Wegen Gewalt in der Westsahara - Spanische Regierung in Verlegenheit
Madrid/Rabat - Nach den blutigen Unruhen in der vormals spanischen
Westsahara haben am Samstag in Madrid mehrere Tausend Menschen gegen das
Vorgehen der Besatzungsmacht Marokko protestiert. Die Demonstranten warfen der
Regierung in Rabat massive Menschenrechtsverstöße vor. Heftige Kritik übten die
Teilnehmer auch an der Regierung in Madrid. Aus politischem und wirtschaftlichem
Kalkül habe diese den Gewalttaten tatenlos zugesehen. Unter den Demonstranten
waren auch Künstler und Intellektuelle wie der Schauspieler Javier Bardem. Der
Oscar-Preisträger und Ehemann von Hollywood-Star Penélope Cruz rief die
Europäische Union und die Vereinten Nationen auf, sich in den Konflikt
einzuschalten. "Wie viel Horror ist eigentlich nötig, bis die internationale
Gemeinschaft das saharauische Volk schützt?", fragte der 41-Jährige.
Politiker mehrerer Parteien und die Vorsitzenden der beiden größten
Gewerkschaften Spaniens beteiligten sich ebenfalls an der Kundgebung. Zu dieser
hatten mehrere Bürgerinitiativen aufgerufen, die die Unabhängigkeitsbewegung
Polisario und die in Algerien etablierte Exilregierung der Demokratischen
Arabischen Republik Sahara (DARS) unterstützen. Bei den schwersten Unruhen seit
Jahrzehnten waren am Montag in der Westsahara-Hauptstadt El-Aiún (Laayoune)
mehrere Menschen ums Leben gekommen. Die genaue Zahl der Opfer ist nicht
bekannt. Marokkanische Sicherheitskräfte hatten eine Protest-Zeltstadt gestürmt,
mit der rund 20.000 Saharauis wochenlang für bessere Lebensverhältnisse in dem
Wüstengebiet demonstriert hatten.
Zwölf Tote
Nach offiziellen Angaben der Regierung in Rabat starben zwölf Menschen,
darunter zehn Polizisten. Zudem habe es 163 Festnahmen gegeben. Die
Befreiungsfront Polisario spricht dagegen von mindestens 19 Toten, mehr als 700
Verletzten sowie über 150 Verschwundenen. Sie wirft den marokkanischen
Sicherheitskräften Folter und Vergewaltigung vor. Die spanische Regierung hat
das Vorgehen Marokkos zwar kritisiert, aber nicht offiziell verurteilt.
Ministerpräsident José Luis Rodríguez Zapatero verwies auf die wichtigen
politischen und wirtschaftlichen Beziehungen mit dem südlichen Nachbarn. Madrid
verlangte jedoch Aufklärung über den Tod eines Saharauis mit spanischer
Staatsbürgerschaft und forderte Rabat auf, die Arbeit der ausländischen Presse
nicht länger zu behindern. Mehrere spanische Reporter sind in den vergangenen
Tagen ausgewiesen oder an der Einreise gehindert worden.
Informelle Westsahara-Gespräche unter UNO-Schirmherrschaft fanden in den
vergangenen Tagen in der Nähe von New York statt. Die DARS-Regierung hatte dem
vom ehemaligen US-Außenminister James Baker ausgearbeiteten Referendums-Plan
zugestimmt, doch Marokko lehnte ihn kategorisch ab. Der Baker-Plan sah vor, die
Bevölkerung in einem Referendum darüber entscheiden zu lassen, ob sie die volle
Unabhängigkeit will oder zu Marokko gehören möchte. Marokko akzeptiert nur eine
Autonomielösung. Die Westsahara wurde nach dem Abzug der spanischen
Kolonialmacht 1975 zunächst zwischen Marokko und Mauretanien aufgeteilt. Marokko
besetzte schließlich das gesamte Territorium, nachdem Mauretanien 1979 mit der
DARS einen Friedensvertrag geschlossen und sich aus dem südlichen Teil
zurückgezogen hatte. Die von Algerien unterstützte Polisario ("Frente Popular
para la Liberacion de Saguia el Hamra y Rio de Oro") nahm den bewaffneten Kampf
auf, der 1991 mit einem von den Vereinten Nationen vermittelten Waffenstillstand
eingestellt wurde. (APA/dpa)