In Vorarlberg lernen Eltern mit Migrationshintergrund in Kursen, wie man Kindern Lust auf Mehrsprachigkeit machen kann
Dornbirn - In Meldeämtern, in Beratungsstellen und Arztpraxen leuchten knallbunte Hefte aus den Regalen. "Sprich mit mir und hör mir zu!", prangt auf der Umschlagseite, Untertitel: "12 Anregungen, wie wir unsere Kinder beim Sprechenlernen unterstützen können". Die Handbücher, erarbeitet von "okay.zusammen leben", der Projektstelle für Zuwanderung und Integration, wurden im Rahmen des Programms "Mehr Sprache" in sechs Sprachen aufgelegt und gehen weg wie die sprichwörtlichen warmen Semmel: 19.000 fanden schon im ersten Jahr Absatz.
Den Erfolg erklärt sich die Kindergartenpädagogin Gerlinde Sammer, Mitautorin des Elternratgebers, mit dem niederschwelligen Ansatz. "Wir vermitteln, dass man zur Sprachförderung weder teure Spiele noch akademisches Wissen braucht, sondern sich Zeit für das Kind nehmen sollte." Reime, Kinderlieder, Märchen, Geschichten in der Herzenssprache, jener Sprache, die der jeweilige Elternteil am besten kann, sollen den Kindern "den Sprachschatz erschließen". Zu erkennen, dass bereits das Reden mit dem Baby Sprachförderung ist, sei ein "Aha-Erlebnis", sagt Sammer. Das Wissen um die Wichtigkeit des Sprechens mit dem Kind fehle aber nicht nur Müttern mit Migrationshintergrund: "Die Spracharmut wird allgemein immer größer." Fernseher und Computerspiele ersetzten den verbalen Austausch in Familien.
Unsicherheit nehmen
In Elternseminaren bekommen Mütter und Väter Anregungen, wie sie den Spracherwerb ihrer Kinder spielerisch fördern können. Seminarleiterin Saniye Sarpai, Hauptschullehrerin für Englisch und Geschichte: "Wichtig ist, den Eltern die Unsicherheit zu nehmen. Mütter, die nicht gut Deutsch sprechen, sind erleichtert, wenn man ihnen sagt, sie dürfen ihre Muttersprache sprechen." Einschränkung: "Sie sollen sich nicht nur die einfache Alltagssprache verwenden, sondern den Kindern über Märchenbücher, Gedichte, Lieder neue Sprachwelten erschließen." Unabdingbar für den Erwerb der Zweitsprache sei der Kontakt zu Deutsch sprechenden Kindern.
Die zwölfstündigen Kurse werden in Kooperation mit der Volkshochschule Götzis angeboten, und von den Gemeinden umgesetzt. In den meisten Orten sind sie gratis. Das Elternbildungsprogramm wurde mit dem Europäischen Spracheninnovationssiegel ESIS 2010 ausgezeichnet. Nachahmung ist ausdrücklich erwünscht: Die Textlizenzen für die Handbücher können erworben werden. Tirol und Luzern haben sie bereits angekauft. (Jutta Berger/DER STANDARD-Printausgabe, 15.11.2010)