"Wir bleiben bei der Wehrpflicht"

12. November 2010, 17:48
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Finnlands Verteidigungsminister Jyri Häkämies setzt in der Heeresreform vor allem auf internationale Koopera-tion. Eine Berufsarmee würde viermal so viel kosten wie ein Wehrpflicht-Heer, sagte er zu Christoph Prantner

Standard: Wien und Helsinki teilen viele Strukturähnlichkeiten in der Verteidigungspolitik - kleiner Staat mit Wehrpflicht, EU-Mitglied, bei der Nato-Partnerschaft für den Frieden und dazu neutral. Ist die Neutralität angesichts von Bedrohungen wie Terror und Cyberkriegen noch ein sinnvolles Konzept?

Häkämies: Wir haben uns mit dem Beitritt als bündnisfrei definiert, weil wir uns in der EU natürlich nicht mehr neutral fühlen konnten. Insgesamt verfolgen wir einen sehr pragmatischen Ansatz. Wir nützen alle Möglichkeiten aus, die uns die Kooperation mit der Nato bietet. Wir sind etwa Mitglied beim Cyber Defence Center of Excellence in Talinn. Für uns ist Zusammenarbeit das zentrale Element - in dieser Perspektive gibt es keine Begrenzungen für uns.

Standard: Was ist der Fokus für Finnland in seiner Heeresreform?

Häkämies: Wir müssen wie viele anderen Staaten mit schrumpfenden Budgets auskommen. Daneben altert die finnische Bevölkerung am schnellsten in der Union. Das heißt, wir müssen massiv Mittel in Altersversorgung, Gesundheitswesen und die Bildung umschichten. Das Heer muss sich andererseits äußerst kostenbewusst aufstellen. Zweitens sind Strukturbereinigungen nötig, weil ab 2016 schwächere Jahrgänge eingezogen werden und wir viele Garnisonen gar nicht mehr brauchen. Und drittens kommt Gerät, das wir von den Deutschen nach der Wiedervereinigung gekauft haben, 2015 ans Ende seines Lebenszyklus'. Das ist der Zeithorizont für unsere Reformen. Ab 2015 werden wir qualitativ hochwertigeres Gerät haben, weniger Wehrpflichtige und Reserveeinheiten sowie eine schlankere Struktur des Heeres. Dieser Übergang wird nicht einfach werden. Aber es gibt einen Konsens in Finnland über die Ausrichtung des Heeres: Wir bleiben bei der Wehrpflicht und bei der Territorialverteidigung.

Standard: Warum?

Häkämies: Eine Kommission aus Zivilisten, es waren vor allem Geschäftsleute dafür nominiert, hat alle Optionen bewertet und ist zum Schluss gekommen, dass die Wehrpflicht die kostensparendste und effektivste Variante ist. Eine Berufsarmee mit 50.000 Mann für Finnland würde viermal soviel kosten wie das Wehrpflichtsystem. Dazu kommt, dass man mit der Wehrpflicht an einen viel größeren und besseren Pool von Rekruten ankommt.

Standard: Gibt es Bereiche, in denen sich die finnische Armee besonders spezialisiert?

Häkämies: Wir kooperieren auf drei Ebenen: Nato, EU und in der nordischen Dimension mit Schweden und Norwegen. Vor allem in Letzterer versuchen wir, uns abzustimmen und Kapazitäten zu koordinieren. Wir haben 140 Felder für Zusammenarbeit identifiziert, in den nächsten drei Jahren werden wir bewerten, wer welche Bereiche ausbauen soll.

Standard: Ist ein Nato-Vollbeitritt noch eine Option für Helsinki?

Häkämies: Derzeit gibt es keinen politischen Konsens dafür.

Standard: Finnland bestreitet mit Österreich eine EU-Battlegroup, wie läuft der Integrationsprozess?

Häkämies: Es ist ein gutes Instrument. Es hilft uns bei der Transformation unserer Heere. Das Problem bei der Sache ist die Frage, bei welcher Gelegenheit und mit welchen Begründungen setzen wir diese Battlegroups ein. Das müssen wir klären, sonst tritt Frustration ein. Baroness Ashton muss hier Antworten finden.

Standard: Wien denkt über einen UN-Blauhelmeinsatz im Libanon nach. Es heißt, Finnland wird sich dort engagieren.

Häkämies: Es ist noch nichts beschlossen, aber es ist wahrscheinlich, dass wir Truppen schicken. (Christoph Prantner, STANDARD-Printausgabe, 13./14.11.2010)

Jyri Häkämies (49) ist Politologe, Mitglied der konservativen Nationalen Sammlungspartei (Kokoomus) und seit 2007 finnischer Verteidigungsminister.

  • Da soll die Reform hingehen: Jyri Häkämies besuchte am Freitag 
Verteidigungsminister Norbert Darabos in Wien
    foto: regine hendrich

    Da soll die Reform hingehen: Jyri Häkämies besuchte am Freitag Verteidigungsminister Norbert Darabos in Wien

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