Irland-Rettung rückt näher

12. November 2010, 17:45
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Dublin verhandelt offenbar bereits über Kredite vom Euro-Rettungsfonds, auch wenn das offiziell dementiert wird. Und Irland beschuldigt Berlin, für die dramatische Entwicklung mitverantwortlich zu sein

Dublin/Berlin/Wien - In der Schuldenkrise fragt nach Griechenland nun auch Irland in Brüssel nach Milliarden-Hilfen der EU: Das an den Finanzmärkten in Bedrängnis geratene Land sei bereits im Gespräch über Gelder aus dem 750 Milliarden schweren Euro-Schutzschirm, wie mehrere Vertreter von Euro-Ländern am Freitag der Nachrichtenagentur Reuters bestätigten.

Juncker: Irland hat nicht um Hilfe gebeten

Es sei sehr wahrscheinlich, dass es die Hilfen auch erhalten werde. Der irische Finanzministerium betonte jedoch, das Land habe keinen Antrag auf Nothilfen gestellt. Auch Eurogruppenchef Jean-Claude Juncker winkte ab: Das Land habe momentan nicht um Hilfe gebeten. „Und ich habe keinen unmittelbaren Grund, anzunehmen, dass Irland fragen wird", sagte der Luxemburger Regierungschef. Jedenfalls beruhigte sich die Lage an den Finanzmärkten etwas.

Das finanziell angeschlagene Land muss beinahe jeden Tag mehr Zinsen auf seine Schuldenlast zahlen. Für Schuldtitel mit zehn Jahren Laufzeit waren am Freitag zwischenzeitlich neun Prozent fällig, ein Rekord. Die Differenz zu den als absolut sicher geltenden deutschen Staatsanleihen (Spread) lag bei gut sechs Prozent. Auch das ist der höchste je gemessene Wert. Nachdem sich Meldungen über eine bevorstehende Rettung verdichteten, erholten sich die irischen Anleihekurse etwas. Auch der Euro machte seine im Tagesverlauf erlittenen herben Verluste wieder wett.

Hohe Marktzinsen, hohes Risiko

Für viele Experten steht fest, dass Dublin nicht allein aus der misslichen Lage kommen kann. „Wegen der hohen Marktzinsen ist das Risiko beträchtlich, dass Irland Hilfen in Anspruch nimmt", schreibt etwa die Commerzbank in einer aktuellen Analyse, die dem Standard vorliegt. Der größte Vorteil eines Griffs nach dem Rettungsschirm wäre eine über drei Jahre gesicherte Staatsfinanzierung zu tragbaren Konditionen. Insider rechnen mit einem Volumen von rund 50 Mrd. Euro aus dem Rettungsfonds, den auch der Währungsfonds speist.

Unterdessen haut Irland auf Frankreich und Deutschland hin. Beide trügen Mitschuld an der Finanzmisere auf der Insel. Das sagte zumindest der irische Ministerpräsident Brian Cowen dem Irish Independent. Die Haltung Frankreichs und Deutschlands zur Schulden-Restrukturierung habe nicht vorhersehbare Auswirkungen auf die Finanzmärkte. „Das war nicht hilfreich." Sein Finanzminister Brian Lenihan forderte im britischen Telegraph eine Klarstellung der deutschen Regierung.

Deutschland und Frankreich haben angeregt, dass in Zukunft auch private Kreditgeber Abstriche machen müssen, falls Staaten pleitegehen oder ihre Kredite umschulden müssen. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte mehrfach klargestellt, es könne nicht sein, dass anstelle der Investoren allein die Steuerzahler für die Risiken aufkommen.

Zwar hat Merkel mit anderen EU-Vertretern am Rande des G-20-Gipfels in Seoul inzwischen klargestellt, dass eine Beteiligung der privaten Investoren nicht für bestehende Kredite eingeführt werden soll. Aber die Ängste an den Märkten sind trotzdem groß.

Bank of Ireland angeschlagen

Wegen steigender Kosten für die Staatshilfe und geringerer Einnahmen befürchtet die Bank of Ireland einen heftigen Gewinneinbruch. Das bereinigte Betriebsergebnis vor Wertberichtigungen werde bis zu 40 Prozent unter den 1,5 Mrd. Euro aus 2009 bleiben, teilte das größte irische Geldhaus am Freitag mit. (stro, Reuters, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13./14.11.2010)

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    Die EU-Kommission betonte bereits mehrmals, keine Bitte der irischen Regierung um Unterstützung erhalten zu haben.

    (Bild: Ein Bettler im Zentrum Dublins)

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