"Mathematik ist nicht einfach eine Intelligenzfrage"

26. November 2010, 07:29
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Bildungswissenschafter Eberle über Studierfähigkeit von Maturanten, ihre "vertiefte gesellschaftliche Reife" und über starre Strukturen an Schulen

"Ich bin der festen Überzeugung, dass eine Grund für die Abbrüche fehlende Kompetenzen in den Bereichen Mathematik und Erstsprache sind", sagt Franz Eberle, Professor für Gymnasialpädagogik am Züricher Hochschulinstitut für Schulpädagogik und Fachdidaktik zur hohen Drop-Out-Rate an den Universitäten. Über die Studierfähigkeit von MaturantInnen, ihre gesellschaftliche Reife und das unbeliebte Fach Mathematik sprach er mit Katrin Burgstaller.

derStandard.at: Sie haben die Studierfähigkeit der Schweizer Maturanten untersucht. Welche Mängel haben Sie festgestellt?

Eberle: Zuerst das Positive: Der größte Teil der Schweizer Maturanten ist in unserer Einschätzung allgemein studierfähig.
Zu den Mängeln: In Mathematik und in der Erstsprache gibt es Maturanten, die über ungenügende Kompetenzen verfügen. Durch die Kompensationsmöglichkeit, die es in der Schweiz gibt, kann man das Fach Mathematik beispielsweise innerlich abwählen. 24 Prozent der Mathematik-Maturanoten waren in der Schweiz 2007 ungenügend. Diese Studenten erhalten trotzdem die allgemeine Zugangsberechtigung, haben aber später an der Universität in vielen Fächern große Probleme. (Anm.: Die Kompensationsmöglichkeit ist in der Schweiz für beliebige Fächer möglich. So kann man etwa eine negative Bewertung in Mathematik durch eine sehr gute Leistung in Deutsch wett machen.)

derStandard.at: Warum ist gerade das Fach Mathematik so unbeliebt?

Eberle: Mathematik wird als schwierig empfunden und ist didaktisch besonders anspruchsvoll. Es gibt viele ausgezeichnete Mathematiklehrer, aber es gibt auch viele, die ihre Didaktik noch verbessern könnten. Mathematik ist nicht einfach eine Intelligenzfrage, sondern durch langes, systematisches damit Befassen, stellen sich die Erfolgserlebnisse ein. Motivation muss über guten, individuell angepassten Unterricht geschehen.

Wenn man in Mathematik einmal ungenügend ist, wirkt sich das sehr schnell auf das mathematische Selbstkonzept aus. Es ist schwierig, hier innerhalb von kurzer Zeit wieder herauszufinden. Es braucht eine über längere Zeit andauernde angeleitete Anstrengung. Diese Anstrengung ist dann gerade in Mathematik besonders hoch.

derStandard.at: Was verstehen Sie unter Studierfähigkeit? Welches Rüstzeug braucht man, um an einer Universität erfolgreich zu sein?

Eberle: Es braucht eine ganze Reihe von fachlichem Eingangswissen. Aktive und passive Sprachkompetenz, Verstehenskompetenz und Mithörkompetenz auf einem sehr hohen Niveau sind unabdingbare Voraussetzungen für alle Studien – das auch in Englisch. Für sehr viele Universitätsfächer ist es wichtig, mit der mathematischen Formalsprache arbeiten zu können. Jedes Studienfach setzt in seinem Bereich noch eine spezifische Grundlage voraus.

Es gibt auch eine ganze Palette von überfachlichen Kompetenzen: Zum Beispiel die allgemeine kognitive Leistungsfähigkeit, besonders gutes analytisches und schlussfolgerndes Denken, Verfügbarkeit von Lern- und Prüfungstechniken, Arbeitstechniken zur Informationssuche und Ressourcennutzung. Auch Informatikbenutzerkompetenzen sind heutzutage sehr wichtig. Wichtig sind aber auch persönliche Kompetenzen, wie zum Beispiel das Zeitmanagement. Darüber hinaus muss man motiviert und interessiert sein.

derStandard.at: Wie kann man Soft-Skills wie zum Beispiel das Zeitmanagement in der Schule lernen?

