"Trendwende der Börsen ist erst im Herbst möglich"

4. Mai 2003, 19:56
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Der April hat die Börsianer positiv überrascht - Allerdings könnten böse Überraschungen auf der Gewinnfront noch Rückschläge bringen

Wien - Börsianer wie Wirtschaftsforscher vertagen ihre Hoffnung auf Aufschwung seit zwei Jahren von Quartal zu Quartal. Jetzt, nach den Bilanzen der ersten drei Monate und deutlichen Kursgewinnen im April, sind die Analysen erneut gemischt:

Während einige US-Analysehäuser die Tatsache, dass im April neun von zehn Branchenindizes in den USA Kursgewinne herzeigen, als Signal eines Endes der langen Baisse sehen, erkennen europäische Charttechniker "Bärendreiecke" und sprechen von der derzeit größten Bullenfalle seit dem Jahr 2000.

Den Optimisten haben es die Unternehmensgewinne in den USA angetan, die per Ende März um über elf Prozent gestiegen waren und deutlich über den (konservativen) Schätzungen gelegen sind. Insgesamt wird auf einen positiven April, in dem die US-Börsen merklich und die Europa-Börsen noch deutlicher gestiegen sind, verwiesen. Zudem werten Fondsmanager den Kursanstieg im Finanzbereich als Signal: "Den großen Banken geht es zuerst wieder besser, sobald sie ein besseres Wirtschaftswachstum ausmachen", sagt etwa Fritz Meyer, Fondsmanager bei Invesco. Dabei wird auch der schwächere Dollar positiv gesehen. Allerdings: Drei von vier Unternehmen in den USA haben einen schwächeren Ausblick gegeben, und: Die Gewinne sind offenbar auf Kostensenkungen zurückzuführen, denn die Umsätze sind durchschnittlich nur zwei Prozent gewachsen. Deswegen spricht noch keiner das Wort "Trendwende" laut aus.

In Europa scheinen Enttäuschungen auf der Gewinnfront vorprogrammiert: Die Konsensus-Schätzungen für das Gewinnplus der Euro-Stoxx-50-Unternehmen für 2003 (Ibes) geht von plus 83 Prozent (!) aus. Und: Mai und Juni sind nicht nur die traditionellen Monate für Gewinnrevisionen, sondern auch für einen Rückzug der Investoren ("sell in May and go away").

Währungsfrage

"Die USA haben die Früchte der weicheren Währung geerntet, in Europa ist das spiegelverkehrt", sagt Peter Brezinschek, Chefanalyst bei Raiffeisen. Auch er hält die Folgen eines (für das zweite Halbjahr erwarteten) Euro von 1,10 bis 1,15 zum Dollar für den Knackpunkt eines Börsenaufschwunges 2003. Dass ein solcher schon im Gange ist, glaubt er nicht: "Vor dem Herbst ist eine Trendwende nicht möglich." Brezinschek: "Die Gewinnschätzungen sind zu hoch, und es fehlt noch der Konjunkturstimulus."

Die Kursanstiege im April (im Euro-Stoxx-50-Index sogar über elf Prozent) seien zwar ein positives Zeichen, mit dem Irakkrieg als Katalysator, sagt Brezinschek. Er sieht das Plus aber eher als Gegenbewegung zur Übertreibung nach unten, die von Ende Februar bis Mitte März die Märkte regiert hat. Zusätzlich verweist er auf die noch immer bestehende Zurückhaltung großer institutioneller Investoren bei Aktien: "Man muss sich anschauen, wie lange die dem Markt noch die kalte Schulter zeigen." Dass Privatanleger derzeit besonders günstige Einstiegszeitpunkte versäumen, glaubt Brezinschek nicht.(Karin Bauer, Der Standard, Printausgabe, 05.05.2003)

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