"Im Haus ist eine gewisse Gelöstheit zu spüren"

12. November 2010, 17:09
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In der Staatsopernpremiere von Händels "Alcina" am Sonntag singt Anja Harteros die Titelrolle - Die Sopranistin im STANDARD-Interview

Mit Daniel Ender sprach die Sopranistin über ihre Gefühle bei den Proben und den neuen Operndirektor Dominique Meyer.

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STANDARD: Sie kennen die Wiener Staatsoper seit Jahren. Was hat sich in Ihren Augen seit Beginn der neuen Direktion verändert?

Harteros: Ich war ja ein paar Jahre nicht hier, aber ich habe doch den Eindruck, dass eine gewisse Gelöstheit im Haus zu spüren ist. Direktor Dominique Meyer ist eine unheimlich liebe Person, die sehr menschlich agiert, am Wohl der Künstler interessiert ist, einen verehrt und eine gewisse Lockerheit herüberbringt. Man hat das Gefühl, man kann mit ihm gut zusammenarbeiten.

STANDARD: Barockoper in der Wiener Staatsoper zu spielen ist eine Neuerung des neuen Direktors. Ist denn hier die Akustik für diese Art der Oper überhaupt wirklich geeignet?

Harteros: Man muss schauen, wie das ist, wenn das Publikum drin sitzt. Bei meinen vorherigen Erfahrungen an der Staatsoper habe ich akustisch nie ein Problem gehabt. Für Barockoper, glaube ich, dürfte das auch nicht wirklich problematisch sein. Ich habe Alcina zuletzt an der Mailänder Scala gesungen. Dieses Haus ist ja noch erheblich größer und breiter als die Wiener Staatsoper. Ideal war das nicht, aber wirklich problematisch auch nicht.

STANDARD: Unproblematisch zumindest vermutlich, was die Stimmen betrifft. Aber kommt ein Orchester mit alten Instrumenten wie Marc Minkowskis Musiciens du Louvre in der Staatsoper überhaupt durch?

Harteros: Wir haben hier eine große Orchesterbesetzung, und ich kann mir nicht vorstellen, dass dieses Orchester zu leise ist - eher sogar im Gegenteil. Aber auch das muss man dann einfach mal sehen.

STANDARD: In der barocken Ästhetik geht es ja um etwas ganz anderes, als wir uns heute unter Musikdrama vorstellen. Gefühle von Personen werden eher als Typologien dargestellt und nicht so individuell wie bei späteren Opernfiguren. Bedeutet das für Sie als Sängerin einen anderen Zugang zu solchen Rollen?

Harteros: Das ist eine gute und schwierige Frage. Ich würde sagen: Meine Rolle, Alcina, ist schon nicht ganz unindividualistisch. Aber ich sehe eigentlich in jeder Rolle einen speziellen Charakter und eine starke Persönlichkeit. Ich muss natürlich so spielen, wie der Regisseur die Rolle anlegt. Das bedeutet wiederum, dass ich in verschiedenen Inszenierungen unterschiedliche Zugangsweisen finden muss. Andererseits ist in den verschiedenen Inszenierungen doch wieder erstaunlich viel ähnlich.

Standard: In einer Zeit der Sängerspezialisierung ist es doch ungewöhnlich, dass man so ein breites Repertoire hat wie Sie. Es reicht von Barock bis Richard Wagner.

Harteros: Darauf werde ich immer wieder angesprochen. Aber Alcina ist gar nicht so eine Barockrolle, wie wir uns das eigentlich vorstellen, wenn wir von Barockmusik sprechen. Es ist schon eine Primadonna, man darf da eine vibrierende, emotionale Stimme haben. Meine Rolle hat Legatobögen, ihre Koloraturen sind eigentlich nicht besonders rasant. Daher sage ich immer, ich singe zwar Barock, aber eigentlich nicht wirklich.

STANDARD: Sie singen Alcina also nicht in barockem Stil?

Harteros: Die Frage ist ja, was der barocke Stil eigentlich ist. Ich versuche, den sogenannten Stil aufzugreifen, ich kann diese Rolle nicht wie Verdi oder Wagner singen. Das ist natürlich völlig klar. Aber diese ganz geraden Töne, die in der Barockmusik so gerne gehört werden, fallen mir immer ein bisschen schwer. Ich habe immer ein Problem, wenn das allzu hölzern klingt. Das ist mein persönlicher Geschmack.

STANDARD: Es gibt ja immer noch das Vorurteil, dass es die Stimme so sehr belastet, Wagner zu singen, dass anderes dann nur noch schwer möglich ist. Wie stehen Sie dazu?

Harteros: Es kommt ganz darauf an, in welcher Zusammensetzung, in welcher Häufigkeit man Wagner singt - und quasi auch, in welchem Vor- und Nachher man das macht. Ich glaube, jede Partie, die man singt, hat Auswirkungen auf die Stimme - das können durchaus aber auch positive sein. Es muss ja nicht sein, dass ich gleich eine schlechtere Stimme bekomme, wenn ich Richard Wagner singe. Aber es ist schon so, dass Wagner ungeheuer anstrengend sein kann. Da muss man sich sehr gut im Griff haben und sehr überlegt singen.

Aber ich glaube schon, wenn ich immer wieder Wagner singen würde und dabei keine Pausen hätte, würde die Stimme irgendwann sicher sagen: "Jetzt ist aber Schluss - und Alcina singst du jetzt nicht mehr!" (Daniel Ender, DER STANDARD - Printausgabe, 13./14. November 2010)

 

Anja Harteros, geboren 1972 in Bergneustadt, tritt auf allen großen Opernbühnen der Welt auf. Für ihre erste Lied-CD (Edel) erhielt sie 2010 den französischen Kritikerpreis Orphée d'or.

  • Anja Harteros (Alcina) singt an der Staatsoper. Sie wird statt von den 
Philharmonikern von den Musiciens du Louvre begleitet.
    foto: wiener staatsoper/pöhn

    Anja Harteros (Alcina) singt an der Staatsoper. Sie wird statt von den Philharmonikern von den Musiciens du Louvre begleitet.

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