen verbinden, man kann darin schwimmen, Boot fahren und darauf reisen, man kann sich in Gesellschaft der Donau meditativer Ruhe überlassen, man kann vom Ufer aus die hierher und weiter schwimmenden Schiffe beobachten, und man kann, von den Steinstufen ins Wasser blickend, jemandem seine Liebe gestehen und an unsere Toten denken. (György Konrád/DER STANDARD-Printausgabe, 16.11.2010)

Leicht gekürzter Text der Rede, die der ungarische Schriftsteller György Konrád bei der diesjährigen Generalversammlung des Instituts für den Donauraum und Mitteleuropa (IDM) in Tulln hielt. Aus dem Ungarischen von Hans-Henning Paetzke.

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