Ende einer Beziehung

15. November 2010, 12:38
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Notizen zum Vorwurf des Antisemitismus gegen Jean-Luc Godard - Von Bert Rebhandl

Dass Jean-Luc Godard zur Verleihung eines "Ehren-Oscars" durch die amerikanische Academy of Motion Pictures Arts and Sciences nicht erscheinen würde, war wohl von vornherein anzunehmen gewesen. Bei der Zeremonie am Samstag, bei der auch der Schauspieler Eli Wallach, der Filmhistoriker Kevin Brownlow und vor allem der Regisseur und Produzent Francis Ford Coppola geehrt wurden, gab es keine besonderen Vorkommnisse. Im Vorfeld gab es allerdings verschiedentlich Proteste jüdischer Gruppen, die Godard vorwarfen, er wäre ein Antisemit und/oder ein Gegner des Staates Israel. Zur Begründung dieses Vorwurfs dienten in erster Linie anekdotisches Material und einzelne Zitate. Prominent wurde dabei noch einmal das Schimpfwort "dreckiger Jude" genannt, mit dem Godard den Produzenten Pierre Braunberger bezeichnet hat. Darüber hinaus wurde vor allem ein Satz öffentlich, den Alain Fleischer am Rande eines Interviews mitgehört hat, das Godard mit dem französischen Kritikern Jean Narboni geführt hat. Dieser eminent geschichtspolitische Satz lautet auf Französisch: "Les attentats-suicides des Palestiniens pour parvenir à faire exister un Etat palestinien ressemblent en fin de compte à ce que firent les juifs en se laissant conduire comme des moutons et exterminer dans les chambres à gaz, se sacrifiant ainsi pour parvenir à faire exister l’Etat d’Israël." ("Die Selbstmordattentate der Palästinenser, die einen palästinensischen Staat herbeiführen sollen, gleichen in letzter Instanz dem, was die Juden einst taten, als sie sich wie Lämmer in die Gaskammern führen ließen und sich so für die kommende Existenz des Staates Israel opferten.")

Die allgemeine Frage nach Godards Antisemitismus bzw. Antizionismus ist zu umfangreich, um sie hier auch nur in Ansätzen beantworten zu können. Deswegen beginnen wir einfach einmal mit ein wenig Quellenarbeit. Wo sind die Inhalte dieser Vorwürfe eigentlich dokumentiert, und welchen Status haben sie?

Der Ausdruck "dreckiger Jude" in Hinsicht auf Braunberger ist in den USA wohl vermutlich durch Richard Brodys Werkbiografie "Everything is Cinema. The Working Life of Jean-Luc Godard" (2008) bekannt geworden. Dort wird auf Seite 144 in einer Klammer auf das Ende der Beziehung zwischen Godard und Braunberger verwiesen: "The relationship ended badly; several years later (nach 1962, B.R.), in the midst of a dispute, Godard called Braunberger a 'dirty jew'’, an insult that Braunberger said he could never forgive." Als Beleg führt Brody einen undatieren Brief von Braunberger an Francois Truffaut aus dem Jahr 1968 an, der auf Seite 387 der französischen Ausgabe der Correspondance abgedruckt ist (in der deutschen Ausgabe der Briefe Truffauts finde ich davon nichts). Der französische Ausdruck ist "un sale juif".

Der von Alain Fleischer zitierte Satz (hier ein guter Text dazu) findet sich in dessen Buch "Courts-Circuits" (2009), einem an sich fiktionalen Werk, in dem aber auch Momente auftauchen, die sich auf die Produktion des DVD "Morecaux de conversations avec Jean-Luc Godard" beziehen, die Fleischer ebenfalls 2009 herausgab. Die Provokation, die in diesem Satz steckt, ist eine vielfache. Erstens setzt Godard die „"Selbstmordattentate der Palästinenser" mit der Shoah gleich, genauer gesagt damit, dass "die Juden sich wie die Schafe" in die Vernichtung in den Gaskammern führen ließen, zweitens stellt er beides in den parallelisierenden Zusammenhang der Etablierung eines Staatswesens, das durch die Opfer erst legitimiert und möglich wurde (bzw. werden soll), drittens verwendet er dabei in hohem Maß besetztes Vokabular (das "wie die Schafe" ist ein Leitmotiv zahlreicher Nachkriegskontroversen über die Shoah und den Zionismus von Hannah Arendt bis Claude Lanzmann).

Wie gesagt, hier soll und kann diese Frage nicht geklärt werden, es geht vorerst nur einmal darum, die Vorwürfe zu sichten. Als ergänzende Notiz empfiehlt sich der Verweis auf einen Text von Bernard-Henry Lévy, der auf der französische Seite La Règle du Jeu vor einem halben Jahr, also vor der aktuellen Kontroverse, einen Artikel zum Thema geschrieben hat, der viele bemerkenswerte Informationen enthält, von denen die interessanteste vielleicht die ist, dass Godard 2006 gemeinsam mit Levy ein Projekt hatte, das den Titel "Terre promise" (Gelobtes Land) trug und in dem es um eine Reise nach Israel gehen sollte. Es scheiterte vor allem daran, dass Godard noch einen dritten Namen ins Gespräch brachte, mit dem Lévy nichts zu tun haben wollte: Tariq Ramadan. (Hier die Wikipedia-Informationen über diese unter Muslimen wie Islamkritikern heftig umstrittene Figur.)

Insgesamt kommt Lévy zu dem wohl einzig möglichen Schluss: Godard "Antisemitismus" ist "complexe, contradictoire, ambigu" ("komplex, widersprüchlich, ambivalent"). Wir werden dieses Thema vertiefen.

CARGO - Film Medien Kultur ist ein Magazin und eine Website. derStandard.at/Kultur bringt in unregelmäßiger Folge Beiträge aus der Cargo-Redaktion.

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    Jean-Luc Godard

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