Abschied von einem Austro-DDR-Relikt

12. November 2010, 19:03
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Warum man Regierung und Ministerium zur Entscheidung, den Förderungsautomatismus in der außeruniversitären Forschung zu sistieren, nur beglückwünschen kann

Ich möchte dem Ministerium für Wissenschaft und Forschung zum (krisenbedingten) Mut gratulieren, im Bereich der "Basisförderung" von außeruniversitären Forschungsinstituten eine neue Förderpolitik zu verfolgen. Endlich soll nicht jede irgendwann eingerichtete Basisförderung automatisch Jahr für Jahr weitergeführt werden, sodass auch neue, innovative wissenschaftliche Konzepte eine Chance erhalten können.

Das hat nichts mit "Kahlschlag der Wissenschaft" zu tun, sondern dieser längst fällige Schritt erlaubt endlich eine Umstrukturierung der österreichischen außeruniversitären Forschungslandschaft, wo sich auch Überbleibsel früherer Zeiten in Form von oft gut bestückten, aber international nicht kompetitiven oder thematisch versteinerten Instituten gebildet haben, die der Meinung sind, ein Recht auf ewige Förderung aus der Steuerkasse zu haben.

Nicht ganz unerwartet kam es dann zu einer internationalen Kettenbriefaktion, inszeniert von den Leitern einiger der nicht mehr geförderten Institute, in der das Ministerium aufgefordert werden soll, doch die Fördereinstellung für das Institut E oder B wieder zurückzunehmen.

Die E-Mail-Vorlagen dafür und die E-Mail-Adressen der Ministerin und damit befasster Ministerialbeamter wurden natürlich von den Instigatoren der Protestaktion gerne zur Verfügung gestellt. Forwards dieser Ketten-Protestbriefe haben in den letzten Wochen auch meine Mailbox zugemüllt, zum Teil mit Anfragen internationaler Kollegen, wie sie denn darauf reagieren sollen. Typischerweise sind die internationalen Unterzeichner der Protestpetition nicht genau über die Hintergründe informiert oder reagieren oft nur freundlich auf Bitten ihrer österreichischen Kollegen, als Solidaritätsakt, der ja schließlich nichts kostet (außer einem kurzen Copy-and-paste im E-Mail-Programm).

Ich hoffe sehr, dass die Forschungsministerin in dieser wichtigen strukturellen Entscheidung standhaft bleibt und sich nicht durch diesen österreichisch-typisch inszenierten Proteststurm irritieren lassen wird. Hoffentlich kommt es nun durch das Lobbying der traditionell "basisgeförderten" Einrichtungen nicht zum "survival of the loudest", sondern zum "survival of the fittest".

Die Entscheidung, die Basisförderung außeruniversitärer Institute einzustellen bzw. drastisch zu reduzieren, eliminiert endlich ein an DDR-Zeiten erinnerendes Absurdum der österreichischen Wissenschaftsförderung. Diese Entscheidung ist definitiv im Sinne jedes Wissenschafters, der an unabhängige Peer Review und wissenschaftlichen Wettbewerb glaubt.

Eigentlich müssten auch die Leiter jener Institute, die den internationalen Proteststurm gegen die ministerielle Entscheidung initiiert haben, doch wissen, das eine unkontrollierte Basisförderung in keinem modernen Land außer in Österreich bisher überhaupt möglich war. Sie täten besser daran, sich um andere kompetitive Fördertöpfe für ihre Institute umzuschauen, anstatt Urheber von Kettenbriefen zu spielen.

Gerade vom Standpunkt des Autors dieses Kommentars, nämlich eines Wissenschaftlers, der den Großteil seines Tätigkeitsbereichs außerhalb Österreichs hat - und der deswegen auch vielleicht österreichisch-untypisch wissenschaftlich sozialisiert ist - ist deren Haltung mehr als unverständlich. Es ist doch sinnvoll, zu überprüfen, welche Institute nicht nur vom warmen staatlichen Subventionsregen leben, sondern tatsächlich aus kompetitiv selbsteingeworbenen Drittmitteln zusätzliche Finanzierung erhalten, basierend auf flexiblen und effizienten Konzepten.

Weiters wird überlegt werden müssen, ob gewisse Forschungsinstitute in die Universitäten eingegliedert werden können, um bisher nicht vorhandene Synergien in Lehre und Forschung zu erreichen und um thematische Fokussierung und Verankerung in der heimischen Wissenschaftslandschaft zu garantieren.

Man wird noch der Finanzkrise dankbar sein müssen, Positives für die österreichische Wissenschaft bewirkt zu haben, was ohne sie kaum möglich gewesen wäre... (Peter A. Markowich, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13.11.2010)

Peter A. Markowich ist Professor für angewandte Mathematik an den Universitäten Cambridge und Wien.

  • Mathematiker Markowich: Chance für Strukturbereinigung.
    foto: standard/urban

    Mathematiker Markowich: Chance für Strukturbereinigung.

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