Eberle: Diese Soft-Skills könnte man vermitteln, indem man verstärkt das selbstorganisierte Lernen fördert. Zum Studienbeginn ist man in diesem Bereich meist noch nicht perfekt studierfähig. Das Gymnasium könnte durch universitätsähnliche Unterrichtsformate behutsam an die Universität heranführen. Das wird in der Schweiz etwa in Form der Maturaarbeit auch gemacht.

derStandard.at: In der Universität sind etwa Kritikfähigkeit und die Fähigkeit zur Diskussion gefordert. Ist das nicht ein Widerspruch zu den oft starren, autoritären Schulstrukuren?

Eberle: Auf den traditionellen Unterricht trifft das zu. Aber das Gymnasium ist in Bewegung. Die Didaktik macht schon lange Vorschläge, wie man den Frontalunterricht aufweichen könnte. Im Kanton Zürich gibt es etwa ein großes Projekt zum selbstorganisierten Lernen.

derStandard.at: Sie sehen die "vertiefte gesellschaftliche Reife" als ein Ziel der Matura. Was verstehen Sie darunter?

Eberle: Ich habe im Bild eine Person, die beteiligt ist an Entscheidungen, die auch gesamtgesellschaftliche Auswirkungen haben. Sie soll vorbereitet sein, auf die Lösung anspruchsvoller Aufgaben in der Gesellschaft. Man muss Kulturverständnis und ein Geschichtsbewusstsein haben. Wenn es um eine politische Vorlage geht, muss man diese verstehen können. Dazu braucht es Wissen und Können aus vielen Fachbereichen. Jedes Fach im Gymnasium kann etwas zur vertieften Gesellschaftsreife beitragen.

derStandard.at: Weit verbreitet ist die Meinung, dass Schüler früher lernwilliger und fleißiger waren. Sehen Sie das auch so?

Eberle: Es gibt keine Längsschnittstudien dazu. Aber ich glaube nicht, dass die Schüler früher lernwilliger und fleißiger waren. Ich glaube, dass man sich häufig an einem idealisierten Bild der Vergangenheit orientiert. Die negativen Aspekte werden wahrscheinlich häufig ausgeblendet. Ich begegne vielen wirklich interessierten, lernwilligen jungen Leuten, die etwas aus ihrem Leben machen wollen.

derStandard.at: Sie sehen die nicht ausreichende Studierfähigkeit als einen Grund für hohe Drop-Out-Quoten an den Universitäten?

Eberle: Es ist noch wenig untersucht, aber ich bin der festen Überzeugung, dass ein Grund für die Abbrüche fehlende Kompetenzen in den Bereichen Mathematik und Erstsprache sind. An der juristischen Fakultät, so hat mir ein Dozent berichtet, ist es etwa ein Problem, dass sich viele Studierende nicht ausreichend in der Erstsprache ausdrücken können. In den Wirtschaftswissenschaften sind es die fehlenden mathematischen Kompetenzen, die dafür ausschlaggebend sind, dass die Studierenden bei den Prüfungen durchfallen. Wir werden diese Zusammenhänge in einer Folgestudie genauer untersuchen. (Katrin Burgstaller, 26. November 2010, derStandard.at)

FRANZ EBERLE, geboren 1955 in Flums, ist Professor am Institut für Gymnasial- und Berufspädagogik der Universität Zürich.

  •  "Jedes Fach im Gymnasium kann etwas zur vertieften Gesellschaftsreife 
beitragen", sagt Franz Eberle, Professor am Institut für Gymnasial- und Berufspädagogik der Universität
 Zürich.
    foto: derstandard.at/burg

    "Jedes Fach im Gymnasium kann etwas zur vertieften Gesellschaftsreife beitragen", sagt Franz Eberle, Professor am Institut für Gymnasial- und Berufspädagogik der Universität Zürich.

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