Irlands Banken ziehen den Staat in die Tiefe

14. November 2010, 17:24
192 Postings

Ökonomen in Irland erwarten eine Staatspleite, das Defizit wächst und faule Kredite werden zunehmend zum Problem

Dublin/Wien - Der irische Finanzminister Brian Lenihan wird sich dieser Tage nicht gern an den Oktober 2008 erinnern. Nachdem Dublin damals den Kreditinstituten staatliche Hilfe versprochen hatte, schien sich die Situation zu stabilisieren. Lenihan lobte seine Regierung für die wörtlich "billigste Bankrettung auf der Welt".

Zwei Jahre später steht fest, dass die Rettung der irischen Finanzinstitute die Steuerzahler mindestens 50 Milliarden Euro kosten wird, das Defizit soll heuer bei 32 Prozent der irischen Wirtschaftsleistung liegen. Ökonomen in Dublin rechnen inzwischen ziemlich sicher mit der Pleite Irlands, und zwar bemerkenswerterweise selbst dann, wenn sich der Inselstaat unter den europäischen Rettungsfonds begibt.

Der irische Volkswirt Morgan Kelly hat sich die Struktur der Staatsschuld angesehen. Aufgrund der schwachen Wachstumsperspektiven geht er in einem Beitrag in der Irish Times davon aus, dass eine Zinsbelastung von mehr als zwei Prozent für den irischen Schuldendienst die Insel auf jeden Fall "versenken werde". Gegenwärtig müsste Irland für einen Kredit mit dreijähriger Laufzeit aus dem EU-Rettungsfonds mit einer fünfprozentigen Zinsbelastung rechnen.

Doch inzwischen mehren sich auch die Stimmen, die davon ausgehen, dass Irland weit mehr als 50 Milliarden für die Rettung seiner Banken zahlen wird. Das Economic and Social Research Institute in Dublin ging schon vor dem Sommer von mehr als 70 Milliarden aus. Tatsächlich liegt der irische Finanzsektor in Trümmern:

- Hauptursache für die Verschärfung der Schuldenkrise sind die Probleme bei der Anglo Irish Bank. Die 1964 gegründete Bank setzte Ende der 80er-Jahre zum rasanten Wachstum an. Die Bank wagte sich nach Großbritannien und in die USA vor, als die Immobilienblase platzte, erwischte es Anglo besonders schlimm. Die Bank hatte sich mit zahlreichen riskanten Projekten verhoben. Anglo finanzierte etwa das Bauprojekt für den höchsten US-Wolkenkratzer in Chicago mit 77 Millionen Euro, dieses Spire-Pojekt wurde inzwischen gestoppt.

Die irische Regierung hat Anglo immer neues Geld zur Verfügung stellen müssen, inzwischen sind es 29,3 Milliarden. Die Anglo erwartet einen zusätzlichen Bedarf von fünf Milliarden, wenn die Zahl der faulen Kredite weiterhin rasant steigt.

- Problemfall Nummer zwei ist die Allied Irish Banks (AIB), das größte Kreditinstitut des Landes. AIB hatte im Februar 2009 3,5 Milliarden Euro erhalten. Ende September kündigte das Finanzministerium an, dass die Bank weitere drei Milliarden brauche. Dublin wird dafür Hauptzeichner einer laufenden Kapitalerhöhung werden und nach Schätzungen 90 Prozent der Anteile an AIB übernehmen.

- Die Irish Nationwide Building Society (INBS) wurde ebenfalls verstaatlicht, Geld bekam auch die Bank of Ireland und die Educational Building Society.

Analysten warnen, dass die Probleme am Immobiliensektor zunehmen werden. Derzeit sind fast 40.000 irische Kreditnehmer über 90 Tage mit ihren Ratenzahlungen im Rückstand. Im kommenden Jahr dürfte diese Zahl steigen. Notenbankchef Honohan schätzt, dass sich die faulen Kredite der irischen Banken auf 85 Mrd. Euro summieren werden. Das wäre rund die Hälfte der Wirtschaftsleistung Irlands. (szi, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15.11.2010)

  • Artikelbild
    grafik: standard
Share if you care.