Dann doch besser Vintage

12. November 2010, 18:04
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Lagebericht zur Kunstmesse in der Hofburg (bis 14. November): gut bis Glenfiddich, Irritation in Alfreds Universum und vieles in Verhandlungen

In der Realität haben 66 Jahre Regentschaft sicherlich mehr Spuren im Gesicht Kaiser Franz Joseph I. hinterlassen, als ihm - so wie er an der Feststiege der Hofburg stoisch den Publikumsansturm erträgt - der Bildhauermeißel zugestand. Künstlerische Freiheit als große Schwester moderner Bildbearbeitungsprogramme halt.

Aber dass Hrdlicka dem, der doch synonym für das Säbelregiment des Nachmärz steht für seine Motivwelt charterte, wer hätte das gedacht. Eh ein Irrtum, dem diese Woche einige Besucher aufgesessen waren. Weil linker und rechter Hand das von Ernst Hilger arrangierte Alfred-Universum und mittendrin dieser stilistische Fremdkörper. Von, Angelo wer? Buzzi-Quattrini, datiert 1914.

19. Jahrhundert stark gefragt

Pauschal gesehen, sind Skulpturen schwerer an den Sammler zu bringen als anderes, das hier im Zuge der 42. Hofburg Messe für Kunst und Antiquitäten (bis 14. 11.) neuer Besitzer harrt. Die Heiligen in Holz (Kunsthandel Senger), Generation 16. Jahrhundert aufwärts, benötigen ikonografisches Verständnis und ein Ni- scherl mindestens. Zeitgenössisches (u. a. Galerien Kovacek Spiegelgasse, Maier) beansprucht wiederum größeren Raum, nicht nur der Maße, sondern vor allem der Wirkung wegen.

Das Fazit des Gros der 44 Teilnehmer nach zwei Vernissagen und fünf Öffnungstagen: gut bis ausgezeichnet, gekauft wird querbeet, in Preisklassen von 3000 bis 100.000 Euro mehrheitlich, darüber in Ausnahmefällen, aber immerhin. Für Abschlüsse jenseits der 500. 000-Euro-Marke, wie bei Carl Molls prachtvoller und vor kurzem aus Uruguay importierter Grinzinger Partie (580.000 Euro, Giese & Schweiger), durfte sich Harald Schweiger dann schon ein Glaserl Glenfiddich genehmigen, wenn nicht zwei oder sogar drei.

Remi van Haanen, Truppe, Rudolf von Alt nebst Keramiken, Lötz-Vasen und Volkskundlichem, zählt Ludwig Wimberger die ersten Verkaufserfolge auf, anderes sei noch in Verhandlungen. Nach Jahren im Palais Ferstel, gibt er hier nun sein Debüt, und ja, auch bei der Residenz Salzburg (16. bis 25. April 2011) ist er fix mit von der Partie.

Nebenan Rhomberg, nein, mit 320.000 Euro sind diese Warhols weder im Sonderangebot, noch mit den Millionen-Lots der New Yorker Auktionen vergleichbar, dekorativ sind Queen Elizabeth & Co ja eh. Vielleicht doch lieber Vintagefotografie von Koppitz (ab 4700 Euro, Johannes Faber) oder endlich eine Maria Lassnig (Galerie Maier). Gerne langte das versierte Publikum beim 19. Jahrhundert zu. 90 Prozent ihrer bisheri- gen Abschlüsse, erzählt Sylvia Kovacek, entfielen auf diese Epoche.

An der Wende zur nächsten Dekade könnten bei Kovacek & Zetter Marie Egners Im Salzburger Moos (85.000) gefallen, oder eine Leonie von Littrows Villa am Meer (42.000). Gesellschaftskritisches wartet bei Schütz, offenkundig bei Albert Birkles Straße mit Schlachterwagen oder auch in tückischer Aufmachung bei Gottfried Goebels Wildschweinen. (kron, DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 13./14. November 2010)

 

  • Mit dem Strick führte Gottfried Goebel die "Nazischweine" Mitte der 
30er-Jahre zur Kastration: Zeitkritisches für 28.000 Euro.
    foto: schütz

    Mit dem Strick führte Gottfried Goebel die "Nazischweine" Mitte der 30er-Jahre zur Kastration: Zeitkritisches für 28.000 Euro.

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