Mozart-Häppchen für streunende Hunde

4. Mai 2003, 19:39
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Die Ruhr-Triennale - zweite Runde: Es begann im Musikbereich mit "Wolf oder wie Mozart auf den Hund kam", einem Trip durch die Komponistenseele

Die Ruhr-Triennale startet in ihre zweite Runde: Bis Oktober bietet das Festival an zehn Orten 129 Veranstaltungen; es begann im Musikbereich mit "Wolf oder wie Mozart auf den Hund kam", einem Trip durch die Komponistenseele.


Duisburg - Einen Begriff, der einem spontan zur Ruhr-Triennale einfällt, sollte man in Duisburg auf dem Weg zur Eröffnungsuraufführung nennen. Gerard Mortier steht da bei vielen sicherlich ganz oben, ist doch sein Name bislang noch der klarste Nenner des Programms. Der Flame mit dem kulturprogrammatischen Bissinstinkt hat auf seinem Weg nach Paris, wo er im nächsten Jahr die Opéra National übernimmt (sein Nachfolger bei der Triennale könne Jürgen Flimm werden) dem Ruhrgebiet eine kulturelle Herausforderung verordnet und die kulturell nachgenutzte Industriearchitektur zwischen Rhein und Ruhr belebt oder auch reaktiviert.

So wie die Jahrhunderthalle in Bochum auf dem ehemaligen Krupp-Gelände, die mit 40 Millionen Euro mit ihren drei modernen Bühnen zu einer Art Montagehalle der Kunst und zum Kraftzentrum dieses Festivals werden soll, das die großen Denkmäler des Industriezeitalters mit diesem noch neuen Fest der Künste an insgesamt elf Spielorten verbinden soll. Dass diese Kathedrale des Industriezeitalters zum Start mit einem Gastspiel von Patrice Chéreaus Phèdre-Inszenierung übergeben wurde, ist so übernational gemeint, wie es aussieht.

In den 16 Spielstätten, die über die Triennale-Orte verteilt sind, werden unter den 129 Veranstaltungen bis Ende Oktober zehn Uraufführungen und fünf Neuinszenierungen zu finden sein. Natürlich auch mit "sicheren" Namen wie Pina Bausch (mit ihren Klassikern Café Müller und Frühlingsofer), Robert Wilson mit Flauberts The Temptation of St. Anthony, La Fura dels Baus und Marc Minkowski mit der Zauberflöte oder Ilya Kabakov und Sylvain Cambreling mit Messiaens Saint Fran¸cois D'Assise. Und eben Uraufführungen wie die Eröffnungsproduktion in der Kraftzentrale des Industrieparks Duisburg-Nord, einer Halle, in der vor Jahren auch schon mal Brünnhilde auf einem leibhaftigen Pferd eingeritten kam.

Bei Wolf oder wie Mozart auf den Hund kam sind es jetzt ein Dutzend streunender Hunde, deren putziges Eigenspiel um einen gleich anfangs zu Boden gehenden Penner sich im Laufe der zweieinhalb Stunden allerdings selbst aus den Augen verliert. Was der Flame Alain Platel in seinem tänzerisch szenischen Spiel mit der Musik Mozarts und seinen Tänzern und Sängerinnen in Sylvain Cambrelings Mozart-Arrangement in und vor Bert Neumanns Volksbühne-typischen Containerbau an synchroner Aktion und Miniaturszenen in einem Mix aus Ausbrüchen von akrobatischer Virtuosität und in Bewegung umgesetzter Musik oder ihrer quer schießenden Störung entfesselt, ist aber weniger der angekündigte poetische Trip durch Mozarts Seele als einer in die Sprachlosigkeit der Gegenwart, aus deren Rissen Ängste und Befindlichkeiten aufscheinen, die man auch bei Mozart zu hören meint.

Szenisch standfest

Das Klangforum Wien bewährt sich bei dieser verfremdeten Reise durchs Köchel-Verzeichnis (hinter den Rollgittern auf der Containergalerie) als szenisch standfest. Die Choreografie von Gabriela Carrizo, die in einer Multikulti-Atmosphäre zwischen cooler Straßenjugendlichkeit und wild gewordenem Ballettsaal Gegenwart zu behaupten versucht, bietet nur den Raum für die Profilierung der Tänzer und das organisierte Chaos der parallelen Szenen.

Dazwischen Aleksandra Zamojska, Ingela Bohlin und Marina Comparato - ihre kleinen, immer mal wieder eingestreuten, mikroverstärkt gesungenen Mozart-Häppchen liefern den Déjà-vu-Genuss zwischendurch. Auf dieser Eröffnungsparty mit Mozart-Sound, die aussieht wie eine geschüttelte Mischung irgendwo zwischen Bausch, Marthaler und Castorf. Sie ist nicht wirklich originell, aber hinreichend modern, bunt und kompatibel für die Tourliste, die nach dem Dutzend Aufführungen in Duisburg die Berliner Volksbühne, Avignon und halb Europa aufweist - bis sie 2005 an der Opéra National de Paris endet, wo sie dann der neue Hausherr Mortier wieder begrüßen kann. Beim Publikum in Duisburg ging seine Rechnung zur Premiere jedenfalls erstmal auf. (DER STANDARD, Printausgabe vom 5.5.2003)

Von
Joachim Lange

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Ruhr-Triennale

  • Skurrile Paraphrasen über Amadeus mit Multikulti-Atmosphäre und cooler Straßenjugendlichkeit
    foto: ruhr-triennale

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