Trüffel vom Tennisplatz

    16. November 2010, 16:25
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    Harald Fidler holt sich blutige Nieren und große Leber zwischen Hietzing und City, praktisch von Gerer zu Gerer

    Schön ist anders, hier wie dort. Und hier wie dort einst beste beziehungsweise erste Männer von Kochlegende Reinhard Gerer, liest man hier wie dort. Seit ich Gerers Kutteln kostete, weiß ich, wie Legenden entstehen können. Beginnen wir in der Peripherie.

    Bisher kannte ich OTC ja nur als Fachbegriff für rezeptfreie Medikamente. Aber man lernt nie aus, das Kürzel steht auch für Ober St. Veiter Tennis Club. Das wiederum sollte man sich merken, auch wenn man nicht Tennis spielt. Falls man doch mal in der Gegend ist, empfiehlt sich ein Abstecher in die Kantine dieses Clubs. Schön ist an der halt nur der Ausblick von der Terrasse. Und die Ergebnisse der Küche. Deretwegen sind wir hier. 

    Ah ja, Trüffel gibts auch noch

    Alexander Müller, an sich Bauunternehmer mit spätem Kulinarikstudium by doing bei der Legende, kocht hier seit ein paar Monaten. "Gerers bester Mann" titelte Herr Holzer euphorisch. Ich muss gleich einwenden, seine Hymne auf die geröstete Leber hat meine Erwartungen in etwas zu lichte Höhen geschraubt, aber sehr gut war sie schon. Die glacierte Kalbsleber gegenüber machte auch Freude.

    Aber der Reihe nach: Müller und seine eindrucksvolle Kochmütze setzen sich her und erzählen, was es so gibt. Linguini mit Kräuterseitlingen zum Beispiel, schon genommen, sehr, sehr schön. Ah ja, mit Albatrüffel hat er sie natürlich auch, fällt ihm etwas später ein. Der Punkt geht an meinen Mitesser. 25 Euro für die Stinkknolle, fairer Preis, faire Menge, faire Qualität, würde ich Universaldilettant sagen. Und dann halt die Lebern. Dreierlei.

    Ah ja, die Gansleber

    "Hat er gesagt, dass es Gansleber gibt?", fragte Frau Oberin nach unserer Order. Nein, aber als Zwischengericht passt die schon noch zwischen Nudeln und die anderen Entgiftungsorgane. Leider haben wir nicht gefragt, ob Stopfleber oder eh nett (un)behandelt wie letztens an der Tullner Sonne. Hier also: Genießen mit schlechtem Gewissen. Herr Hilberg, der alte Gänsequäler, würde hier wohl nur milde lächeln.

    Nächste Station 1010. "Das wäre doch was für dich!", hatte mir Herr Corti nachgerufen, und das Banzai der Schmeck's-Belegschaft: "Innereien!" Und schon wieder Gerer: Josef Hohensinn, laut Corti lange erster Mann (und Profi) bei Gerer, bekocht ja jetzt das ehemalige Weibel 3. Nur für den Fall, dass Sie diese Folge ausgelassen haben: Über Hohensinn hat Schmeck's schon im Marktachterl gejubelt. Da können wir nahtlos anschließen im Wein in the City (an dem Namen und am übernommenen Ambiente könnte man vielleicht noch arbeiten).

    Oh ja, die Niere

    Kübelspeck aus Hohensinns oberösterreichischer Heimat als Unterlage und Küchengruß, das fängt ja gut an. Weinbergschnecken in Kräuterbutter, sehr klassisch, sehr zart, vor allem: sehr gut. Und weil ich nicht nein sagen kann auf die Frage, ob ich - mit einem anderen Tisch - die Kalbsniere vielleicht im Ganzen gebraten mag, und wohl auch, weil ich mit meiner Fotografiererei schon wieder als Gastropaparazzo auffalle, gibts noch einen kleinen Zwischengang: paniertes Jungkitz aus der Steiermark mit kräftigem Erdäpfelsalat und gegenüber ein Gurkensüppchen zur Überbrückung der Strecke zwischen Fenchelsalat und Paradeisrisotto.

    Bei mir wäre die Gefahr ja nicht so groß gewesen, bis zur Niere zu verhungern - ich hatte ja noch schmucke Kutteln in Barolo mit weißen Bohnen bestellt. Wie vieles hier beherzt gewürzt, in dem Fall spielte Chili eine tragende Rolle. Soll mir nichts Schlimmeres widerfahren. Und dann die Nieren. Zwei fette Scheiben, zart und blutig. Yeah. Wobei mir einfiel, dass ich  Dilettant einst dem Weißen Adler Unrecht tat mit den mir damals allzu blutigen Nieren. Sorry dafür, ich hoffe, ich habe nicht zu seinem (vorläufigen?) Ende  beigetragen.

    Und jetzt fällt mir ein, was ich unter Hohensinns Tagestipps vergessen habe: Bruckfleisch. Verdammt. Wie konnte das passieren? Ich fürchte, ich muss wieder die Riemergasse. Rasch.

    Schmecks ist keine professionelle Lokalkritik. Harald Fidler und Freunde schildern hier ihre Erlebnisse beim Essen und Trinken. Als Dilettanten im Wortsinn: Laien, Amateure, Nichtfachleute, die eine Sache um ihrer selbst willen ausüben - also zum reinen Vergnügen. Was nicht immer gelingt.

    • Die Linuini, hier mit Kräuterseitlingen, in der Küche am Berg. Die Trüffelnudeln waren schneller weg, als ich abdrücken konnte.
Küche am Berg
Fünf Gänge, einmal Trüffel, Bier, Wein, Kaffee: 101,70 Euro
      foto: fidler

      Die Linuini, hier mit Kräuterseitlingen, in der Küche am Berg. Die Trüffelnudeln waren schneller weg, als ich abdrücken konnte.

      Küche am Berg

      Fünf Gänge, einmal Trüffel, Bier, Wein, Kaffee: 101,70 Euro

    • Geröstete Leber in der Küche am Berg, sehr ordentlich.
      foto: fidler

      Geröstete Leber in der Küche am Berg, sehr ordentlich.

    • Der Kübelspeck im Wein in the City, der auch als Suchbild-Covermodel dieses Schmeck's-Eintrags herhalten muss.
Wein in the City
Fünf Gänge (plus zwei), Wein, Wasser, Kaffee: 130,60 Euro
      foto: fidler

      Der Kübelspeck im Wein in the City, der auch als Suchbild-Covermodel dieses Schmeck's-Eintrags herhalten muss.

      Wein in the City

      Fünf Gänge (plus zwei), Wein, Wasser, Kaffee: 130,60 Euro

    • Die Niere im ehemaligen Weibel 3 sah live Welten besser aus als auf dem Fidlerbild. Sorry dafür!
      foto: fidler

      Die Niere im ehemaligen Weibel 3 sah live Welten besser aus als auf dem Fidlerbild. Sorry dafür!

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