Die Vorzeichen vor Wladimir Putins Bulgarien-Besuch stehen eher auf Messer denn auf Liebe
Sofia/Istanbul - Solschenizyn habe es über die Bulgaren geschrieben:
In
einem Moment lieben sie dich, im nächsten stechen sie dir ein Messer in
den Rücken. "Und genau so sehen uns die Russen", sagt der bulgarische
Politologe Evgeni Dainov. Der russische Premier Wladimir Putin kommt am Samstag nach Sofia. Die Zeichen stehen eher auf Messer.
Über den Wankelmut der Bulgaren, der nun in der Energiepolitik
aufscheint, können sich die Russen nicht genug beklagen. Im 19.
Jahrhundert nahm das kleine slawische Volk erst die Hilfe der Russen bei
der Befreiung von den Türken in Anspruch, stand in den zwei Weltkriegen
auf der Seite der Deutschen und tauschte dann vier Jahrzehnte
sozialistischer Bruderschaft umstandslos gegen eine Nato-Mitgliedschaft
ein. Jetzt geht es um neue Öl- und Gaspipelines, die Moskau durch das
EU-Land am anderen Ufer des Schwarzen Meeres legen lassen will. Dainov:
"Die Russen haben sich entschlossen, Bulgarien für ihre geopolitischen
Interessen zu nutzen."
"Gelenkte Entscheidungen"
Der Politologe von der Neuen Bulgarischen Universität in Sofia
veröffentlichte heuer ein Buch mit dem Titel Die Putinisierung
Bulgariens. Seine These: Der russische Regierungschef und seine
Gefolgsleute benutzen Energielieferungen, um Bulgarien in einem Zustand
der Abhängigkeit zu halten und andere Anbieter zu verhindern. Moskaus
Energiepolitik gehe einher mit Korruption und einem enormen Geldfluss an
Regierungsmitglieder und Unternehmen oder vorgebliche Energieexperten im
Land, erklärt Dainov im Standard-Gespräch. "Sie versuchen, russisch
gelenkte Entscheidungsprozesse in Bulgarien zu etablieren."
Mit der seit 2009 regierenden Mitte-rechts-Regierung von Boiko
Borissov
tut sich Moskau schwerer. Borissov erzwang den Einstieg des bulgarischen
Staats in das Gaspipeline-Projekt South Stream. Einen entsprechenden
Vertrag will Borissov mit Putin in Sofia unterzeichnen. Und bei der
Gelegenheit auch gleich den Gaspreis herunterhandeln. (Markus Bernath, STANDARD-Printausgabe, 13./14.11.2010)