Spurensucher im Romangeflecht der modernen Welt

4. Mai 2003, 19:44
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Zum Tod des Musil-Herausgebers Adolf Frisé (1910-2003)

Frankfurt/Main - In einem Kapitel von Robert Musils Der Mann ohne Eigenschaften wird die Gattung "Nachruf" problematisiert: Ein Professor war gestorben, was sagt man dazu? Üblicherweise, in einem Leben, das ganz im "Außen" verläuft, genügen einige Daten, Karriereschritte und Auszeichnungen - aber was ist mit dem inneren Leben? Haben viele gar nicht. Da ist ein Nachruf leicht.

Bei Adolf Frisé, der am Freitag im 93. Lebensjahr starb, ist es etwas anders: Schon die äußere Karriere - immerhin Herausgeber der immer noch einzigen Musil-Textgrundlage in Buchform - ist brüchig, weil die Edition schon früh kritisiert wurde. Und das innere Leben - nun, was weiß man schon.

Aber es ist witzig, dass Adolf Frisé in hohem Alter selbst Romane schrieb, einen Liebesroman etwa (Johanna, Rowohlt 1992): Journalist verliebt sich in jüngere und naturgemäß verheiratete Frau, das übliche Komplizierte.

Der 1910 geborene Frisé war selbst lange Journalist beim Hessischen Rundfunk in Frankfurt, wo er die Literaturabteilung leitete. Sein großes Leseerlebnis hatte er aber schon 1931 gehabt, als im Rowohlt-Verlag der erste Band von Robert Musils Roman Der Mann ohne Eigenschaften erschien. Auf den zweiten wartete Frisé begierig, aber es kam (mit Ausnahme einer vorgezogenen Publikation von 38 Kapiteln) nicht dazu.

Nicht, dass Musil nichts mehr geschrieben hätte, er arbeitete im Gegenteil trotz widrigster äußerer Umstände - Emigration, Armut, Isolation - bis zu seinem Todestag am 15. 4. 1942 in Genf daran (eine von Klagenfurter Germanisten erarbeitete CD-ROM-Edition macht über zwölftausend Seiten zugänglich). Aber Musil schrieb vertikal voran und zugleich horizontal in der Fläche, so komplex gewoben wie die geschichtliche Welt, die er theoretisch durchdrang.

Adolf Frisé baute nun aus diesem Riesentext bis 1957 den ersehnten zweiten Band. Diese Edition - später verbessert in einer neunbändigen Taschenbuchkassette - half bei Musils Wiederentdeckung. Aber sie wurde kritisiert, denn Frisé hatte eben jenen "Handlungsfaden" konstruiert, den der moderne Roman nicht mehr liefern wollte. Dennoch: Dank von allen - ohne Frisé wäre Robert Musil nicht zugänglich geworden. (DER STANDARD, Printausgabe vom 5.5.2003)

Von
Richard Reichensperger
  • Adolf Frisé: Journalist und - über siebzig Jahre hinweg - Musil-Pionier
    foto: m. frisé

    Adolf Frisé: Journalist und - über siebzig Jahre hinweg - Musil-Pionier

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