Die Schönheit der großen und kleinen Leiden

15. November 2010, 17:12
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Zum 30. Todestag des Soulsängers O. V. Wright

Wien - Im Ghetto war er ein Star. Im Reich der Unterprivilegierten und Ausgegrenzten verstand man ihn, konnte die Gefühle nachvollziehen, die O. V. Wright so eindringlich, oft silbenweise portioniert, kredenzte. Egal ob ihn Liebesleid schmerzte oder jenes Unrecht, das die US-amerikanische Bürgerrechtsbewegung zeitgleich bekämpfte, O. V. Wright war eine Autorität der Emotionen - Overton Vertis Wright war einer der größten Soulsänger aller Zeiten.

Für eine Karriere außerhalb der afroamerikanischen Gemeinde reichte es dennoch kaum. Zwar nistete sich der am 9. Oktober 1939 in Tennessee geborene Sänger wie ein Stammgast in den Rhythm-'n'-Blues-Charts der 1960er-Jahre ein. Aber das Mainstream-Amerika war für seine Intensität noch nicht bereit.

Dieses gewöhnte sich gerade erst an den glattpolierten, auf den weißen Teenager-Markt zielenden Pop-Soul des Detroiter Labels Motown. Selbst die Chance einer nachgereichten Gerechtigkeit sollte sich nicht ergeben. Heute vor 30 Jahren, am 16. November 1980, starb Wright in einem Krankenwagen auf dem Weg ins Spital an einem Herzinfarkt.

Begonnen hat seine Karriere wie so viele im Soul: Wright sang Gospel. Mit den Sunset Travelers nahm er einige Singles auf, 1964 seine erste weltliche: That's How Strong My Love Is, das Otis Redding oder die Rolling Stones nachspielen sollten. In die Weltlichkeit entführt hatte ihn Roosevelt Jamison, der auch James Carr entdeckt hat, einen nicht weniger eindrucksvollen Sänger, dem größerer Erfolg aus denselben Gründen verwehrt blieb wie Wright.

Dieser nahm in Folge dutzende Singles für das Backbeat-Label auf, die auf Alben wie Only For Tonight, The Nucleus Of Soul oder 8 Men and 4 Women zusammengefasst wurden. Zu jener Zeit traf er Willie Mitchell, der Wright produzierte und ihm bis zu seinem Ende ein Freund bleiben sollte.

Mitchell gelang mit Al Green später jener Welterfolg, für den Wright zu intensiv war. Doch gerade diese Spannung ist es, die Wrights Musik auszeichnet: Mitchells elegante, sanft federnde Produktion, in die O. V. seinen erschütternden Gesang einbettete. Einige Meilensteine des Genres wie Ace Of Spade, A Nickel And A Nail oder Don't Let My Baby Ride sind in diesem Spannungsfeld entstanden.

In den 1970ern nahm Wright dann eine unfreiwillige Auszeit. Drogenkriminalität brachte den Brillenträger, den manche deshalb als "too ugly to tour" einschätzten, hinter Gitter. Wieder frei, veröffentlichte er auf Willie Mitchells Label Hi Records drei Studioalben und ein Live-Album.

Darauf lässt sich der Abstieg des Sängers nachvollziehen. Das Album Into Something I Can't Shake Loose (1977) zeigt ihn noch stattlich bis pummelig, ein Jahr später wirkt er auf The Bottom Line schmal und ausgemergelt.

Es heißt, seine Drogensucht hätte ihn einige Zähne gekostet, und man vermeint das in einigen Stücken auch zu hören. Zudem verdrängte der Disco-Sound die Soul-Music und tat so das seine, um Wright zu marginalisieren. Der ging zurück zu seinen Wurzeln und nahm mit den Luckett Brothers ein Gospel-Album auf, seine letzte Arbeit.

Neue Pilgerstätte in Memphis

Als Wright 41-jährig starb, reichte es nicht einmal für einen Grabstein. Posthum jedoch entdeckte eine globale Soul-Community die Einzigartigkeit seiner Kunst, die HipHop-Kultur verdankt ihm und Mitchell einige der schärfsten Samples, heute gilt er als "Boss of Southern Soul", Ausnahmesänger wie Mark Lanegan interpretieren seine Stücke und erwecken so Interesse an ihm.

Erst im Vorjahr sammelte ein O. V. Wright Memorial Fund mithilfe seiner Fans genug Geld, um den Mann wenigstens mit einem Grabstein zu würdigen - in den Galilee Memorial Gardens, einem Friedhof in Memphis. Damit ist diese Wiege der Popmusik um eine Pilgerstätte reicher, wurde diesem Mann im Schatten bescheiden jene Erinnerung zuteil, die er und seine Musik verdient. (Karl Fluch, DER STANDARD - Printausgabe, 16. November 2010)

  • Autorität der Gefühle: O. V. Wright starb vor 30 Jahren.
    foto: backbeat records

    Autorität der Gefühle: O. V. Wright starb vor 30 Jahren.

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