Der Schriftsteller als Architekt

15. November 2010, 16:55
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2012 wäre Max Frisch 100 geworden. Eine Ausstellung in Zürich erinnert an seine Bauten

Max Frisch freute sich. "Endlich ein Skelett", notiert er in seinem Tagebuch. Auf den archäologischen Fund wartete er schon lange. Aber nicht als Literat, sondern als Bauherr des Freibads Letzigraben. Vor seiner Karriere als Schriftsteller war Max Frisch Architekt. Das öffentliche Schwimmbad in Albisrieden, einem traditionellen Arbeiterbezirk in Zürich, ist sein einziger großer Bau. Die Baustelle befand sich auf dem Gelände, wo bis 1831 der Galgen von Zürich stand. Die Exekutierten wurden an Ort und Stelle ohne Begräbnis verscharrt. Die Wahrscheinlichkeit deren sterbliche Überreste zu finden, war hoch.

An diese schaurige Zeit erinnert aber nichts mehr. Eingefasst von der Edelweissstrasse und dem Schneeglöggliweg steht vor dem Eingang zum Bad ein Wasserspeier. Dieser weckt sofort Schwimmbadgefühle, weil hier gleichzeitig drei Menschen an einem heißen Sommertag ihren Durst löschen können. Auch hinter dem Drehkreuz geht es erhitzt weiter, denn die an einem Sockel lehnende Männerstatue begrüßt ohne Kleidung die Badegäste, nur spärlich von Schilf verdeckt.

Die Züricher lieben das Schwimmen und ihre Bäder. "Wer unsere Stadt besucht und gerne schwimmt, sollte unbedingt drei Badeerlebnisse genießen: Ein Seebad, ein Flussbad und das Parkbad von Max Frisch", sagt Roland Schmid. Der Kommunikationsleiter eines Touristikunternehmens besucht seit 20 Jahren das Bad Letzigraben. "Bei den harmonisch angelegten Pools in der wunderschön gewachsenen Parkanlage merkt man, dass hier jemand mit einem besonderen ästhetischen Empfinden gebaut hat", so Schmid.

Nach dem Eingang läuft der Badegast parallel zu zwei Gebäudezeilen, die sanft zwischen Bäumen und Sträuchern eingebettet sind. Hier kann er sich umziehen. In einem Abschnitt der Sammelgarderobe unterhält das Max Frisch-Archiv eine Dauerausstellung, in der Dokumente über den Bau des Bades gezeigt werden.

1942 schrieb die Stadt Zürich einen Wettbewerb für den Bau des Schwimmbads aus. Ein junger Mann, eben erst mit dem Diplom der Technischen Hochschule versehen, ging unter 65 Mitbewerbern als Sieger hervor. Der junge Mann hieß Max Frisch. Durch den Krieg konnte aber erst 1947 mit dem Bau begonnen werden. Der Architekt vermerkt dazu in seinem Tagebuch: "Die ersten Arbeiter sind auf dem Platz; ihre braunen Rücken glänzen von Schweiß und um die Baracke, wo unsere Pläne warten, wimmelt es von leeren Bierflaschen." Sogar Bertolt Brecht war einmal zu Besuch auf der Baustelle. Mehr als zwei Stunden sollen sie über das Gelände gestapft sein, weil Bertolt Brecht wissbegierig viele Fragen stellte, vermerkt Max Frisch in seinem Tagebuch.

Heute präsentiert sich die mehr als 4000 Personen fassende Anlage nach einer Renovierung im Jahr 2006 wieder in jenem Zustand, wie sie Max Frisch geplant und gebaut hatte. So findet der Badegast nach den Garderoben drei große, in der Form teilweise geschwungene Wasserbecken vor. Sowohl für Freizeitschwimmer oder Nichtschwimmer als auch für Sportschwimmer ist etwas dabei. An den Grenzen des Grundstücks ordnete Max Frisch niedrige Gebäude aus Holz, Stahl und Glas an, sodass in der Mitte eine große Freifläche entstand. Damit verfängt sich der Blick des Badegastes unwillkürlich am einzigen vertikalen Akzent, dem Zehn-Meter-Sprungturm aus Beton. Auf diesen war Max Frisch sehr stolz, war er doch der erste in der Schweiz.

An der höchsten Stelle des Freibads steht ein zweistöckiger Pavillon aus Holz . Über einen Zierteich führt eine Freitreppe auf die Sonnenterrasse im oberen Teil des vieleckigen Gebäudes. Dort lässt sich fein speisen. "Hatten wir einen hektischen Tag, sitzen wir gerne abends auf der Terrasse im romantischen Restaurant. Wir genießen beim Blick auf die Parkanlage die Karte mit Sommerspezialitäten und ein Glas Wein", sagt Roland Schmid.

Nächstes Jahr wäre Max Frisch 100 Jahre alt geworden. Zu diesem Anlass plant das Max Frisch-Archiv im Schwimmbad eine Fotoausstellung und mehrere Freilichtaufführungen der Komödie "Don Juan oder die Liebe zur Geometrie". Max Frisch arbeitete noch bis 1955 als Architekt. Dann feierte er mit seinem Roman "Stiller" den Durchbruch als Schriftsteller und verkaufte das Büro. Mit Fragen der Architektur setzte sich Max Frisch aber weiterhin, auch in seinem literarischen Werk, auseinander. (Peter Fuchs/DER STANDARD/Printausgabe/13.11.2010)

Max-Frisch-Bad Letzigraben Edelweissstraße 5, 8048 Zürich: www.badi-info.ch/letzi.html Aktivitäten des Max Frisch- Archivs zum Jubiläum: www.mfa.ethz.ch/de/ueber-uns/jubilaeum.html

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  • Max Frisch arbeitete bis zu seinem literarischen Durchbruch als 
Architekt und schuf u. a. diesen Pavillon in Zürich.
    foto: sportamt zürich

    Max Frisch arbeitete bis zu seinem literarischen Durchbruch als Architekt und schuf u. a. diesen Pavillon in Zürich.

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