Das Tor zum Osten steht jetzt weiter östlich

14. November 2010, 19:27
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Die Teilnehmer des 5. Real Estate Circle für Entscheider der Immo­branche waren sichtlich bemüht, verbal an die Erfolge vor der Krise in Osteuropa anzuknüpfen

Die Teilnehmer des 5. Real Estate Circle für Entscheider der Immobranche waren sichtlich bemüht, verbal an die Erfolge vor der Krise in Osteuropa anzuknüpfen. Der Ausblick ist verhalten, aber nicht ohne Hoffnung. 

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"Die Furcht vor der Inflation ist derzeit so berechtigt wie die Angst vor der Radarfalle im Stau", meint der Chefvolkswirt des Bankhauses HSBC Trinkaus, Stefan Schilbe. Mit diesen Worten eröffnete er die Grundsatzdiskussion über eine viel wahrscheinlichere Deflation, welche die US-amerikanische Notenbank derzeit schon das Fürchten lehrt. Charts mit den Wirtschaftsdaten aus Japan vor 15 Jahren legte er dazu über aktuelle aus den USA - selbst Sekundäranalphabeten solchen Lesestoffs sehen dabei Bilder, die sich nahezu perfekt gleichen.

Die wichtigste Frage für seine Zuhörer ließ Schilbe, der Ben-Bernanke-Zitate hilfreich findet - "der beste Weg aus dem Schlamassel ist jener, der gar nicht reinführt" - jedoch mit der Distanz des Ökonomen unbeantwortet: Gelten Immobilien in Zeiten mit noch nicht verheilten Blasen an den Händen der Spekulanten wieder überall als sicheres Investment?

Shoppingcenter zu verkaufen

Der "Real Estate Circle", dessen Eröffnungsvortrag Schilbe hielt, ist eine Veranstaltung für all jene, die nicht jeden Tag ein Shoppingcenter in Kroatien verkaufen oder ein Moskauer Bürogebäude um 200 Millionen Euro erwerben wollen. Für die mehr als einhundert Konferenzteilnehmer, die zu den besten Immo-Experten im CEE-Raum zählen, ist sie zudem äußerst hilfreich. Nicht zuletzt deshalb, weil Österreichs größtes Konferenzunternehmen, der Business Circle, so etwas auch nicht mehr alle Tage veranstaltet. Ob das Treffen, das am 10. und 11. November im Wiener Hotel Le Meridien stattfand, überhaupt zustande kommt, war nämlich ungewiss: 2009 wurde das hochrangige Branchentreffen einfach abgesagt - wer konnte es sich schon leisten, am Höhepunkt der Krise öffentlich Interesse für Gewerbeimmobilien zu zeigen.

Mit einem Seitenhieb auf die "gesteuerte Diskussion" vor den US-Mid-Term-Wahlen über ein mögliches Zerfallen der Eurozone - "dieselben Analysten, die vor wenigen Monaten Portugals Bonität herunterstuften, bescheinigten dem Pleitier Kalifornien gleichzeitig die allerbeste" - überließ Schilbe anderen Rednern das Parkett.

Schwerpunkt des ersten Konferenztages sollte nämlich die Debatte darüber sein, ob die einstige "Immo-Goldgrube Osteuropa" genau das auch Zukunft wieder werden kann. Martin Sabelko, der sich seit 1986 in der CEE-Region bewegt - zuerst als Gebäudeentwickler und nun quasi auf der anderen Seite für ING Real Estate, glaubt jedenfalls noch an "den richtigen Zeitpunkt für Objekte in Toplagen". In Prag sei er jetzt gekommen, da große Bürohäuser dort erst 2013 fertig würden, aber schön benötigt werden. In Budapest dagegen, der "ugly duck für Gebäudeentwickler", so Sabelko, sei die Situation ungleich schwieriger. Mit Ausnahmen - Armani kam mitten in der Krise mit dem Flagshipstore auf die begehrte Andrássy út - seien dort Flächen für Einzelhändler kaum handelbar.

Für risikobereite Spezialisten

Einen ähnlichen Befund gab der Vorstand der Immofinanz AG, Manfred Wiltschnigg, für Kroatien ab: "Der Shoppingcenter-Markt ist dort gesättigt. In Zagreb kommen schon mehr Quadratmeter Verkaufsfläche auf einen Einwohner als in Wien." Allerdings würde sich der Bedarf von Logistikern für Lagerfläche gut entwickeln - in absoluten Zahlen ist das dennoch ein sehr kleiner Markt. Es bliebe noch der baldige EU-Beitritt als Hoffnungsträger. Und um nicht nur Negatives über das derzeitige Potenzial für "risikobereite Spezialisten" in Rumänien und Bulgarien zu erwähnen, fügte er hinzu: "Darf ich vielleicht einmal etwas über die Freundlichkeit der Menschen dort sagen?"

Die Aufgabe von Karl Bier - seit 1992 Vorstand der UBM Realitätenentwicklungs-AG - schien denn auch vergleichsweise dankbar zu sein: Über Polen als Handelsplatz für Gewerbeimmobilien zu referieren bedeutet immerhin, auch über das einzige Land in Europa zu sprechen, das im Jahr 2009 keine Rezension erlebt hat. Bier, der den Markt seit 1983 kennt, resümierte: "Gegen den Trend erlebte die Immobranche in Polen rund um das Jahr 2000 eine wesentlich schwerere Krise als 2009 - Letztere fand aufgrund des weitgehend autarken Marktes dort kaum statt." Die Renditen für Gewerbeimmobilien in zentraler Lage in Warschau würden sich derzeit schon wieder zwischen 6,5 und 6,75 Prozent einpendeln.

Kein Spitzenergebnis, aber doch beachtlich im Vergleich zu den Zahlen, die wenig vorher Sabelko für den gesamten CEE-Raum genannt hatte: "Auf Werte nur jenseits der fünf Prozent werden wir uns in nächster Zeit wohl länger einstellen müssen." Und Sabelko weiter in Anspielung auf die Anzahl von Firmensitzen in den Hauptstädten der Region: "Das vielzitierte ,Tor zum Osten' ist Wien nicht geworden - das steht jetzt in Warschau." (Sascha Aumüller, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13./14.11.2010)

  • Es lohnt sich wieder, in Osteuropa zu investieren, zumindest
tendenziell: das Sava Business Center in Belgrad.
    foto: ca immo international

    Es lohnt sich wieder, in Osteuropa zu investieren, zumindest tendenziell: das Sava Business Center in Belgrad.

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